Berlin

Gedächtnisverlust führt zu Paranoia

Die zweite Staffel der Amazon-Serie „Homecoming“ bietet kurzweilige Spannung. Die moralischen Fragen der ersten Staffel treten aber in den Hintergrund.

„Homecoming 2“
Die junge Frau, die ohne Gedächtnis in einem kleinen Boot aufwacht (Janelle Monáe), trifft auf eine Schlüsselfigur der „Homecoming“-Serie, den ehemaligen Soldaten Walter Cruz (Stephan James). Foto: Amazon Prime

Die Amazon-Serie „Homecoming“ (DT vom 6.12.2018) erzählt von einer im Auftrag der US-Regierung von einer Privatfirma namens „Geist“ betriebenen Einrichtung, die Soldaten nach einem Kriegseinsatz die Wiedereingliederung ins zivile Leben erleichtern soll. Dass nicht einmal Homecoming-Leiterin Heidi Bergman (Julia Roberts) die wahren Ziele des „Homecoming“-Programms kennt, erzeugt von Anfang an genauso Spannung wie der zweite, vier Jahre später angesiedelte Handlungsstrang, in dem sich Heidi an nichts im Zusammenhang mit „Homecoming“ erinnern kann.

Verschwörungstheorie, Paranoia? Das sind die Fragen, die in ihrer ersten Staffel „Homecoming“ vorantrieben – und sie bestimmen auch die Handlung in der zweiten Staffel, in der nicht Heidi Bergman, sondern eine von Janelle Monáe dargestellte Jüngere im Mittelpunkt steht.

Auf der Suche nach der verlorenen Identität

Sie wacht plötzlich allein in einem kleinen Boot mitten in einem See auf. Die junge Frau ist offensichtlich nicht nur desorientiert. Sie hat außerdem das Gedächtnis verloren – sie weiß nicht einmal ihren Namen. Regisseur Kyle Patrick Alvarez inszeniert die ersten Bilder fast als Traum, begleitet von einem kräftigen Soundtrack, der an Mystery-, teilweise an Horrorfilme denken lässt. Die ersten zwei der insgesamt sieben Folgen haben weder in der Inszenierung noch auf den ersten Blick inhaltlich etwas mit der ersten „Homecoming“-Staffel gemeinsam. Sie erinnern eher an „Die Bourne Identität“ (Doug Liman, 2001), in dem ein von Fischern aus dem Wasser geretteter junger Mann seine Identität zurückzugewinnen suchte. Auch die junge Frau sucht nach Anhaltspunkten, um herauszufinden, wer sie eigentlich ist.

Erst ab der dritten Folge mit dem Titel „Vorher“ wird der Zusammenhang mit der das „Homecoming“-Programm verantwortenden Firma „Geist“ zunehmend deutlicher. Der Zuschauer lernt Leonard Geist (Chris Cooper) kennen, und trifft auf alte Bekannte aus der ersten Staffel: Audrey Temple (Hong Chau), Colin Belfast (Bobby Cannevale) und vor allem auf den ehemaligen Soldaten Walter Cruz (Stephan James), der ja in der ersten „Homecoming“-Staffel eine zentrale Rolle spielte. Dadurch entstehen zwei Parallel-Handlungsstränge: In dem einen geht es um die Vergangenheit, insbesondere um Walters Rolle beim „Homecoming“, in dem zweiten aber um die Zukunft des Unternehmens „Geist“. Hier will Audrey mit Hilfe neuer Geschäftspartner die Kontrolle über die Firma bekommen, während Leonard Geist mit allen Mitteln versucht, den ursprünglichen Zweck der von ihm gegründeten Firma zu retten.

Eine echte Identifikationsfigur für die Zuschauer fehlt

Dazu kommen – wie schon in der ersten Staffel – die zwei Zeitebenen, vor und nach dem Verlust der Erinnerungen durch die Protagonisten. Deshalb setzt die Serie ein bekanntes Stilmittel ein: bereits gezeigte Bilder und Szenen später aus einer neuen Perspektive zu präsentieren – hin und wieder sogar mit dem eigentlich schon obsoleten Kniff des Split-Screen. Durch den neuen Kontext erschließen diese Szenen dem Zuschauer eine ganz neue Bedeutung. Eine weitere Gemeinsamkeit in den zwei „Homecoming“-Staffeln: Die Dauer von etwa 30 Minuten der jeweiligen Folgen führt zu einer schnörkellosen Erzählweise.

Zwar bietet die zweite Staffel dadurch große Spannung, auch durch die unterschiedlichen Wendungen, die einzelne Handlungsstränge nehmen. „Homecoming“ teilt aber das Schicksal mancher Serie: Sie will in der zweiten Auflage die besonderen Elemente der ersten Staffel neu zusammensetzen, ohne in eine simple Wiederholung zu verfallen. Regisseur Kyle Patrick Alvarez gelingt dies aber nicht ganz, auch weil hier eine echte Identifikationsfigur für den Zuschauer fehlt. Darüber hinaus treten die von der ursprünglichen „Homecoming“-Serie aufgeworfenen moralischen Fragen in den Hintergrund.

„Homecoming 2“. Regie: Kyle Patrick Alvarez. 7-teilige Serie mit insgesamt 210 Min. Auf Amazon Prime Video.

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