Missionare

Pater Wolfgang Zürrlein CMM: Kein Afrikamissionar

Pädagogik mit Rosenkranz und einem Glas Wein: Eine persönliche Erinnerung an Pater Wolfgang Zürrlein CMM.
Pater Wolfgang Zürrlein CMM
Foto: Pater Andreas Rohring CMM

Die Nachricht von seinem Tod hat mich erschüttert. Aber ist das das richtige Wort? Wenn ein fast 90jähriger nach jahrelangem Krebsleiden und vielen Chemotherapien, am Ende aber mit sich selbst und der Welt ganz im Frieden, im übrigen ohne Todesfurcht und in tiefem Gottvertrauen stirbt – ist das wirklich „erschütternd“? Nein, ich muss versuchen, es besser auszudrücken. Vielleicht so: Da ist jemand verschwunden aus meiner Welt und darüber erschrecke ich. Für Unbeteiligte ist die Veränderung so unmerklich wie ein Kopf mehr oder weniger in einem kunterbunten Wimmelbild, der Unterschied fällt eigentlich gar nicht auf. Doch für mich klafft in diesem Bild nun ein großes Loch, die ganze Welt hat sich verändert!

Ich lernte Pater Wolfgang Zürrlein 1976 kennen. Da war ich zehn Jahre alt und kam ins Internat der Mariannhiller Missionare im westfälischen Maria-Veen. Es war eine andere Zeit, wie ich heute im Älterwerden deutlicher spüre. Vieles, was damals in unserer kleinen Schul- und Klosterwelt normal war, klingt in den Ohren der Jüngeren schier unglaublich. Wir wuschen uns an einer Rinne mit eiskaltem Wasser, wir hatten sechs Tage pro Woche Schulunterricht, die Nachmittage waren mit zweieinhalb Stunden Silentium gefüllt. Und an den Sonntagen gehörte der gemeinsame Nachmittagsspaziergang mit dem Präfekten und dem Rosenkranz zum Pflichtprogramm.

Ein strenger Erzieher mit menschlichen Seiten

Für Außenstehende und Nachgeborene noch schwerer vorstellbar ist das Verhältnis, das ein zehnjähriger Junge zu seinem Präfekten hatte – oder doch haben konnte. Für mich jedenfalls war er fast so etwas wie mein Ersatzvater. Er tröstete mich in meinem Heimweh, übte mit viel Geduld Mathe und Latein mit mir, schimpfte mit mir und ohrfeigte mich (auch das war damals noch normal, und keiner von uns machte ein Drama daraus) und brummte mir Strafarbeiten auf (meistens: abschreiben aus dem Lesebuch). Aber er erzählte uns auch viele Geschichten aus dem Krieg und aus seiner fränkischen Heimat, er segnete uns am Ende des Tages, bevor er das Licht im Schlafsaal ausknipste und uns unserer eigenen Welt überließ, einer Welt der Taschenlampen, Kissenschlachten, Transistorradios und Hörspielkassetten. Er selbst genoss derweil eine Flasche Bier oder ein Glas Wein im Refektorium und rauchte dazu Filterzigaretten. Auch das war damals noch normal. In den Osterferien 1978 lud er Jürgen, Matthias und mich zu einer Fahrt nach Bayern ein. Es war für uns die bis dahin weiteste Reise unseres Lebens. Über das Sauerland und die Nordseeküste waren wir noch nicht hinausgekommen. Wir hielten am Frankfurter Flughafen (keiner von uns hatte je einen Flughafen gesehen) und staunten über die startenden und landenden Flugzeuge so, wie ein Kind heute nur über einen Raketenstart vor seinen Augen staunen würde. Von Frankfurt fuhren wir ins Mutterhaus der Mariannhiller Missionare nach Würzburg.

Ein Meer von Kerzen

Der Zufall wollte es, dass es der 16. März war, der Tag der Zerstörung Würzburgs am Ende des Zweiten Weltkrieges, und so zogen wir abends mit tausenden von Menschen durch die Stadt. Die Eindrücke haben sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt: Ein Meer von Kerzen in der Dunkelheit und darüber das tausendstimmige Gemurmel aus Gebeten und Gesängen, dazu Fotos, auf denen die Zerstörung sichtbar wurde, und Gesichter, die immer noch vom Entsetzen gezeichnet waren. Kein Mensch wäre damals auf die Idee gekommen, dass ein solches Gedenken irgendwie „rechts“ sein könnte oder eine antifaschistische Gegendemonstration provozieren würde. Dass man um die Toten der Bombenangriffe trauert und an die sinnlose Zerstörung der eigenen Stadt erinnert, hat damals noch niemand infrage gestellt.

Unsere Reise führte weiter nach Mönchsdeggingen und Reimlingen, wir besuchten Wallfahrtsorte und Klöster, fuhren in Pater Wolfgangs altem Opel Rekord kreuz und quer durch Bayern, feierten morgens die Frühmesse, sangen im Auto Marienlieder und spielten abends Schafskopf.

Er wollte nach Afrika

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Pater Wolfgang hatte eigentlich ein anderes Leben im Sinn gehabt. „Als ich ins Kloster eingetreten bin, war völlig klar, dass ich nach Afrika wollte. An etwas anderes habe ich gar nicht gedacht“, erzählte er einmal. Die Mariannhiller Missionare (ein Ende des 19. Jahrhunderts von Franz Pfanner von den Trappisten abgespaltener Orden) hat bis heute seinen Schwerpunkt in der Afrikamission und der Entwicklungshilfe, doch ein Afrikamissionar ist in 67 Ordensjahren nicht aus Pater Wolfgang geworden. Lehrer, Erzieher, Präfekt und Internatsleiter, später Novizenmeister und dann in der Generalleitung des Ordens in Rom, das waren seine Stationen. Im Seligsprechungsprozess für den 1945 in Dachau umgekommenen Mariannhillerpater Engelmar Unzeitig kam Pater Wolfgang die Rolle des diözesanen Postulators zu. Auch diese Aufgabe führte ihm die Verdunstung des Glaubens in Deutschland vor Augen, über die er in seinen letzten Lebensjahren ratlos staunte, denn einmal erzählte er von den unterschiedlichen Reaktionen auf die Aufrufe des Ordens, über Gebetserhörungen zu berichten: „Da kommt aus Deutschland so gut wie gar nichts, aber aus Amerika bekommt man viele Zuschriften. Also muss man sich fragen, ob es in Amerika mehr Gebetserhörungen gibt oder ob in Deutschland einfach viel weniger gebetet wird.“

Auch sonst fand er reichlich Grund, über Landsleute und Zeitgenossen den Kopf zu schütteln. Mit den „Achtundsechzigern“, so erzählte er oft, nahm das Unglück seinen Lauf, selbst Priester und Ordensleute ließen sich verwirren, trauten der eigenen Moral nicht mehr und trauten sich erst recht nicht, sie zu predigen. Wenn ich ihn in den letzten Jahren manchmal in Würzburg besuchte, holten wir uns aus dem großen Saal Kaffee und Kuchen. Meistens war der Saal vollständig leer. Dann sagte er traurig: „Und stell dir einmal vor, als ich jung war, saß der ganze Saal voll mit Novizen.“

Den Tod begriff er als einen Übergang

Unsere schönsten Gespräche hatten wir bei den Begegnungen und Telefongesprächen der letzten Jahre. Ich traf stets auf einen gut gelaunten und gesprächigen Mann, der immer noch lauthals lachen, maßvoll fluchen („Herrschaftszeiten!“, „Scheibenhonig!“) und vor Rührung weinen konnte. Ich konnte immer noch viel von ihm lernen, hörte ihm gern zu und konnte ihm zeigen, dass ich ihm dankbar bin für das, was er mir mitgegeben und vorgelebt hat, die ungekünstelte Frömmigkeit, die intellektuelle Neugierde, die Unerschrockenheit im Gegenwind des linksliberalen Zeitgeistes.

Im letzten Telefonat vor wenigen Monaten fragte ich ihn, ob er Angst vor dem Tod habe. „Nein“, sagte er ruhig und ernst, „der Tod ist für mich wirklich eine Tür, ein Übergang in ein anderes Leben.“ Und dann fügte er etwas an, was mich laut auflachen ließ und mir zugleich Tränen in die Augen trieb, weil der Gedanke einerseits so urkomisch ist und andererseits eine Seelen-tiefe Hoffnung ausspricht, auf die ich selbst genauso baue wie er: „Ich habe mir etwas vorgenommen. Wenn ich vor Gott stehe, werde ich ihm sagen: ,Ich glaube, wir kennen uns ja schon…‘. Und ich stelle mir vor, dass er dann sagt: ,Aber klar, wir haben uns doch schon oft unterhalten.‘“

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