Berlin

Aus der Spur“: Spielregeln selbst bestimmen

Einen Langzeitarbeitslosen packt die Wut: Die französische sechsteilige Serie „Aus der Spur“ in der Arte-Mediathek.

"Aus der Spur"
Nach sechs Jahren quälender Arbeitslosigkeit erhält Alain Delambre (Éric Cantona) eine Chance: Er soll bei einer fingierten Geiselnahme mitmachen. Alain bereitet sich ausführlich darauf vor, denn er ist ja nicht der einzige Kandidat für den Posten. Foto: Arte

Frei nach dem Roman „Cadre Noirs“ von Pierre Lemaitre erzählt die französische Serie „Aus der Spur“ („Dérapages“), die bis zum 14. April von der Arte-Mediathek abgerufen werden kann, von einem „Mann in Wut“, um den Filmtitel des berühmten französischen Kriminalfilms von Claude Pinoteau mit Lino Ventura in der Hauptrolle aus dem Jahre 1978 („L'homme en colere“) zu zitieren. Wie weiland der von Lino Ventura dargestellte Durchschnittsmann eine ungeahnte Energie aufbrachte, um es mit der Polizei und einem Verbrechersyndikat aufzunehmen, so muss sich in „Aus der Spur“ der Arbeitslose Alain Delambre (Éric Cantona) in „kalter Wut“ mit etwas auseinandersetzen, das eigentlich eine Nummer zu groß für ihn sein müsste. Regie führt Ziad Doueiri, der für „Der Affront“ (DT vom 31.10.2018) für den Oscar als Bester nicht-englischsprachiger Film nominiert wurde.

Das von Buchautor Pierre Lemaitre selbst zusammen mit Perrine Margaine verfasste Drehbuch setzt eine Rahmenhandlung ein: Alain Delambre erzählt offensichtlich aus dem Gefängnis heraus in ausgedehnten Rückblenden, wie es dazu gekommen ist. Sein Äußeres unterscheidet sich durch rasierten Kopf und Backenbart grundlegend von dem Alain, der in der Haupthandlung zu sehen ist.

Alain wird als Langzeitarbeitsloser eingeführt, der langsam in die Armut hineingleitet, obwohl seine Frau Nicole (Suzanne Clément) offensichtlich eine halbwegs gute Stelle hat: Die heruntergekommene Wohnung, die mit Klebeband reparierte Brille, der verschlissene Parka, die sich stapelnden Rechnungserinnerungen, die er wohl von Mahnungen unterscheiden kann ... Vor allem aber fühlt sich Alain gedemütigt, nachdem er mit fünfzig Jahren seinen Job als Personalchef eines mittelständischen Unternehmens verloren hat, und sich seitdem mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs abgeben muss.

Immer ein Ass im Ärmel: Alain ist ein ambivalenter Mensch

Parallel dazu werden die Jungen und die Reichen in der Person des Vorsitzenden eines Luftfahrtunternehmens Alexandre Dorfmann (Alex Lutz) und der weiteren Vorstandsmitglieder eingeführt. Nachdem der Firma ein großer Auftrag entging, wird Dorfmann in einer bestimmten Niederlassung mehr als tausend Mitarbeiter entlassen müssen. Um herauszufinden, wer das nötige Stehvermögen besitzt, um das Kürzungsprogramm zu leiten, kommt ein externer Berater auf den abwegigen Gedanken, eine Geiselnahme zu inszenieren. Und da kommt Alain ins Spiel, der während der Geiselnahme die Manager befragen soll ... wenn er denn den Job überhaupt bekommt, denn natürlich ist er nicht der einzige Kandidat. Für Alain Delambre gilt es deshalb, sich möglichst lebensnah auf eine Geiselnahme vorzubereiten.

Der Sechsteiler „Aus der Spur“ lebt vor allem vom Spiel Éric Cantonas, der Alain als einen ziemlich ambivalenten Menschen gestaltet. Einerseits kämpft er für das, was er für Rehabilitierung in der Gesellschaft hält, sowie für seine immer mehr in die Krise geratende Ehe. Andererseits besitzt er eine sehr manipulative Persönlichkeit, denn er scheut nicht davor, seine eigene Tochter, die Anwältin Lucie (Alice de Lencquesaing), emotional zu manipulieren. Alain scheint immer ein Ass im Ärmel zu haben, um die Spielregeln selbst bestimmen zu können, was für ihn heißt: das „Spiel“ in die Hand zu nehmen.

Auch darin ähnelt Éric Cantona dem anfangs erwähnten Urgestein des französischen Kinos Lino Ventura (1919–1987): Die beiden kamen aus dem Sport – Ventura war Berufsringer, Cantona gewann bekanntlich mit Manchester United viermal die Premier League. Ihre markanten Gesichtszüge und die athletische Statur stellen aber keinen Gegensatz zu den Rollen dar, in denen sie trotz Wortkargheit sehr intelligent agieren. Dies gilt auch für Alain Delambre, der für eine überraschende Wendung immer gut ist.

„Aus der Spur“, Frankreich 2019.
Serienentwickler: Ziad Doueiri, sechs Folgen mit insgesamt 300 Minuten, auf Arte-Mediathek.

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