„Wir können neue Menschen erschaffen“

In der dritten und letzten Staffel der dänischen Netflix-Serie „The Rain“ gewinnt in einem postapokalyptischen Szenario der Transhumanismus die Oberhand.

Alter Traum: Neue Menschen schaffen
Das Virus verleiht Rasmus (Lucas Lynggaard Tonnesen, Mitte) übermenschliche Kräfte. Die Pharmafirma "Appollon" will sie nutzen, um einen "neuen Menschen" zu erschaffen. Rasmus will die Kontrolle behalten. Foto: Per Arnesen/Netflix

Die dänische Serie „The Rain“ zählt zusammen mit „Stranger Things“, „Haus des Geldes“ und „Dark“ zu den beliebtesten Netflix-Serien. Am Anfang (DT vom 21.6.2018) stand ein für Menschen tödliches Virus, das mit dem Regen verbreitet wird – daher auch der Serientitel. Ob das Virus ganz Dänemark, einen Teil des Landes oder auch darüber hinaus weitere Länder betrifft, bleibt offenkundig absichtlich im Ungewissen, nicht nur in der ursprünglichen Staffel, sondern auch während der ganzen Serie. Nach einer Mittelstaffel im Jahr 2019 geht „The Rain“ mit der aus sechs Folgen bestehenden dritten Staffel, die nun Netflix auf die Plattform eingestellt hat, wohl zu Ende.

Das Geschwisterpaar Simone (Alba August) und Rasmus (Bertil De Lorenzi als 10-Jähriger, Lucas Lynggaard Tonnesen als 16-Jähriger) überleben jahrelang in einem Bunker. Die Aussage des Vaters Frederik (Lars Simonsen) – der zu Beginn mit dem Versprechen verschwindet, sobald wie nur möglich zurückzukommen –, dass Rasmus der „Schlüssel“ für die Bekämpfung des Virus sei, erschließt sich erst in der zweiten Staffel.

„Die alte Welt geht unter;
wir erschaffen eine neue“

Als die Vorräte zu Ende gehen, machen sich Simone und Rasmus auf den Weg, um ihren Vater zu suchen. Unterwegs treffen sie auf weitere Jugendliche, etwa Martin (Mikkel Boe Folsgaard). Martin und Simone werden ein Paar. Die Gruppe um Simone, Rasmus und Martin verkleinert sich, wächst aber wieder mit neuen Zugängen. Stets dabei sind allerdings Jean (Sonny Lindberg) und Patrick (Lukas Lokken). Über die Vergangenheit der verschiedenen Protagonisten klärt „The Rain“ den Zuschauer mittels Rückblenden auf. Dieses Kunstmittel bleibt über die drei Staffeln hinweg erhalten.

Die Filmemacher – die Idee zur Serie stammt von Jannik Tai Mosholt, Esben Toft Jacobsen und Christian Potalivo, dazu kommen verschiedene Drehbuchautoren und Regisseure – setzen geschickt rätselhafte Andeutungen ein, um die Handlung voranzutreiben.

Rasmus wird vom Virus "in Besitz genommen"

In der zweiten Staffel stellt es sich heraus, dass die Pharmafirma „Apollon“, bei der Simones und Rasmus' Vater gearbeitet hatte, nicht wie ursprünglich angenommen die Lösung, sondern eher das Problem selbst ist. Deren Chef Sten (Johannes Kuhnke) verfolgt eine eigene Agenda, bei der Rasmus eine zentrale Rolle spielt. Denn der inzwischen junge Mann ist nicht einfach der Träger des Virus, sondern er ist von dem Virus in Besitz genommen worden. Simone will dies verhindern, weil sie Stens dunkle Absichten ahnt.

Die dritte Staffel setzt genau dort ein, wo die zweite Staffel aufgehört hat. „Apollon“-Chef Sten kann Rasmus davon überzeugen, dass er alle mit der Betaversion des Virus infiziert, die aus ihm einen Supermenschen gemacht hat: „Die alte Welt geht unter; wir erschaffen eine neue, in der jeder das Virus hat. Wir können neue Menschen erschaffen.“

Damit ändert sich aber auch der Ton von „The Rain“. Denn die dänische Serie gehört eigentlich zum postapokalyptischen Genre, bei dem nur wenige Menschen eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes überlebt haben. Die entscheidende Frage des Genres lautet: Sollen die Überlebenden nach dem Untergang der Zivilisation dieselben Gesellschaftsstrukturen wieder aufbauen, oder sollten sie vielmehr eine gerechtere oder wie auch immer neue Gesellschaft aufbauen?

Durch die Idee vom neuen Menschen bedroht

Auch die dritte Staffel erzählt stets aus der Sicht der Protagonisten. Zum Gesamteindruck tragen sowohl die überzeugenden Schauspieler bei, als auch die aufwändigen Luftaufnahmen sowie die „Nordic Noir“-Anmutung, die sich durch eine düstere Stimmung etwa in den gedämpften Farben ausdrückt.

Zunächst stellte „The Rain“ das Verhältnis zwischen Mensch und Natur in den Mittelpunkt. Das Virus schien eine Antwort der Natur auf das Bestreben des Menschen, die absolute Kontrolle über sie zu erringen. In der dritten Staffel verschiebt sich diese Sicht in Richtung Transhumanismus. Die Bedrohung kommt nicht von einer Natur, die zurückschlägt, sondern von jemand, der einen „neuen Menschen“ und „eine neue Welt“ erschaffen will. Allein Simone scheint dies ganz zu begreifen, weswegen sie diese „neue Welt“ mit Skepsis betrachtet. Obwohl auch für sie nicht immer einfach zwischen richtig und falsch zu unterscheiden ist, bemüht sich die junge Frau immer wieder, die richtige Entscheidung zu treffen. Die moralisch relevanten Entscheidungen stehen denn auch noch mehr im Mittelpunkt in der dritten, als in den früheren Staffeln. Simone gibt die Hoffnung nicht auf, ein Mittel gegen das Virus zu finden, und dadurch nicht nur ihren Bruder Rasmus, sondern die überlebenden Menschen zu retten.


„The Rain“, 3. Staffel. Serienentwickler: Jannik Tai Mosholt, Christian Potalivo, Esben Toft Jacobsen, 6 Folgen mit insgesamt 275 Minuten. Auf Netflix.

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