Berlin

Geheimnis um eine Wolke

Die französische Serie „The Last Wave“ handelt nicht nur von unerklärlichen Naturphänomenen.

"The Last Wave"
Im Badeort Brizan an der Atlantikküste werden elf Surfer von einer riesigen Welle verschluckt, die von einer mysteriösen, äußerst bedrohlich wirkenden Wolke erzeugt wird. Als sie zurückkehren, sind sie nicht mehr die Gleichen. Foto: ZDF

Filme und Serien über unerklärliche, „übernatürliche“ Phänomene haben zurzeit Konjunktur. Erst letzte Woche wurde an dieser Stelle der Amazon-Film „Die Weite der Nacht“ (DT vom 18. Juni) vorgestellt, in dem es um mysteriöse, offenkundig aus dem Weltraum kommende, beunruhigende Geräusche geht. „Mystery“, ein spätestens seit dem Spielfilm „The Sixth Sense“ (M. Night Shyamalan, 1999) etabliertes Subgenre des fantastischen Films, zeichnet sich durch eine bestimmte Erzählweise aus, eine Stimmung zu beschreiben, in der eine diffuse Furcht vor dem Unbekannten und Unbegreiflichen einschließlich Verschwörungstheorien herrscht. Mit der Coronakrise hängt dies freilich nicht ursächlich zusammen, weil die Filme bereits vor Ausbruch der Covid19-Pandemie fertiggestellt waren.

Zum „Mystery“-Genre gehört ebenfalls die sechsteilige französische Serie „La Derniere Vague“, die ZDFneo am 26. Juni spätabends unter dem englischsprachigen Titel „The Last Wave“ am Stück zeigt, und ab dem 27. Juni in der ZDF-Mediathek abrufbar sein wird.

Eine mysteriöse Wolke verbreitet Unruhe

Unerklärlich ist dabei die in ihrer Form eigenartige, äußerst bedrohlich wirkende Wolke, die im idyllischen Badeort Brizan-les-Pins an der französischen Atlantikküste unvermittelt erscheint. Unter den Tieren verbreitet sich plötzlich Unruhe – ein häufig eingesetztes Element im „Mystery“-Genre –, als die Wolke immer näher kommt. Da dies während eines alljährlich stattfindenden Surfwettbewerbs geschieht, befinden sich zu dem Zeitpunkt elf Menschen unterschiedlichen Alters im Wasser, als sich die Wolke auf das Meer hinabsenkt und eine riesige Welle auslöst. Die Surfer werden von der Welle mitgerissen und vom Meer verschluckt.

Nachdem alle Hoffnung verloren scheint, die elf Surfer lebend zu finden, tauchen sie nach fünf Stunden wieder am Strand auf. Sie wirken, als sei nichts geschehen: Die elf spüren keine Erschöpfung nach der langen Zeit im Wasser, haben aber das Zeitgefühl verloren. Sie können sich an nichts erinnern, was in den fünf langen Stunden geschehen ist. Außerdem treten bei ihnen mysteriöse Veränderungen auf: Die Augenfarbe des kleinen Thomas (Gaël Raes) hat sich verändert, und plötzlich besitzt er hellseherische Fähigkeiten. Die Narben an den Armen von Lena Lebon (Marie Dompnier) sind verschwunden, Mathieu (Théo Christine) kann Menschen mit seinen bloßen Händen heilen. Der Surf-Vizeweltmeister Max (Roberto Calvet) fühlt sich nur noch unter Wasser wohl. Nach und nach entdeckt Lenas Mann, der Chemielehrer Ben (David Kammenos), dass zwischen den elf Surfern und der Wolke eine seltsame Verbindung besteht. Denn die Wolke scheint sich wie ein lebendiger Organismus zu verhalten.

Eigentlich geht es um Familienbeziehungen

Aber auch auf den Ort selbst hat die Wolke Auswirkungen: Ganz plötzlich reißt die Erde auf und eine große Spalte entsteht – ausgerechnet auf dem Grundstück, auf dem Julien Lewen (Arnaud Binard) ein Luxushotel bauen will. Als sich die Wolke ein zweites Mal auf das Dorf senkt, plant Bürgermeisterin Irene Lecap (Isabel Otero) die Zerstörung der Wolke. All dies erzählt „The Last Wave“ vordergründig. Als Genre-Film mag die Serie nicht vollkommen sein, auch wenn der Vorspann einer jeden Folge schon aufwändig gestaltet ist. Allerdings wirkt die computeranimierte Wolke im Vergleich zu amerikanischen Superproduktionen etwas ärmlich.

Dennoch: „The Last Wave“ handelt eigentlich von den zwischenmenschlichen Beziehungen in einer kleinen Dorfgemeinde, und insbesondere von vier Familien: Lena hatte nach einer Familientragödie ihren Mann Ben und die gemeinsame Tochter Yaël (Capucine Valmary) verlassen. Die Veränderungen im Zusammenhang mit der Wolke könnten jedoch die beiden Noch-Ehepartner wieder einander annähern. Julien und Marianne Lewen (Lola Dewaere) – die Eltern des kleinen Thomas – scheinen zunächst ein vorbildliches Ehepaar zu sein. Die Rückschläge, die Julien bei seiner Arbeit als Bauunternehmer erleidet, insbesondere aber auch die unterschiedliche Sicht auf die Veränderungen ihres Sohnes lassen die Eheleute häufiger streiten, und sich auseinanderleben. Streit gibt es ebenfalls bei Mathieu und seinem Vater Faust Ketchak (Guillaume Cramoisan), der aus Mathieus neuer Heilbegabung für seine Arbeit als Heilpraktiker Kapital schlagen möchte. Noch schwieriger gestaltet sich die Beziehung des Sportasses Max zu seiner Mutter Cathy (Odile Vuillemin), denn Max möchte seinen kleinen Bruder Noé (Evan Naroditzky) beschützen, was aber die Mutter als Affront ansieht.

Vier Familien mit mehr oder weniger schwierigen Beziehungen zueinander, die teilweise schwerwiegende Entscheidungen treffen müssen – so auch, ob eine schwangere Frau ihr Kind behalten möchte –, die jedoch jeweils einen neuen Zugang zueinander finden könnten. Trotz der Oberfläche als „Mystery“-Serie handelt „The Last Wave“ von der Familie.

„The Last Wave“, Frankreich 2019, sechsteilige Serie mit insgesamt 304 Minuten.
Regie: Rodolphe Tissot. ZDFneo ab dem 26.06., 22.00 Uhr, in der ZDF-Mediathek ab dem 27.06.

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