Telgte

Am Anfang ist die Versuchung

Die Todsünde verschwindet immer weiter aus dem Bewusstsein des modernen Menschen. Dabei lauert die Versuchung überall, wie eine Wanderausstellung deutlich zeigt.

Völlerei ist eine der sieben Todsünden, wie der Maler Hieronymus Bosch sie sah.
Völlerei ist eine der sieben Todsünden, wie der Maler Hieronymus Bosch sie sah. Foto: IN

Es ist scheinbar widersprüchlich und doch eine folgerichtige Entwicklung. Je weniger wir in Predigt und Katechese über die Sünde hören, umso mehr nehmen die Kinder der Welt sich des Themas an. Speziell Musiker wie bei den Tagen Alter Musik in Herne, die im letzten Jahr den Spuren der Todsünden in den Kompositionen der Barockzeit nachgingen und Künstler – die in der Gesellschaft schon immer eine prophetische Funktion wahrgenommen haben, beschäftigen sich seit einiger Zeit zunehmend mit jenen geistlichen Fehlhaltungen, die wir zu unserem eigenen Schaden aus dem Blick verloren haben. Die Psychologie aber lehrt zu Recht: Das, was wir verdrängen, schwärt und gärt vor sich hin und nimmt uns ehe wir uns versehen, gefangen.

Todsünden sind gefährlich für das Leben der Seele

Zum Thema Todsünden gibt es jetzt die Ausstellung von sieben mobilen Installationen, die bis zum 25. August 2019 zwischen Kirche und Wallfahrtskapelle in der Stadt Telgte nahe Münster in Nordrhein-Westfalen zu sehen sind. In ihnen bringen sieben bundesweit tätige Künstlerinnen und Künstler zum Ausdruck, wie sich ihnen die sieben Todsünden darstellen. Das Formenrepertoire reicht dabei von Bildhauerei über Installation bis zur Malerei. Wiebke Bartsch setzt die Wollust ins Bild, Stefan Demming gibt dem Hochmut Gestalt, Ottmar Hörl macht die Faulheit sichtbar, Katharina Krenkel den Neid begreifbar, Beate Passow setzt den Zorn in Szene, Dietmar Schmale lässt uns den Geiz und Peer Christian Stuwe die Völlerei sehen.

Dass diese geistlichen Fehlhaltungen uns alle in irgendeiner Form und in unterschiedlich starker Ausprägung etwas angehen, bringt die Ausstellung ebenfalls zum Ausdruck. Denn die fest auf Anhänger montierten Kunstwerke werden als Wagen-Kolonne von einem zum nächsten Ausstellungsort transportiert. Dadurch wird der innere Zusammenhang der Todsünden sichtbar, dessen Dominoeffekt sie zu so einer gefährlichen Angelegenheit für das Leben der Seele macht. Denn die Todsünden fangen klein an. Sie schleichen sich heimlich, still und leise in unser Leben. Eine kleine Fehlhaltung hier, eine süße Versuchung dort: „Kann denn das schon Sünde sein?“, fragen man mit neckischem Augenaufschlag. Aber genau hier beginnt die Gabelung zwischen dem breiten und dem schmalen Weg. Denn wer jetzt in gesellschaftlich weithin akzeptierter Toleranz mit „nein“ antwortet, hat dem nächsten seelischen Rückenschaden schon den Weg bereitet. Eine Fehlhaltung bringt nämlich folgerichtig die nächste hervor, und was winzig begann, kann im Laufe der Zeit gewaltige Ausmaße annehmen.

Wanderausstellung zeigt Omnipräsenz

Deshalb ist es gut, dass das Projekt www.saligia-kunst.de die Todsünden in den sieben mobilen Installationen nicht nur wieder sichtbar macht, sondern durch die Konzeption als Wanderausstellung, die Zwischenstopps an innerstädtischen Plätzen und ländlichen Orten machen wird, auch ihre Omnipräsenz zu einem gesellschaftlichen Thema macht.

Saligia selbst ist ein Kunstwort, dass sich aus den Anfangsbuchstaben der lateinischen Bezeichnungen für die sieben Todsünden – superbia, avaritia, luxuria, ira, gula, invidia und acedia – zusammensetzt. Auch auf dieser Ebene spielen die Ausstellungsmacher mit christlicher Tradition und machen bewusst, wie man in früheren Zeiten Sinn verdichtete. Ein Beispiel hierfür ist das Symbol des Fisches, das den ersten Christen als Erkennungszeichen diente und dessen griechisches Wort, ichtys, sich aus den griechischen Anfangsbuchstaben der Worte „Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser“ zusammensetzte.

Wer die Ausstellung sehen möchte und im Juli und August nicht in die Nähe von Telgte, einem alten Wallfahrtsort zur schmerzhaften Muttergottes, kommt, hat noch bis Dezember 2020 weitere Möglichkeiten, die Installation der sieben Todsünden zu betrachten. Den Ausstellungsmachern – federführend waren hier Kloster Bentlage in Rheine und das Museum RELiGIO der Stadt Telgte – kann man für diese gute Idee, vermittels einer künstlerischen Präsentation wieder neu zu einer Auseinandersetzung mit den Todsünden anzuregen, nur danken. Vielleicht kommt ja die eine oder andere Firmgruppe auf die Idee, der Ausstellung einen Besuch abzustatten. Das wäre wegweisend, denn die Sünde ist ein Thema, das jeden Menschen betrifft.

Die Wanderausstellung „Saligia – Die 7 Todsünden“ ist bis 9. September 2019 im Schauraum in Münster zu sehen, vom 12. September bis 3. November 2019 am Kult in Verden, vom 19. April bis 14. Juli 2020 am Museum Abtei Liesborn, vom 21. Juli bis 9. August 2020 im Bioenergiepark Saerbeck und vom 31. Oktober bis 20. Dezember in den Flottmann Hallen in Herne.

Mehr Informationen unter www.museum-telgte.de oder www.saligia-kunst.de.