Köln

Zweifel an der Unschuld des eigenen Kindes

Gewissensfragen bringen eine Familie in düstere Stimmung: die Apple TV+-Miniserie „Verschwiegen – Familie geht vor“.

Filmtipp: „Verschwiegen – Familie geht vor“
Der 14-jährige Jacob (Jaeden Martell) wird beschuldigt, einen Mitschüler getötet zu haben. Seinem Vater, dem Staatsanwalt Andy Barber (Chris Evans), und seiner Mutter Laurie (Michelle Dockery) kommen immer wieder Zweifel an Jacobs Unschuld. Foto: Apple TV+

Ist der eigene, halbwüchsige Sohn ein Mörder? Mit dieser Frage muss sich in der Apple TV +-Miniserie „Verschwiegen – Familie geht vor“ (Originaltitel: „Defending Jacob“) ausgerechnet ein Staatsanwalt konfrontieren. Die Serie verfilmt den 2012 erschienenen, gleichnamigen Roman von William Landay, der nach eigenem Bekunden wiederum auf dessen Erfahrungen als Staatsanwalt beruhe. „Verschwiegen – Familie geht vor“ wurde als geschlossene Miniserie produziert; es wird keine zweite Staffel geben.

In einer kleinen Stadt in Massachusetts im Großraum Boston wird eines Morgens die Leiche des Schülers Ben Riffkin (Liam Kilbreth) aufgefunden. Der 14-Jährige wurde mit drei Messerstichen brutal ermordet. Staatsanwalt Andy Barber (Chris Evans) nimmt gemeinsam mit Detective Pam Duffy (Betty Gabriel) die Ermittlungen auf.

Nach und nach Entdecken sie die dunkle Seite ihres Sohnes

Obwohl Andy und auch seine Frau Laurie (Michelle Dockery), die in einem Erziehungsprogramm für misshandelte und verlasse Kinder wichtige Arbeit leistet, an die Unschuld ihres Sohnes glauben wollen, bekommen sie im Laufe der Zeit immer mehr Zweifel. Da ist zunächst die Aussage einer Klassenkameradin von Jacob, die Andy stutzig macht, oder der Kommentar eines Mitschülers in einem Internetforum, der den Jungen des Mordes beschuldigt. Nicht nur das Auffinden eines Messers in Jacobs Zimmer, das die Mordwaffe gewesen sein könnte, nagt an Andys und Lauries Glauben an ihren Sohn. Nach und nach entdecken sie eine dunkle Seite in Jacob, die sie nicht für möglich gehalten hätten.

Dramaturgisch betten Serienentwickler Mark Bomback und Regisseur Morten Tyldum den eigentlichen Handlungsstrang in eine Rahmenhandlung ein: Zehn Monate nach diesen Ereignissen wird ein Ermittlungsverfahren mit Geschworenen eingeleitet, bei dem entschieden werden soll, ob gegen Andy Barber Anklage erhoben werden soll. Regisseur Tyldum schneidet Teile der Verhandlung, bei der Andy von seinem Nachfolger in der Staatsanwaltschaft Neal Logiudice (Pablo Schreiber) zu den Geschehnissen befragt wird, gegen die eigentliche Handlung.

Düstere Bilder und klaustrophobische Innenräume 

Die Filmemacher verleihen „Verschwiegen – Familie geht vor“ durch die blau-graustichigen Bilder, durch den hervorragenden, dunklen Soundtrack des isländischen Hans-Zimmer-Mitarbeiters Atli Örvarsson sowie durch die teils klaustrophobisch wirkenden Innenräume eine düstere Stimmung, die zu dem „Kern der Geschichte“ – so Romanautor William Landay – bestens passt. Denn laut Landay ist sein Roman beziehungsweise die Serie „kein Krimi über eine Familie, sondern eine Familiengeschichte mit einem Mord“.

Wesentlichen Anteil am Gesamteindruck der Miniserie haben darüber hinaus die herausragend agierenden Darsteller: Ohne dabei Cherry Jones zu vergessen, die mit großer Gewandtheit Jacobs Anwältin spielt, ragen die drei Protagonisten heraus: Entgegen seinem Image als Superheld „Captain America“ in mehreren Marvel-Filmen, verkörpert Chris Evans (der auch die Serie mitproduziert) den kämpfenden, aber auch zweifelnden Vater mit großer Bandbreite der Gefühle, einschließlich eines unerfreulichen, bisher sogar seiner Frau verborgenen blinden Flecks in seiner Familie. Auch Michelle Dockery, die vor allem durch die Serie „Downton Abbey“ bekannt wurde, stellt eine zunächst ungewohnte Figur dar. Zusammen schaffen sie es, punktgenau die Stimmung in einer bisher harmonisch verlaufenden Ehe darzustellen, die aber auf die Probe gestellt wird ... und langsam auch Risse bekommt. Jaeden Martell gelingt es, durch die Fassade eines harmlos wirkenden Jungen Aspekte einer Persönlichkeit durchscheinen zu lassen, die ihn immer verdächtiger machen, so dass mit dem Fortschritt der Serie die Spannung steigt.

„Verschwiegen – Familie geht vor“ überzeugt aber nicht nur durch die Schauspieler und durch die Spannung, sondern auch durch die Gewissensfrage, mit der sich Jacobs Eltern konfrontiert sehen.

Verschwiegen – Familie geht vor“, Regie: Mark Bomback, acht Folgen mit insgesamt 390 Minuten, auf Apple TV+

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