Jerusalem

Die Armenier sind stolz auf Jerusalem

„Flüchtiger Blick ins Paradies“: Warum armenische Kacheln Gebäude in der heiligen Stadt schmücken.

Armenische Keramik
Motive aus dem Heiligen Land waren bei den Keramikmeistern beliebt. „Die Verlockungen durch die Datteln“, Mosaik von Marie Balian. Foto: Till Magnus Steiner

Wie der weiße Kalkstein gehört das, was gemeinhin „armenische Keramik“ genannt wird, als Charakteristikum zum Erscheinungsbild Jerusalems. Als weiße Kacheln bemalt mit verschiedenen Motiven von symmetrischen Formen, floralen Darstellungen bis hin zu Paradiesdarstellungen ziert sie sowohl Synagogen, Kirchen und Moscheen als auch Privathäuser und ist selbst in der Residenz des israelischen Präsidenten zu finden. In den verschiedensten Formen, vom jüdischen Sederteller für das Pessach-Fest bis hin zum Türschild oder zur Kaffeetasse, ist sie sowohl in israelischen als auch palästinensischen Haushalten zu sehen und gilt als eines der klassischen Souvenirs für Pilger und Touristen. Wie eine nun im Rockefeller-Museum in Jerusalem zu sehende Ausstellung verdeutlicht, entstand aus der Keramikkunst, die armenische Künstler vor hundert Jahren nach Jerusalem brachten, etwas, das zugleich deren eigene Identität stärkte und ein verbindendes Element in dieser politisch zerrissenen Stadt schuf.

Engländer waren wichtig bei der Erhaltung der Kunst

Der Beginn der armenischen Keramikkunst in Jerusalem liegt in einem glücklichen Zufall inmitten der Tragik des armenischen Genozids. Bereits im 16. Jahrhundert unter Suleiman dem Prächtigen, der den Felsendom in Jerusalem mit verzierten Kacheln einkleiden ließ, florierte das Handwerk der glasierten Keramik. Zuvor war über die Seidenstraße chinesisches Porzellan mit den für die Zeit der Ming-Dynastie typischen blauen Verzierungen auf dem weißen Untergrund in das Osmanische Reich gelangt. Als im 18. Jahrhundert die im heutigen Westen der Türkei liegende Stadt Kütahya zu einem Zentrum der Keramik aufstieg, kamen auch erstmals armenisch-christliche Töpfer mit dieser Kunst in Kontakt.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war der Armenier David Ohannessian einer der erfolgreichsten Keramikkünstler der Stadt und erhielt Aufträge aus der gesamten Welt. Als er dann während des Ersten Weltkriegs mit seiner Familie vor der zunehmenden Gewalt im Osmanischen Reich gegen die armenische Minderheit nach Syrien floh, traf er in Aleppo den britischen Diplomaten Sir Mark Sykes wieder, in dessen Auftrag er 1912 Kacheln für einen orientalisch eingerichteten Raum in dessen Haus in Yorkshire entworfen hatte. Kurz vor diesem Wiedersehen hatte das britische Militär 1917 Jerusalem erobert und der eingesetzte britische Gouverneur Sir Ronald Storrs die Pro-Jerusalem-Society gegründet, um die Erhaltung der Kulturdenkmäler sicherzustellen und das lokale Kunsthandwerk zu fördern. Im Besonderen der schlechte Zustand des Felsendoms beunruhigte ihn: „Die prächtigen Kacheln fielen immer wieder von den Wänden ab“, schrieb er in sein Tagesbuch. Aber weder gab es in Jerusalem eine lokale Keramiktradition, die die nötigen Restaurationen hätte vornehmen können, noch war es möglich, Künstler aus dem verfeindeten Osmanischen Reich zu engagieren. Als Sir Ronald Storrs von dem Treffen zwischen Sir Mark Sykes und David Ohannessian in Aleppo hörte, ließ er den armenischen Künstler sofort zu sich bringen. Mit ihm kamen der Maler Mgrditch Karkashian und der Töpfer Nishan Balian samt ihren Familien. Ihr erstes Projekt scheiterte zwar, da der Pro-Jerusalem-Society die finanziellen Mittel ausgingen für die Restauration des Felsendoms. Daraufhin gründeten die drei Gründungsväter der armenischen Keramikkunst in Jerusalem jedoch eine eigene Werkstatt auf der Via Dolorosa und eine neue Kunstform.

In ihrem Schaffen verbanden sie die traditionellen Motive und Techniken mit der Fauna und Flora ihres neuen Arbeitskontextes sowie der eigenen armenischen Tradition. Besonders prägend wurde das bereits 1894 in den Überresten einer armenischen Kirche aus dem 6. Jahrhundert in Jerusalem gefundene Mosaik, das verschiedene Vögel zwischen Weinreben zeigt. Die vor dem armenischen Genozid geflüchteten und geretteten Künstler waren tief berührt von der Inschrift über dem Mosaik: „Zum Gedenken und zur Erlösung aller Armenier, deren Namen Gott kennt.“ Die darunter dargestellten Vögel symbolisieren die freien Seelen der Gläubigen und mit dieser Bildsprache konnten sich die aus Kütahya Geflüchteten identifizieren.

„Es gibt keine armenische Kunst ohne religiöse Elemente“

David Ohannessian verließ Jerusalem 1948 aufgrund des israelischen Unabhängigkeitskriegs und starb vier Jahre später in Beirut. Die Familien Karkashian und Balian betreiben bis heute noch in Jerusalem ihre Werkstätten und definieren, was armenische Keramik in Jerusalem ist und bedeutet. In ihrer hundertjährigen Geschichte kommt der in Frankreich geborenen und dort aufgewachsenen armenischen Künsterlin Marie Alexanian eine besondere Stellung zu. 1953 traf sie ihren entfernten Cousin Setrak Balian, der gerade auf dem Weg nach England war, um dort verschiedene Töpfertechniken zu lernen. Sie verliebten sich, heirateten und zogen 1965 nach Jerusalem, wo sie aus der sich entwickelnden lokalen armenischen Keramiktradition eine weltweit beachtete Kunst machte. Die von Setrak Balian hergestellte und von ihr bemalte Keramik wurde unter anderem in den USA und Spanien ausgestellt. In ihren Werken zeigt sich ein intensives Studium der künstlerischen Gestaltung armenischer Manuskripte mit ihren eigenen theologischen Überlegungen über das Paradies. „Sie hatte diesen Traum, wie das Paradies ist. Sie malte, was sie glaubte, was uns nach dem Tod erwartet“, erklärt ihr Sohn Neshan Balian Jr. gegenüber der „Tagespost“ und fügte noch hinzu: „Sie war eine gläubige Frau und es gibt keine armenische Kunst ohne religiöse Elemente.“ Ihrer Verdienste für die armenische Keramik in Jerusalem ist auch der Titel der Ausstellung im Rockefeller-Museum gewidmet: „Ein flüchtiger Blick ins Paradies“.

Marie Balian verstarb vor zwei Jahren. Ihr Sohn leitet nun das Familienunternehmen und neben seinem Schreibtisch hängt ein Ölgemälde von ihr. Er ist der Erbe einer in Jerusalem verwurzelten Tradition, doch sein Blick richtet sich nicht aufs Paradies, sondern auf die Rückkehr aus dem Exil. Mit Stolz erzählt er die Geschichte seiner Familie und beschließt sie mit den Worten: „Die Jerusalemer armenische Keramik ist einmalig. Sie gehört zur Identität Jerusalems. In Armenien finden Sie nichts Vergleichbares; dort gibt es keine armenische Keramik.“ Doch er selbst hat in der vom israelisch-palästinensischen Konflikt geprägten Stadt keine Heimat gefunden. „Es ist sehr interessant und es ist eine Ehre, mit jüdischen, christlichen und muslimischen Auftraggebern zu arbeiten – sei es in Synagogen, Kirchen oder Moscheen –, aber ich fühle, dass ich meine Heimat nur in Armenien finden kann.“ Daher hat er entschieden, sein Unternehmen dorthin zu verlagern. Mit Stolz erzählt er, dass es in Armenien zu Ehren der hundertjährigen Geschichte der armenischen Keramikkunst in Jerusalem nun auch eine mit der im Rockefeller-Museum vergleichbare Ausstellung unter der Schirmherrschaft des Katholikos in Etschmiadsin gibt. „Die armenische Gesellschaft ist stolz auf unsere Geschichte hier in Jerusalem.“ Und nun sei es für ihn an der Zeit, die Jerusalemer armenische Keramik auch in Armenien zu beheimaten.

Rockefeller Museum, Sultan Suleiman Str. 27, Jerusalem,
die Ausstellung ist bis September geöffnet.