Würzburg

Der Sinn des Lebens auf Null

Vor hundert Jahren begannen die „Roaring Twenties“ zwischen nationaler Depression und neuem Daseinshunger.

Die „Goldenen Zwanziger“
Berlin, Tanztee im „Esplanade“: Nach einer Zeit voller Mangel zeigte sich in den „Goldenen Zwanzigern“ der „Heißhunger auf Lebensgenuss“. Foto: Bundesarchiv

Das Jahr 1920 war kein Schlüsseljahr der Wissenschaftsgeschichte wie 1905, der Annus mirabilis, in dem Albert Einstein seine im wahrsten Sinn bahnbrechenden Beiträge zur Grundlegung der Relativitätstheorie veröffentlichte. Politisch-geschichtlich kommt es in keiner Weise an die Bedeutung der Jahre 1933 und 1939 heran. Und dennoch: 1920 war ein entscheidendes Achsenjahr. Die alte Welt war unwiderruflich kurz zuvor zusammengebrochen, was mancher Zeitgenosse wohl noch nicht richtig realisiert hatte; eine neue kristallisierte sich erst schemenhaft heraus. Alte Sicherheiten und Orientierungsleitplanken waren 1918/19 weggefallen, neue Richtlinien fehlten. Allenthalben konnte man eine Atmosphäre spüren, die der marxistische Literaturtheoretiker Georg Lukács als „transzendentale Obdachlosigkeit“ bezeichnete. Alte Autoritäten wie Staat, Kirchen, Verbände und Parteien, die traditionell den Rahmen des Daseins bildeten, formierten sich neu. Mit dem Ende der Monarchie ging eine Neukonstituierung aller gesellschaftlichen wie politischen Bereiche einher. Alles wurde neu ausgehandelt; nichts ging ohne beträchtliche Friktionen vor sich, etwa auf dem Gebiet der Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften.

Der harte Kampf ums Dasein prägte den Alltag von Millionen. Überall herrschte Mangel, besonders Nahrungsmittel und Medikamente waren knapp, Brennmaterial häufig nur schwer zu bekommen. Die ausgezehrten Körper konnten der Verbreitung der Spanischen Grippe nur wenig Widerstand entgegensetzen. Trotz aller Nöte zeigte sich überall Heißhunger nach Lebensgenuss. Bars, Kneipen, Theater und Etablissements aller Art wuchsen wie Pilze aus dem Boden und füllten sich schnell – gerade in den Großstädten. Aus Sicht mancher Kulturkritiker mutierten sie bald zum „Sündenpfuhl“.

„Krisenjahre der klassischen Moderne“

Dass das Jahr 1920 im Kontinuum der Zeitgeschichte doch nicht irrelevant war, zeigt (neben der Entstehung scheinbar mächtiger Institutionen wie dem Völkerbund) eine Reihe wesentlicher literarischer Erzeugnisse. Sie offenbaren in starkem Maße die weltanschauliche Zerklüftung, die die neue Republik während ihrer gesamten Existenz auszeichnete. Die Historiker sprechen von „Krisenjahren der klassischen Moderne“ (Detlev K. Peukert). Vieles musste neu und oft erstmals erprobt werden, manches scheiterte. Die Gesellschaft übte sich im Experimentalismus, der sich in der jungen Sowjetunion sogar noch stärker bemerkbar machte.

Alle Formen von Sinnsuche und Scharlatanerie konnte man beobachten; Utopien schossen üppig ins Kraut, flankiert nicht zuletzt von ideologischen Einflüssen der russischen Revolution. 1920 erschien die Schrift „Zur Sexualethik des Kommunismus“ der Publizistin und späteren KPD-Funktionärin Ruth Fischer, Schwester des Komponisten Hanns Eisler. Wie zahllose radikale Intellektuelle ritt sie scharfe Attacken auf die bürgerliche Ordnung. Abtreibung solle bis zum dritten Monat erlaubt werden, sämtliche Formen sexueller Beziehungen müssten gleichgestellt, die Strafbarkeit von Homosexualität müsse aufgehoben werden; der Vorrang von Ehe und Familie, festgeschrieben in der Weimarer Reichsverfassung, sei patriarchalisch. Kinder sollten den Namen der Mutter tragen. Kommunenartigen Strukturen sei die Verantwortung für die Erziehung der Kinder primär zu übertragen, nicht der kapitalismuskompatiblen Kleinfamilie. Fischer sprach sich für ein „produktives Chaos“ zwischen den Geschlechtern aus.

„...es rumort in der Tiefe,
und der Boden schwankt leise"
Kurt Tucholsky

Doch auch die politisch andere Seite trat im gleichen Jahr mit aufsehenerregenden Publikationen an die Öffentlichkeit. Der hoch dekorierte Stoßtruppführer Ernst Jünger brachte eine genuine Ästhetisierung der Kämpfe des Ersten Weltkrieges unter dem Titel „In Stahlgewittern“ heraus. Bald avancierte er zum Star eines später eher merkwürdig anmutenden ideenpolitischen Komplexes, den man mangels besseren Ausdrucks als „Konservative Revolution“ umschrieben hat. Der rechte Publizist Armin Mohler, der zeitweise Jünger nach dem Zweiten Weltkrieg als Sekretär diente, machte den Begriff in der Fachwelt bekannt. Viele ehemalige Frontsoldaten, die mit ihrer neuen Freiheit öfters nichts anzufangen wussten und das Grauen mitunter als normal wahrnahmen, fanden sich in der Darstellung des Tötens, Sterbens sowie der Eintönigkeit des Alltags wieder. Manchmal wirkt das Morden in den Aufzeichnungen des Pour-le-Mérite-Trägers Jünger geradezu lustvoll, manchmal auch schreckenerregend. Das Buch, eine eigenartige Mischung aus Tatsachenbeschreibung und Roman, avancierte binnen kurzer Zeit zum Bestseller. Jünger zählte bald zu den bekanntesten Schriftstellern der nationalrevolutionären Rechten.

Selbst ein in seinen Auffassungen Jünger entgegengesetzter Autor wie Alfred Döblin, gelernter Arzt, übte sich in der „Sinngebung des Sinnlosen“ (Theodor Lessing). In seiner Meinung über den zurückliegenden Krieg sind Übereinstimmungen mit dem Schriftstellerkollegen offenkundig. Irgendwo musste doch alles einen Sinn gehabt haben! Das gesellschaftliche Grundgefühl nicht nur dieses Jahres, sondern des ganzen Jahrzehnts wurde gern mit der Metapher „Bodenlosigkeit“ beschrieben. In seinem 1920 erschienenen Essay „Dämmerung“ spricht der „Weltbühnen“-Autor Kurt Tucholsky von einer Welt in „Bewegung“. Es „rumort in der Tiefe, und der Boden schwankt leise“. Viele vermissten die als unerschütterlich angenommene bürgerliche Ordnung und Sekurität, so sehr sie auch permanenten Anfeindungen ausgesetzt war. Überall registrierte man den Zerfall tradierter Werte. Nur wenige, wie der Schriftsteller Stefan Zweig, sahen die Chance, etwas dauerhaft Neues bewerkstelligen zu können.

Die Gesellschaft zwischen Trance und Wirklichkeit

Ein junger Philosoph, Martin Heidegger, aus katholischem Elternhaus stammend und im Umfeld Edmund Husserls an der Universität Freiburg tätig, übersetzte die diffuse Stimmungslage in eine oft nur schwer verständliche philosophische Sprache. Trotz des wabernden Tones erzielte er wenige Jahre später einen Jahrhundert-Bucherfolg auf philosophischem Terrain: „Sein und Zeit“. Doch auch andere Botschaften sandte man in diesem Jahr aus. Der russische Anarchist und Adelige Pjotr Kropotkin wollte eine solidarische Gesellschaft begründen. Sein Traktat trägt den Titel: „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“. Als Vorbild dienten ihm Formen von Zusammenarbeit, die er unter Tieren wahrgenommen hatte.

Auch auf anderen kulturellen Sektoren kündigte sich ein neues Zeitalter an. Auf dem Gebiet des Films sorgte 1920 „Dr. Caligari“ für Furore. Die Hauptfigur versetzt den Somnambulen Cesare in Trance und stiftet ihn zum Mord an. Daneben erregte der Superverbrecher Dr. Mabuse, der seine literarische Existenz dem luxemburgischen Schriftsteller Norbert Jacques verdankte, Aufsehen. Diese fiktive Gestalt bewegt sich zwischen Trance und Wirklichkeit – wie die Gesellschaft insgesamt, so die Eindrücke vieler Zeitzeugen. Gerade die psychopathologische Manipulierbarkeit erschien grenzenlos.

„1920“ darf als Übergangsjahr in eine ungewisse Zukunft gelten. Die Identitätskrise war so groß, dass nicht wenige sogar zwielichtigen Demagogen, die ihre Karriere meist in Hinterzimmern begonnen hatten, Glauben schenkten. Eine Beruhigung der Lage war nicht in Sicht. Dass alles nur besser werden könne, blieb die einzige Hoffnung. Selbst sie erwies sich als trügerisch.

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