Berlin

Ein moderner Biberkopf

In Berlin sollte das Leben besser werden: Burhan Qurbanis Neuinterpretation des Döblin-Romans „Berlin Alexanderplatz“ zeigt die Parallelen zwischen der Hauptstadt der 1920er Jahre und dem heutigen Berlin.

"Berlin Alexanderplatz"
In der neuen Verfilmung des Romans "Berlin Alexanderplatz" versucht Francis (Welket Bungué) ein anständiges Leben zu führen. Die Prostituierte Mieze (Jella Haase) nimmt sich seiner an. Foto: eOne Germany/ Stephanie Kulbach

Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1929) gilt wegen seiner neuartigen Montagetechnik, der expressiven Sprache und der Schilderung der Großstadt als Moloch als eines der wichtigsten Literaturwerke der Weimarer Republik, sozusagen als literarische Entsprechung zu Walter Ruttmanns „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927). Döblin erzählt darin vom Scheitern des einfachen Arbeiters Franz Biberkopf, sich nach Verbüßung einer vierjährigen Haftstrafe – weil er seine Freundin Ida erschlagen hatte – in der Großstadt eine neue Existenz aufzubauen. Überfordert vom Kampf gegen eine teilweise als lebendiger Organismus erscheinende Metropole, schließt er sich einer von Reinhold geführten Bande an. Nach seiner Verkrüppelung geht Franz B. ein Verhältnis zur Prostituierten Mieze ein.

Neubeginn in einer fremden Welt

Döblins „Jahrhundertroman“ wurde mehrfach verfilmt, hatte sich der Autor selbst doch nach einem Gespräch mit Emil Jannings über die stilistischen Möglichkeiten des Mediums Film für die Verfilmung seines Romans interessiert. In einem Beitrag für den „Film-Kurier“ vom August 1930 merkte Alfred Döblin an, dass der Tonfilm „Franz Biberkopf unmittelbar sprechen lässt und daher akustisch echter ist, als es je der Roman kann“. Der heute weitestgehend vergessene Regisseur Piel (Phil) Jutzi verfilmte den Roman nach einem Drehbuch von Hans Wilhelm und Alfred Döblin mit Heinrich George in der Hauptrolle; Bernhard Minetti spielte Reinhold. Auch wenn Jutzis Film von der Kritik nicht besonders wohlwollend aufgenommen wurde, zeigte insbesondere der Einsatz der Filmmusik die Möglichkeiten des Mediums Film auf: Zu Beginn, als Franz nach seiner Haftentlassung mit der „Elektrischen“ in die Stadt fährt, setzt der Marsch „Über den Dächern von Berlin“ Biberkopfs Gefühl von einem neuen Leben in einer ihm fremd gewordenen Welt kongenial um.

Rainer Werner Fassbinder drehte 1979/1980 „Berlin Alexanderplatz“ als 930-minütige Fernsehserie in 13 Episoden und einem Epilog mit Günter Lamprecht als Franz Biberkopf, Barbara Sukowa als Mieze und Gottfried John als Reinhold, die 2007 auf der Berlinale in einer restaurierten Fassung gezeigt wurde.

Ein Flüchtling kämpft in Berlin mit seinen guten Vorsätzen

Im Gegensatz zu Fassbinder, der seine Verfilmung getreu der Vorlage in den 1920er Jahren ansiedelte, verlegt der 1980 als Sohn afghanischer Flüchtlinge in Erkelenz geborene Regisseur Burhan Qurbani seine Adaption des Döblin-Romans mit dem gleichnamigen Filmtitel „Berlin Alexanderplatz“ in die Gegenwart. Sein Protagonist ist Francis (Welket Bungué), ein Flüchtling aus Guinea-Bissau, der sich mit letzter Kraft an einen Strand der Mittelmeerküste rettet, und dann ein Gebet spricht: „Lieber, allmächtiger Gott, von nun an will ich ein neues, anständiges Leben führen“.

Doch in Berlin angekommen, machen es ihm die Lebensumstände als staatenloser Flüchtling nicht einfach, seinen Schwur einzuhalten. Eine Zeit lang kann er ohne „Papiere“ am Bau der U-Bahnlinie U5 am Alexanderplatz arbeiten. Als er die Arbeit verliert und auf den zwielichtigen deutschen Drogendealer Reinhold (Albrecht Schuch) trifft, verbinden sich die Leben der beiden Männer zu einer düsteren Schicksalsgemeinschaft.

„Anständig wolle Franz sein,
aber dem Leben hat es nicht gefallen“

Erzählt wird die Geschichte von Francis, dessen Name später von Reinhold in Franz umbenannt wird, von Mieze (Jella Haase), der Prostituierten, die Francis' Geliebte wird. Die Off-Stimme verrät: „Anständig wolle Franz sein, aber dem Leben hat es nicht gefallen.“

Qurbanis Film „in fünf Teilen“ überführt den Roman mit erstaunlicher Handlungstreue in die Gegenwart. Bei allen bemühten Parallelen zwischen dem Berlin der 1920er Jahre und den Zuständen 2020 bleiben allerdings das Atmosphärische und insbesondere die großen sozioökonomischen Unterschiede, die nicht nur Spielfilme aus Döblins Zeiten wie Friedrich Wilhelm Murnaus „Der letzte Mann“ (1024), sondern auch etwa die Erfolgsserie „Babylon Berlin“ heraufbeschwört, auf der Strecke. Dafür liefert Kameramann Yoshi Heimrath mal schillern-leuchtende, mal poetische, aber stets erlesene Bilder.

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