Berlin

Engel waren transzendentale Wesen

Christliche Motive: Zum 75. Geburtstag des Drehbuchautors und Regisseurs Wim Wenders

Engel waren transzendentale Wesen
Drehbuchautor und Regisseur Wim Wenders zusammen mit Hauptdarstellerin Michelle Williams bei den Dreharbeiten zu "Land of Plenty" im Jahre 2004. Foto: Studio Hamburg

Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war, alles war ihm beseelt.“ Mit dieser Aufschrift beginnt „Der Himmel über Berlin“ (1987), einer der bekanntesten Filme von Wim Wenders, der am 14. August seinen 75. Geburtstag feiert. Eine Kamerafahrt zeigt den Engel Damiel (Bruno Ganz), der von der Höhe aus auf die Menschen schaut, die ihn nicht wahrnehmen ... mit der Ausnahme eines Kindes. Obwohl sie die Gedanken der Menschen hören, können sie kaum eingreifen – Damiel und Cassiel (Otto Sander) sind keine Schutzengel, sondern eher körperlose Weise. Als Damiel die Trapezkünstlerin Marion (Solveig Dommartin) kennenlernt, wünscht er sich nichts sehnlicher, als ein Mensch zu werden.

Später wird es religiöser

Mit den christlichen Engeln haben Damiel und Cassiel denn auch wenig gemeinsam, im Unterschied zu den Engeln in der Fortsetzung „In weiter Ferne, so nah!“ (1993). „In ,Der Himmel über Berlin‘ waren die Engel für mich“, erklärte der Regisseur 2005 in der Katholischen Akademie München, „eigentlich eher metaphorische Gestalten poetischen Ursprungs, damals sehr durch die Literatur hervorgerufen, durch ständiges Lesen von Rilke. Es waren schon transzendentale Wesen, aber nicht unbedingt im christlichen Sinne, sondern eher in einem übertragenen spirituellen Sinne. Dagegen ist in dem Film ,In weiter Ferne, so nah!‘ der Engel für mich tatsächlich ein religiöses Thema geworden.“

Das Drehbuch zu „Der Himmel über Hollywood“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Peter Hanke, genauso wie Wenders' erste Filme „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1972) und „Falsche Bewegung“ (1975).

Es musste ein „amerikanischer Film“ werden

Seine eigene Filmsprache findet der am 14. August 1945 in Düsseldorf geborene Regisseur mit „Alice in den Städten“ (1973). In der Tradition des US-amerikanischen „Road Movie“ mutet der Film wie eine Dokumentation der Schauplätze und der Fortbewegung an. Die Reise wird zu einem Sinnbild für die innere Reise aus der Ruhelosigkeit des Protagonisten heraus, der in der Beziehung zum unschuldigen Kind die eigene Krise überwindet.

In den 1980er Jahren wollte Wenders unbedingt einen „amerikanischen Film“ drehen. Da kam ihm der Ruf von Francis Ford Coppola sehr zupass, der ihm einen Film namens „Hammett“ in Auftrag gab, der aber ein Misserfolg wurde. Darüber, sowie über den erstklassigen Film „Paris, Texas“, den Wim Wenders doch noch in den Vereinigten Staaten drehte, berichtet der zweistündige Dokumentarfilm von Eric Friedler und Andreas Frege (Campino), den das Erste am 14. August zeigt.

„Die Bibel, das Wort, auf das wir uns berufen,
ist ja ungefähr das Hoffnungsvollste, was es überhaupt gibt“

„Paris, Texas“ gewann 1984 in Cannes die Goldene Palme, war jedoch kein „amerikanischer“, sondern eher ein von einem europäischen Regisseur in Amerika gedrehter Film. Das Drehbuch zu der Geschichte des für tot gehaltenen Travis, der vier Jahre nach seinem plötzlichen Verschwinden wieder auftaucht, um seinen Sohn Hunter mit dessen Mutter Jane wieder zusammenzubringen, stammte vom vielfältigen amerikanischen Schauspieler, Buchautor und Regisseur Sam Shepard, der dann auch in „Homo Faber“ mitspielte.

Ende der neunziger Jahre wandte sich Wenders dem Musik-Dokumentarfilm zu: „Buena Vista Social Club“ (1999) machte die größtenteils hochbetagten kubanischen Musiker, die der US-amerikanische Komponist und Wenders-Freund Ry Cooder aus der Vergessenheit gerettet hatte, in den Vereinigten Staaten und in Europa berühmt. Ein Tanzfilm stellt einen weiteren Höhepunkt in Wenders Filmografie dar: „Pina“ (2010).

Wenders wuchs in einer katholischen Familie auf

Obwohl Pina Bausch, die an den Vorbereitungen des Films eng beteiligt war, kurz vor Drehbeginn plötzlich starb, ist die berühmte Tänzerin im Film allgegenwärtig. Seinen überwältigenden Raumeindruck verdankt „Pina“ der 3D-Technik, die Wenders erstmals einsetzte.

Wim Wenders stammt aus einer katholischen Familie. Religiöse Bezüge finden sich in seinen Filmen. Christliche Motive finden sich sowohl im bereits angesprochenen „In weiter Ferne, so nah!“ als auch in „Land of Plenty“ (2004). Nach „Paris, Texas“ spiegelt dieser Film erneut Wenders Sicht eines Europäers auf den „amerikanischen Traum“ und insbesondere auf die Veränderungen nach dem 11. September wider: Die 20-jährige Lana (Michelle Williams), die als Tochter eines christlichen Missionars in Afrika und im Nahen Osten aufwuchs, kehrt nach Jahren nach Los Angeles zurück. Dort findet sie aber nicht die Traumfabrik, sondern eher die „Hauptstadt des Hungers“. Deshalb beschließt die Idealistin, statt aufs College zu gehen, in der Armenküche einer Stadtmission auszuhelfen. „Die Bibel, das Wort, auf das wir uns berufen, ist ja ungefähr das Hoffnungsvollste, was es überhaupt gibt, worauf man fußen kann, sowohl in seinem Denken als auch in seinen Aktionen. Es ist ja eigentlich voller Lebensfreude bis dorthinaus“, so Wenders. Der Filmregisseur erhielt sowohl von der Pariser Sorbonne als auch von der Universität Fribourg in der Schweiz jeweils die Ehrendoktorwürde in Theologie.

Bei der ARD gibt es eine Werkschau 

Mit dem Dokumentarfilm „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ (DT vom 14.6.2018) ging Wenders auf eine Initiative des Vatikans ein. Der Film basiert auf mehreren langen Gesprächen, die Wenders mit dem Heiligen Vater führte, und weist auf die Themen hin, die den Papst beschäftigen. Bereits im November 2015 hatte der Regisseur den Vatikansender CTV bei der Fernsehübertragung der Öffnungszeremonie der Heiligen Pforte beraten.

Zum 75. Geburtstag von Wim Wenders am 14. August hat Das Erste in Zusammenarbeit mit der Wim-Wenders-Stiftung in seine Mediathek eine Werkschau mit 28 seiner Filme eingestellt. Zum „Wenders-Special“ gehören noch 20 Kurzfilme, Fotostrecken über sein Leben und Werk, Porträts und Interviews.


– „Wim Wenders, Desperado“. Dokumentarfilm von Eric Friedler und Andreas Frege (Campino), 120 Min. 14. August, 23.50 Uhr, ARD

– Das Erste-Mediathek: Werkschau von 28 Filmen von Wim Wenders sowie mehr als 20 Kurzfilme, Porträts und Interviews.

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