Zürich/Rom

Der Patriarch des deutschen Kinos

Für die „Blechtrommel“ bekam er die Goldene Palme: Am Dienstag feiert der Schauspieler Mario Adorf seinen 90. Geburtstag.

Der Schauspieler Mario Adorf
Mario Adorf gehörte 2003 zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Filmakademie. Foto: Reiner Zensen via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Als Schurke begann die Karriere des am 08. September 1930 als unehelicher Sohn der Röntgenassistentin Alice Adorf und eines italienischen Chirurgen in Zürich geborenen Mario Adorf: Als psychopathischer Mörder in Robert Siodmarks „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957) wurde Adorf allgemein bekannt.
Schurkenrollen prägten denn auch seine ersten Filmjahre: In „Winnetou. 1. Teil“ (1963) verkörperte Adorf etwa den Banditen Frederick Santer. Auf die Rolle werde er immer wieder angesprochen, erklärte der Schauspieler später. Daher nimmt es nicht wunder, dass Adorf 2016 für den Fernseh-Dreiteiler „Winnetou – Der Mythos lebt“ wieder in die Rolle des „Santer Sr.“ schlüpfte.

Hollywood wird auf Mario Adorf aufmerksam

Hollywood wird auf Mario Adorf aufmerksam. 1963 dreht er unter dem renommierten Regisseur Sam Peckinpah in Mexiko „Sierra Chariba“. Doch nun droht ein neues Klischee: Adorf will nicht immer wieder – als eine Art „Anthony- Quinn-Ersatz“ – Mexikaner spielen. Zurück in Deutschland spielt er 1970 den Kriminellen Bruno „Dandy“ Stiegler in „Die Herren mit der weißen Weste“ (Wolfgang Staudte). Dann geht es aber nach Italien: Drei Jahre später ist Adorf als Benito Mussolini in „Die Ermordung Matteottis“ (1973) zu sehen, wobei den Part des filmtitelgebenden, sozialistischen Politikers Matteotti, der im Sommer 1924 von italienischen Faschisten ermordet wurde, Franco Nero übernimmt.

Mitte, Ende der 1970er Jahre spielt Mario Adorf in zwei Literaturverfilmungen von Volker Schlöndorff: in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) nach einer Erzählung von Heinrich Böll, bei dem Margarethe von Trotta mit Regie führte, sowie in „Die Blechtrommel“ (1979) nach dem gleichnamigen Roman von Günter Grass, der nicht nur die Goldene Palme in Cannes, sondern – als erster deutscher Film überhaupt – den Oscar in der Kategorie Bester nichtenglischsprachiger Film gewinnt. Adorf verkörpert Oskars Vater Alfred Matzerath. Rainer Werner Fassbinder besetzt ihn als Schuckert in „Lola“ (1981) neben Armin Mueller-Stahl und Barbara Sukowa. Mit der Hauptrolle des Sägewerkbesitzers Lauretz in „Via Mala“ (Tom Toelle, 1985; die Musik komponierte Ennio Morricone) nach dem gleichnamigen Roman von John Knittel etabliert Mario Adorf das Image des Patriarchen und Unternehmers. Zu den Romanverfilmungen zählt auch „Heimatmuseum“ (1988) nach Siegfried Lenz als Fernseh-Dreiteiler.

Eine Paraderolle bietet ihm Dieter Wedel im Fernsehvierteiler „Der große Bellheim“ (1992/93). Unter Helmut Dietl, mit dem er bereits in der sechsteiligen Fernsehserie „Kir Royale“ (1986-88) gearbeitet hatte, steht er zusammen mit Götz George und vielen anderen bekannten Darstellern vor der Kamera für „Rossini“ im Jahre 1996.

Höhen und Tiefen einer 65-jährigen Schauspielkarriere

Das Drehbuch sowohl von „Kir Royale“ als auch von „Rossini“ schrieb Dietl zusammen mit dem Schriftsteller Patrick Süskind. Noch einmal spielt Adorf einen Patriarchen, den Marzipanfabrikanten Konrad Hansen, 2010 in „Der letzte Patriarch“. Seine (bislang) letzte Rolle ist die des 80-jährigen Boxers in der Fernsehkomödie „Alte Bande“, die im Oktober 2019 am Film Festival Cologne uraufgeführt und im Januar 2020 erstmals im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Ebenfalls 2019 kam ins Kino der Dokumentarfilm „Es hätte schlimmer kommen können“ (Dominik Wessely), der den Werdegang von Mario Adorf nachzeichnet. Der Darsteller blickt darin auf die Höhen und Tiefen einer 65-jährigen Schauspielkarriere,  in deren Lauf er in mehr als 170 Filmen mitwirkte.

Mario Adorf gehörte 2003 zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Filmakademie. Im Jahr 2007 war er unter dem Vorsitz von Paul Schrader Mitglied der internationalen Jury der Berlinale. Die Nibelungenfestspiele Worms, die er 2002 initiiert hatte, verleihen seit 2018 den „Mario-Adorf-Preis“ an Künstler, die sich bei den Festspielen durch außergewöhnliche künstlerische Leistung hervorheben

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