Würzburg

Menschen mit kreidebleichem Gesicht

Der Episodenfilm „Über die Unendlichkeit“ bringt Wünsche und Empfindungen an die Grenze zum (Alp)Traum .

Ein Mann fällt unter dem Kreuz
Ein evangelisch-lutherischer Pfarrer (Martin Serner), der den Glauben verloren hat, träumt immer wieder denselben Traum: Mit einer Dornenkrone auf dem Kopf muss er ein Kreuz durch die Straßen tragen. Foto: Neue Visionen

Ich sah ein Liebespaar, Liebende. Sie schwebten über einer Stadt, die berühmt für ihre Schönheit gewesen war, und nun in Trümmern lag.“ Die Off-Stimme führt durch diese und weitere kleine Episoden. In Roy Anderssons Spielfilm „Über die Unendlichkeit“ verschwimmen die Grenzen zwischen (Alp)Traum und Wirklichkeit. Wird bei dem über dem kriegszerstörten Köln schwebenden Liebespaar (Tatjana Delaunay, Anders Hellström) auch durch die Musikuntermalung ein Gefühl der Erhabenheit ausgelöst, so macht sich bei einem Alptraum eher Beklommenheit breit: Ein evangelisch-lutherischer Pfarrer (Martin Serner) träumt, dass er mit einer Dornenkrone auf seinem Kopf durch die Stadt ein Kreuz trägt.

Der Pfarrer klagt darüber, seinen Glauben an Gott verloren zu haben. Der Arzt, den er deshalb aufsucht, muss allerdings noch den Bus erwischen. Deshalb wird der nach dem verlorenen Glauben suchende Pastor von der Sprechstundenhilfe der Praxis verwiesen.

„Eine Frau steigt aus dem Zug“

Zu den weiteren Episoden zählt ein Mann mittleren Alters, der in einem Bus einfach losweint, weil er nicht weiß, was er will. Derweil diskutieren die anderen Fahrgäste, ob es geht, einfach in der Öffentlichkeit zu weinen. Ein Zahnarzt lässt einen Patienten mitten in der Behandlung sitzen, weil dieser immer wieder über die Schmerzen klagt. Ein Vater bindet seiner Tochter auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier bei strömendem Regen die Schuhe zu. Eine Frau steigt aus dem Zug. Der Mann, der sie abholen wollte, ist allerdings noch nicht gekommen. Ein Mann leidet unter Schlafstörungen, denn er traut den Banken nicht, weshalb er seine Habseligkeiten in der Matratze versteckt hat. Ein Kellner verschüttet aus Unachtsamkeit Wein. Neben den mehr oder minder alltäglichen Episoden tauchen auch Szenen aus der „Weltgeschichte“ auf, etwa Soldaten im Weltkrieg oder auch ein Mann „der die Welt erobern wollte, dann aber realisierte, dass er gescheitert ist“, ehe der Zuschauer eine an Adolf Hitler erinnernde Figur im Bunker sieht.

Die durch die Off-Stimme („Ich sah ...“) eingeführten Episoden wirken durch die stationäre Kamera von Gergely Pálos teilweise als Tableaus, die an Malerei gemahnen und die mit Schwarzblenden voneinander getrennt werden. Wie bereits in seinem letzten Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“, mit dem Andersson 2014 denGoldenen Löwen in Venedig gewann, setzt der schwedische Regisseur auch in „Über die Unendlichkeit“ entsättigte Farben und Menschen mit kreidebleichem Gesicht, die eine Vintage-Anmutung entstehen lassen, als sei der Film in den 1970er oder noch eher in den 1960er Jahren angesiedelt. Der Ton ist wohl auch deshalb kaum düster, obwohl den meisten Situationen etwas Absurdes anhaftet.

Kleine Augenblicke – etwa ein älteres Paar, das so gut wie ohne Worte von einem Hügel aus die Stadt beobachtet – vermischen sich mit großen Gefühlen, etwa mit dem Mann, der in einer Markthalle seiner untreu gewordenen Frau an die Gurgel springt. Glaubenszweifel oder auch Neid: Die Momentaufnahmen mit bedeutenden Ereignissen aus der Geschichte sowie kleinen Erlebnissen in der Gegenwart, aus denen die unterschiedlichen Episoden des Filmes bestehen, stellen Variationen der conditio humana aus. – „Über die Unendlichkeit“ gewann den Silbernen Löwen für die Beste Regie bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2019.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.