Berlin

Die Putzfrau wird Doppelagentin

Die Amazon-Serie „Helvetica“ verknüpft unterschiedliche Handlungen – Spionage, Terrorismus, Politik. Dabei ist es nicht einfach, den Überblick zu behalten.

Immer wieder handeln Thriller von durchschnittlichen Menschen, die unfreiwillig in die Spionage- oder terroristische Welt geraten. In der dänisch-schwedisch-deutschen Serie „Greyzone – No Way Out“ (DT vom 11.10.2018) beispielsweise wird eine Softwareentwicklerin von Terroristen dazu gezwungen, das nationale Abwehrsystem außer Kraft zu setzen, damit die Täter mit geschmuggelten Massenvernichtungswaffen ein Attentat in Dänemark verüben können. Als Druckmittel dient der sechsjährige Sohn der IT-Expertin. Als zweite Hauptfigur in „Greyzone – No Way Out“ wird eine Polizistin eingeführt, die den Verbleib der gestohlenen Waffen ermitteln soll.

Ein ähnliches Muster setzt der sechsteilige Spionage-Thriller „Helvetica“ ein, die 2019 beim französischen „Festival de la Fiction de la Rochelle“ als „Beste ausländische Produktion“ ausgezeichnet wurde, und nun Amazon Prime Video online gestellt hat. Im Mittelpunkt von „Helvetica“ steht die aus dem Kosovo stammende Tina (Flonja Kodheli), die als Reinigungskraft im Schweizer Bundeshaus in Bern arbeitet.

Tinas Leben gerät aus den Fugen, als Djeko (Arben Bajraktaraj), ein Freund ihres Vaters Sami (Çun Lajçi), sie zwingt, geheime Informationen aus dem Bundeshaus zu besorgen. In der Serie „Helvetica“ ist das Druckmittel ebenfalls die Familie: Um ihren Mann Gaspard (Yoann Blanc) und ihre Tochter Sandra (Lisa Chapuisat) zu schützen, willigt Tina ein, sich ins Zentrum der politischen Macht der Schweiz einzuschleusen, um für Djeko geheime Akten zu beschaffen.

Auf der Jagd nach Nahost-Terroristen und Balkan-Mafia

Ähnlich in „Greyzone – No Way Out“ spielt auch in „Helvetica“ ein Polizist eine herausragende Rolle: Rainald Mann (Roland Vouilloz) ermittelt gegen eine Nahost-Terroristengruppe, gleichzeitig aber auch gegen die Balkan-Mafia, da beide Gruppen versuchen, an Schweizer Streubomben zu gelangen. Nachdem Rainald Mann auf der Suche nach einem besonders gefährlichen Terroristen eine Moschee stürmt, in der sich auch Farouk Sadiki – ein mit der Schweiz verbündeter katarischer Diplomat – befindet, wird der Bundespolizist suspendiert. Er setzt jedoch seine Ermittlungen auf eigene Faust fort. Als er Tina ins Visier nimmt, versucht der Polizist die Reinigungskraft als Doppelagentin einzusetzen. Denn über sie könnte er an Djeko und damit an die Balkanmafia herankommen.

Als Diplomat aus Katar unterstützt Sadiki Bundespräsidentin Kathy Kunz (Ursina Lardi) bei Verhandlungen, um im Jemen festgehaltene Geiseln freizubekommen. Bundespräsidentin Kunz bleibt fest bei der Auffassung, kein Lösegeld für die Geiseln, unter denen sich eine Schweizerin befindet, zu zahlen. Aber: Welche Rolle spielen bei den Verhandlungen die (illegalen) Streubomben, die eigentlich zerstört werden sollen?

Den internationalen Waffenhandel im Blick

„Helvetica“ wirft einen Blick auf das sehr komplexe Bild des internationalen Waffenhandels. Weil in der Serie nicht weniger als 65 Figuren eine gewisse Rolle spielen – so Rainald-Mann-Darsteller Roland Vouilloz in einem Interview –, kann der Zuschauer schon leicht die Übersicht verlieren. Die Autoren verbinden sehr unterschiedliche Stränge miteinander: Die diplomatische Krise und die Geiselnahme in Jemen sowie die Friedensverhandlungen für das von internen Kämpfen erschütterte Land durch die Vermittlung Katars werden mit der Frage der Entsorgung illegaler Waffen und den Bestrebungen des internationalen, islamistisch geprägten Terrorismus einerseits und der Balkan-Mafia andererseits, sich dieser Waffen zu bemächtigen, verknüpft.

Dazu kommen weitere Handlungsnebenstränge, etwa die internen politischen Machtkämpfe innerhalb der Schweizer Regierung, die sich an der Haltung zur Geiselnahme entzünden, sowie Tinas Familienangelegenheiten und ihr teils gestörtes Verhältnis zu ihrem Vater.

Dabei übernimmt die Serie nicht eine einheitliche Sicht; sie erzählt vielmehr aus verschiedenen Perspektiven: aus Tinas, der Bundespräsidentin, aber auch aus der Sicht des Ermittlers Rainald Mann. Den Regisseuren der jeweiligen Folgen gelingt es nicht immer, trotz etwa Spannungs-Musik, dem Zuschauer die Übersicht zu erleichtern.

„Helvetica“, Schweiz 2019.
Serienentwickler: Romain Graf, sechs Folgen mit insgesamt 325 Minuten, auf Amazon Prime Video.

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