Würzburg

Albrecht Goes: Der Brückenbauer

Albrecht Goes: Der Freund des Judentums und Dichter lichtvollen Glaubens schrieb das Gedicht, das zur Verständigung gebraucht wurde.

Albrecht Goes- Antisemitismus war ihm eine Pest
Der Antisemitismus war ihm eine Pest: Albrecht Goes. Foto: IN

Vor 60 Jahren erschien das erschütternde Schlüsselgedicht „Die unablösbare Kette“ von Albrecht Goes, in dem er die Shoa-Erfahrung und seine Israel-Verbundenheit poetisch und fast im Stil von Paul Celan zum Ausdruck bringt. Die Welt im Nussbaumholz wird zu Gewehrschäften, die Namen der jüdischen Nachbarn sammeln sich in Anne Frank, die unablösbare Kette ist: „Baumfrucht – fruchtbarer Kern – Kernhaus – Blausäure – Auschwitz“. Es gibt kein ähnlich bedeutsames Gedicht zum Holocaust von einem nichtjüdischen deutschen Autor. „Allzu viele von der Art Albrecht Goes' hatten und haben wir in der Literatur unseres Jahrhunderts nicht“ – so meinte auch Hans-Rüdiger Schwab am Ende eines „vorläufigen Versuchs über Albrecht Goes“ nach dem 1986 mit ihm geführten Gespräch in der ZDF-Reihe „Zeugen des Jahrhunderts“. Es ist eher still geworden um den vor zwanzig Jahren am 23. Februar 2000 in Stuttgart verstorbenen schwäbischen Dichter und evangelischen Pfarrer, der in engem Austausch mit jüdischen Freunden wie Martin Buber, Nelly Sachs, Margarete Susman und Elazar Benyoëtz stand.

"Du sollst dich nicht vorenthalten"

Wie sein Landsmann Eduard Mörike ist Goes ein leiser und gerade deshalb nachdrücklicher Erzähler. Geboren im Pfarrhaus Langenbeutingen am 22. März 1908, an Goethes Todestag und dem Sonntag „Oculi“, blieb er stets vom sehenden Auge geprägt und warf seinen lauteren Blick auf Kunst, Literatur und Geschichte. Ihn schockierte als Jugendlicher, der nach dem frühen Tod der Mutter zu seiner Großmutter nach Berlin-Steglitz kam, die Ermordung von Walter Rathenau. 1934 wandte er sich angesichts der politischen Entwicklung in einem Brief sorgenvoll an Martin Buber, der ihm mit einer Postkarte handschriftlich antwortete und den Satz „Du sollst dich nicht vorenthalten“ zusteckte.

Goes, der als Gast von Kloster Beuron und Berliner Schüler Romano Guardinis, den er „meinen Lehrer“ nennt, auch gegenüber katholischen Einflüssen offen war, ging mehr und mehr in die innere Emigration, die geistige Distanzierung von aller Hitlerei. Ohne sich aktiv am Widerstand zu beteiligen, versteckten er und seine Frau Elisabeth bedrohte Juden im Gebersheimer Pfarrhaus. Christlicher Antijudaismus war ihm stets suspekt und der Antisemitismus „keine Meinung, noch weniger eine Haltung, sondern eine Pest“. Zum Krieg eingezogen war er Lazarett- und Gefängnispfarrer in der Ukraine und in Ungarn. Dort machte Goes die Erfahrungen, die in seine bekannteste Erzählung „Unruhige Nacht“ (1949) über die Begleitung eines zum Tode Verurteilten einfließen. Wie kein anderer deutscher Dichter thematisiert er in den Erzählungen „Das Brandopfer“ (1954) und „Das Löffelchen“ (1965) den Holocaust an den Juden, beklagt ihre „Ausmordung“.

Albrecht Goes schätzte das „strenge Glück“ Hölderlins

Für Martin Buber, den er später in einer Widmung seinen Lehrer, Vater und Freund nennt, hält er 1953 auf Vorschlag des Bundespräsidenten Theodor Heuß die an den frühen Briefwechsel anknüpfende Laudatio anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. Wie wenige kannte er das „Übermaß an Verstörungen und Verwirrungen“ nach dem Krieg und setzte sich wie Reinhold Schneider gegen die Wiederbewaffnung ein. Seit 1973 korrespondierte er mit dem von Wiener Neustadt nach Tel Aviv vertriebenen Rabbiner Elazar Benyoëtz, dem er sein erwähntes Gedicht „Die unablösbare Kette“ (1960) zuschickt. Dieser bekennt nach einem Besuch in Stuttgart-Rohr: „Das Haus Goes ist ein Stück Israel.“ Und 1993 schrieb er ihm: „Es war für uns Nachkriegler und Überlebende ein Glück zu erfahren, dass es Dich in jener menschenarmen Zeit gegeben hat.“

Die Themen Schuld und Vergebung behandelte er höchst sensibel, auch im Dialog mit Simon Wiesenthal. Seine Sicht auf Israel und das Judentum, die Helmut Zwanger in einem Hommage-Band zum 100. Geburtstag zusammen mit der Freundschaft zu Martin Buber breit darstellte (Tübingen 2008), fasst das Gedicht „Synagoge“ (1961) zusammen: „Straßburger Münster, Seitenportal/ Im Abendschatten hört erschrockene Seele,/ Dies Bild betrachtend, ein geheimes Lied:/ Die Langverstoßne ist die Sehrgeliebte,/ Die Blickverhüllte, siehe, die Betrübte:/ Sie wartet und sie weiß. Sie ist's, die sieht.“ Hier hat einer das Paulus-Wort verstanden: „Nicht Du trägst die Wurzel, die Wurzel trägt dich“ (Röm 11, 18).

Gabe des Tröstens auch in schlimmen Zeiten

Als Lyriker und Erzähler war Goes ein Hüter der Sprache und des Wortes. Sein Credo „Der Satz ist heilig“ lebt von einem „unzerstörbaren Grundvertrauen in das Wort und in seine Möglichkeiten zu sein und zu bleiben“, wie er 1974 in seiner Rede „Buchstab und gesprochen Wort“ festhielt. Der Vater von Albrecht Goes hat seinen Sohn 1930 in der Tuttlinger Stadtkirche ordiniert und ihm dabei als innere Berufung das „Amt des Tröstens“ zugesprochen. Dazu hatte er wirklich die Gabe und sie auch in schlimmen Zeiten in vielen menschlichen Begegnungen bezeugt, in seinen pastoralen und literarischen Texten bleibend ins Wort gebracht.

Gedanken an der Grenze des Lebens

Der „Verlag am Eschbach“ hat viele davon zugänglich gemacht in den schönen Bänden „Dunkle Tür, angelehnt. Gedanken an der Grenze des Lebens“ (1996), „Ein Lächeln inmitten der Schöpfung. Sonntagsgedanken“ (1997) und „Das Erstaunen. Begegnung mit dem Wunderbaren“ (1998). Seine Erzählungen, Gedichte und zahlreiche Essays zu Mörike und Mozart sind als Fischer-Taschenbücher erhältlich. In „Abschied ohne Abschied“ (1991) wird Mozarts „Requiem“ einzigartig in Worte gebracht. Eine Gesamtausgabe seiner Schriften wäre höchst angebracht.

Die „Vierfalt“ (so ein Buchtitel 1993) von Musik, Dichtung, Politik und Theologie prägte die geistige Gestalt von Albrecht Goes, der zu Vertretern aller vier Bereiche intensive Beziehungen hatte. Besonders eng war der Kontakt zu Thomas Mann und Richard von Weizsäcker, dessen Rede zum 8. Mai 1985 er sehr begrüßte. Leichtigkeit, Besonnenheit, Humor, nahezu kindliche Gläubigkeit und Sanftmut gehen von ihm aus. Als seine ständigen Begleiter sah Goes neben der Bibel Goethes und Mozarts Werk, das „strenge Glück“, das Hölderlins und Mörikes Dasein für ihn bedeutet, den weiten Humanismus von Hermann Hesse, der ein Jugendfreund seines Vaters war, und den jüdischen Freund Martin Buber, aber auch Thornton Wilder, Albert Camus und sogar den Katholiken Bruce Marshall, dessen Abbé Gaston aus dem Roman „Keiner kommt zu kurz“ dem langjährigen Pfarrer ein Brückenbauer war, „auf den es in dieser Weltstunde ankommt“. Albrecht Goes selbst war ein solcher Brückenbauer, den jede Zeit sucht und braucht.

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