Siculiana

Wenn die Hautfarbe entscheidet

Kann der schwarze Jesus Frieden stiften? Der Dokumentarfilm „A Black Jesus“ von Luca Lucchesi zeigt zwei Parallelwelten im sizilianischen Städtchen Siculiana.

Der schwarze Jesus
Alljährlich am 3. Mai wird der schwarze Jesus durch das sizilianische Städtchen Siculiana getragen. Als Edward aus Ghana in ein Flüchtlingslager nahe der Stadt kommt, möchte er zu den Trägern gehören. Können die Gräben zwischen Migranten und Einheimischen überwunden werden? Foto: Road Movies

Im sizilianischen Städtchen Siculiana leben im Winter noch circa 5 000 Menschen. Im Sommer, wenn die Ausgewanderten zum Urlaub wieder nach Hause kommen, verdreifacht sich die Einwohnerzahl. Zuwachs hat die Gemeinde aber zuletzt durch ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge bekommen, das seit 2014 in der sogenannten Villa Sikania etwas außerhalb des Ortes untergebracht sind. Auf dem Höhepunkt der Migrantenkrise beherbergte das Zentrum bis zu 1 000 Gäste. In Siculiana wird eine Statue des gekreuzigten Jesus mit einer Besonderheit besonders verehrt: „Il Crucifisso“ ist ein schwarzer Jesus.

Der verstorbene Vater des Dokumentarfilmers Luca Lucchesi stammte aus Siculiana. Zum Ursprung des Films führt die Produktionsfirma aus: „Als Luca kurz nach dem Tod seines Vaters die Kirche von Siculiana besuchte, beeindruckte ihn das Bild einer Gruppe afrikanischer Migranten, die vor der Statue des schwarzen Jesus knieten. Im gleichen Moment protestierten Hunderte von Siculianesi auf den Straßen außerhalb der Kirche, um die Schließung des Flüchtlingszentrums zu erwirken. Seitdem begleitet Lucas' Kamera sowohl Einheimische als auch Migranten der Kleinstadt.“

Kann der „schwarze Jesus“ Frieden stiften?

So hat Lucchesi, der seit 2007 an verschiedenen Filmen von Wim Wenders unter anderem als erster Regieassistent beteiligt war, den Film „A Black Jesus“ gedreht, der am gerade stattfindenden Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm DOK Leipzig in der Kategorie „Wettbewerb für den Publikumspreis“ teilnimmt. Wegen der Corona-Beschränkungen findet dieses Jahr das Festival nicht nur im Kinosaal, sondern auch virtuell statt, so dass der Film vom 28.10. bis 11.11. als Video on Demand online abgerufen werden kann.

Lucchesi baut seinen von Wim Wenders produzierten Film um das Paradoxon herum, dass in Siculiana ein „schwarzer Jesus“ verehrt, aber zugleich die meistens schwarzen Einwanderer im Städtchen von der Mehrheit abgelehnt werden: Auf der einen Seite eine Demonstration gegen das Flüchtlingslager, auf der anderen Seite das große Kirchen- und Stadtfest am 3. Mai samt Prozession des schwarzen Jesus, der von etwa zwei Dutzend Männern getragen wird.

„Wir sind alle Brüder und Schwestern.“

Derweil stehen die Flüchtlinge am Rande und fotografieren mit ihren Handys das Geschehen. Siculianesi und Migranten mischen sich nicht und sprechen nicht miteinander. Zwei Parallelwelten. Allerdings denken offensichtlich nicht alle gleich: Eine heitere Sequenz von „A Black Jesus“ zeigt eine Gruppe älterer Damen, die ein Essen zubereiten. Da heißt es: „Wir sind alle Brüder und Schwestern.“

In Siculiana leben immer weniger junge Menschen. Bei einem Spaziergang durch das Städtchen weist ein Einwohner auf eine schmerzliche Leerstelle hin: Auf der Straße sind keine Kinder. Der Exodus von jungen Menschen bringt einen Mangel an Arbeitskräften mit sich, der mit den arbeitswilligen jungen Asylbewerbern ausgeglichen werden könnte – was aber aus bürokratischen Gründen nicht möglich ist.

 

In der Zwischenzeit, bis über ihre Asylanträge entschieden wird, lernen sie fleißig Italienisch. Gerade der Italienisch-Lehrer erweist sich in Lucchesis Film als Befürworter eines vorurteilsfreien Kontaktes zwischen Siculianesi und Migranten. Eine Chance, dass sich die zwei Parallelwelten doch noch treffen könnten, erschließt sich, als der 19-jährige Edward aus Ghana bei der Prozession 2018 erstmals den schwarzen Jesus sieht: Er will unbedingt zu denjenigen gehören, die „Il Crucifisso“ beim nächsten 3. Mai tragen dürfen.

Seine Freunde Petrus und Samuel möchten ebenfalls dabei sein. Ob dies zu einer Verständigung führen wird? Edwards Wunsch stellt wieder einmal unter Beweis, dass der gemeinsame Glaube Menschen verschiedener Hautfarbe und Herkunft zusammenbringen kann.


„A Black Jesus“ kann vom 28.10.– 11.11. als Video online abgerufen werden. Tickets auf www.dok-leipzig.de.

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