Berlin

Den sündenfreien Garten selbst geschaffen

Die Natur ist eine sanfte Freundin: Gedanken zur Ausstellung "Garten der irdischen Freuden" im Berliner Gropius Bau.

Installation "Antoine's Organ" (2016) von Rashid Johnson
Pflanzen mit Wachstumslampen, sanfte Klaviermusik zwischen den Blättern als poetisches Abbild der Welt. Doch ist die Installation „Antoine's Organ“ (2016) von Rashid Johnson eine angemessene Darstellung der Natur? Foto: Gropius Bau

Selbstredend ist diese Ausstellung nur eine weitere Ansammlung postmoderner Beliebigkeiten, die mit dem Anspruch präsentiert werden, Bedeutsames über die Welt von gestern, heute und sogar auch morgen auszusagen. Realiter allerdings wird bloß „irgendwas mit Pflanzen“ gezeigt: Mal sind es echte, die zur kritischen Betrachtung auf Regalen herumstehen, mal sind sie Riesendinger aus Plastik, mal sind es im Finstern mäßig duftende Nachtpflanzen und mal, um ihr angeblich unfreiwilliges Exil in europäischen Botanischen Gärten anzuprangern, in Glasbehältern „kasernierte“ Pflanzen aus Übersee.

Die entsprechenden Begleittexte wiederholen, was derzeit im grün-roten Mainstream a la mode ist. Anders gesagt, wer mit den gängigen Plattitüden über Klima und Kolonialismus plus Gendersternchen en masse nicht belästigt werden möchte, der sollte den „Garten der irdischen Freuden“ tunlichst meiden, der gegenwärtig gleich 17 Räume im Berliner Gropius Bau für sich beansprucht.

Wer jedoch die Mühe nicht scheut, sich selbst ein Bild davon zu machen, mit welcher Chuzpe selbsternannte Weltverbesserer der inzwischen allgegenwärtigen neopaganen Klimareligion eine staatlich hochsubventionierte Ausstellungshalle für ihre Propaganda nutzen, der wird auf seine Kosten kommen.

Ausgangspunkt der Schau ist „Der Garten der Lüste“. Der Niederländer Hieronymus Bosch ist der Schöpfer des heute in der spanischen Hauptstadt Madrid und dort im Museo del Prado beherbergten weltbekannten Triptychons. Es soll zwischen 1490 und 1500 entstanden sein. Auftraggeber war Engelbert II. von Nassau, der es jedoch wohl nicht als Altarbild nutzte, sondern von 1518 an als Kunstwerk seiner Sammlung im Brüsseler Stadtpalais des Grafen von Nassau einverleibt hat. Im Escorial ist es seit 1593 inventarisiert.

Die Genesis spielt hier keine Rolle

Zugeklappt zeigt die Frontseite die Erde am dritten Schöpfungstag, an dem Gottes Wort das Trockene und das Wasser vonein-ander trennt und auf das jetzt Land genannte Trockene „alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen“ setzt. Den linken Innenflügel hat Bosch mit der Erschaffung Evas aus Adams Rippe und der satanischen Schlange bemalt, die auf den kommenden Sündenfall hinweist, während er konträr dazu den rechten Innenflügel für ein Abbild der Hölle nutzt. Der Mittelteil wird seit jeher als Schau einer ausufernden Wollust gedeutet, die bekanntlich zu einer der sieben Todsünden gehört. Versuche, das Bild als Liebesparadies oder utopisches Traumbild zu deuten, sind von der seriösen Kunstkritik stets zurückgewiesen worden.

Der Gropius-Bau zeigt nur eine farbmatte Photokopie des Mittelteils und folgt, wie sollte es anders sein, der abseitigen utopischen Lesart, nach der Bosch angeblich „zwischen Himmel und Hölle eine Vision eines von Menschen, Tieren und Pflanzen bevölkerten und für immer sündenfreien Garten Eden“ entwirft. Zu dieser schamlos anachronistischen Deutung, die ungeniert auf ein Kunstwerk aus dem späten 15. Jahrhundert die selbstreferenzielle Weltsicht der Ausstellungsmacher pfropft, passt dann allerdings nur allzu gut eine von Grünzeug umrahmte Videoinstallation perfekt, die lüstern stöhnende junge Männer bei ihren erotischen Kontakten mit Farnen zeigt.

In einem solchen Kontext versteht es sich offenbar von selbst, dass Genesis und die christliche Intentionen eines Hieronymus Bosch keine Rolle spielen. Hoch im Kurs stehen stattdessen derzeit gängige Vokabeln wie „Vertreibung“, „dystopisches Potenzial“, „Anthropozän“,„urban gardening“, „Zen“ und wie sollte anders sein, natürlich auch „Klimaveränderung“ und „Migration“. Intendiert scheint zu sein, dass nach dem Besuch der Ausstellung „Gärtner*innen“ zu „Aktivist*innen“ werden. Ob das allerdings gelingt, indem man dem bei unserem Rundgang eher ratlos umherschweifenden Publikum allerlei eher lächerlich zu nennende Variationen von adrett drapiertem Kleingrün präsentiert, die ausschauen wie Scherzartikel in einem Gartencenter, darf bezweifelt werden.

Wirklich sehenswert ist im „Garten der irdischen Freuden“ allein ein aus dem Islamischen Museum entliehener, Ende des 18. Jahrhunderts gewebter prächtiger persischer Baumwollteppich, in dessen kunstvollem Muster ein Paradiesgarten aus der Vogelperspektive aufscheint. Der hat unser Auge entzückt. Der „Rest“ ist „wie Documenta“ und könnte mit Schweigen übergangen werden, wenn nicht auch hier wieder das Neopagane triumphierte.

„Garten der irdischen Freuden“, Berliner Festspiele, Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, geöffnet noch bis zum 01.12.2019