Paris

Filmischer Realismus für eine Gesellschaftskritik

Zum 90. Geburtstag von Claude Chabrol (1930–2010), dem „Chronisten des französischen Bürgertums".

Claude Chabrol
Berlinale 2009: Der französische Regisseur Claude Chabrol posiert mit der ihm verliehenen "Berlinale-Kamera". Foto: Soeren Stache (dpa-Zentralbild)

Ende der 1950er Jahre entstand im französischen Film die Strömung „Nouvelle Vague“, die sich gegen die vorherrschende Erzählweise und die herkömmliche Bildsprache – im Grunde gegen die Klischees des Hollywood-Kinos – absetzte. Mit dem „Oberhausener Manifest“ 1962 begann in Deutschland unter dem Aufruf „Papas Kino ist tot“ eine ähnliche Bewegung.

Die theoretische Grundlage für die Nouvelle Vague hatten die jungen Regisseure bereits Jahre zuvor in der wohl bekanntesten Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“ (ab 1951) gelegt, bei der die wichtigsten Vertreter der neuen Kinobewegung – François Truffaut, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Éric Rohmer und Jacques Rivette – als Filmkritiker arbeiteten. So veröffentlichte 1954 François Truffaut den berühmt gewordenen Artikel „Une certaine tendance du cinéma français“ („Eine gewisse Tendenz im französischen Film“). Darin geißelte er sklavische Adaptionen von Romanvorlagen. Truffaut und mit ihm die Nouvelle Vague-Autoren sprachen sich demgegenüber für eine Beteiligung des Regisseurs an allen Phasen der Filmproduktion aus, um den Filmen eine eigene Handschrift aufdrücken zu können.

Das Autoren-Kino war geboren. Vorbild für die Nouvelle Vague waren einerseits französische Filmautoren aus der Stummfilmzeit, insbesondere Abel Gance, René Clair und Jean Cocteau, andererseits und unmittelbarer der italienische Neorealismus vor allem von Roberto Rossellini („Rom, offene Stadt“, 1945 und „Paisa“, 1946) und Vittorio De Sica („Schuhputzer“, 1946 und „Fahrraddiebe“, 1948). Ästhetisch zeichnen sich die Filme der Nouvelle Vague durch Außenaufnahmen außerhalb der Filmstudios, die ohne künstliches Licht und häufig mit der Handkamera gefilmt wurden, aus. Diese Prinzipien übernahm Jahrzehnte später die von Lars von Trier und Thomas Vinterberg in Dänemark ins Leben gerufene Bewegung „Dogma 95“. Ein Unterschied besteht jedoch im Einsatz der Filmmusik, die bei der Nouvelle Vague eine entscheidende Rolle spielt, während „Dogma 95“ eine nachträgliche Einspielung der Filmmusik verbietet.

Er galt als Chronist des französischen Bürgertums

Der am 24. Juni 1930 geborene Claude Chabrol beginnt wie seine Kollegen der Nouvelle Vague als Theoretiker: Neben seinem mit dem Staatsexamen abgeschlossenen Studium der Literaturwissenschaft an der Sorbonne besucht er eifrig sowohl die Cinématheque Française als auch den Cineastenzirkel im „Café de la Comédie“, wo er Godard, Rivette, Truffaut und Rohmer kennenlernt. Nach einer Arbeit in der Presseabteilung der Pariser Zentrale von Twentieth Century Fox schreibt er Kritiken für die „Cahiers du Cinéma“. Zusammen mit Éric Rohmer veröffentlicht Chabrol etwa die überhaupt erste Monographie über Alfred Hitchcock.

Dank einer Erbschaft kann Chabrol 1956 die Filmproduktionsfirma „AJYM Films“ gründen, und dreht 1958 seinen ersten Spielfilm „Die Enttäuschten“, der beim Festival in Locarno Premiere feiert und zum Aushängeschild der „Nouvelle Vague“ wird. Der Erfolg seines zweiten Films, der Satire „Schrei, wenn du kannst“ (1959), erlaubt ihm darüber hinaus, mit „AJYM“ die Erstlingswerke von Éric Rohmer und Jacques Rivette zu produzieren.

Ein Kratzen an der Fassade bürgerlicher Wohlanständigkeit

Chabrol drehte viel, auch fürs Fernsehen – etwa die Miniserie „Fantomas“ zusammen mit Luis Bunuels Sohn Juan Luis 1980. Chabrols Filme zeichnen sich durch eine teilweise bissige Gesellschaftskritik aus: Sowohl in „Die untreue Frau“ (1969) und „Der Schlachter“ (1970) als auch in seinen späteren Werken „Die Hölle“ (1994), „Das Leben ist ein Spiel“ (1997), „Die Farbe der Lüge“ (1999) und „Die Blume des Bösen“ (2003) kratzt er an der Fassade bürgerlicher Wohlanständigkeit. Chabrol wird als „Chronist des französischen Bürgertums“ gefeiert.

In seinen mit erzählerischem Realismus entwickelten Thrillern ist beispielsweise der Mörder kein professioneller Killer. Er kommt vielmehr aus der Mitte der Gesellschaft. Darin enthüllen sich häufig Lebenslügen. Obwohl in seinen Filmen eine eigentümliche Distanz zu den Filmfiguren festzustellen ist, können seine Mörder schon die Sympathie des Publikums auf sich ziehen.

Claude Chabrol starb am 12. September 2010 in Paris. Am 24. Juni wäre er neunzig Jahre alt geworden.

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