Berlin

Der Mauerfall verändert radikal Lebensläufe

Die dritte Staffel der Amazon-Serie „Deutschland“ zeigt radikale Brüche in persönlichen Entwicklungen nach dem Ende der DDR.

Tag der deutschen Einheit
Auf der Mauerkrone feiern Deutsche aus Ost und West 1990 die Wiedererlangung der nationalen Einheit Deutschlands. Sie wird massive gesellschaftliche Umbrüche verursachen. Foto: DB dpa (dpa)

Über die letzten Jahre der DDR, namentlich über den Mauerfall, wurden bereits mehrere Filme und Fernsehserien gedreht. „Weissensee“, deren erste Staffel die ARD im Jahre 2010 ausstrahlte, erstreckt sich vom Sommer 1980 bis – in der vierten Staffel (DT vom 3.5.2018) – Herbst 1990. Die Serie „Deutschland“ (DT vom 8.11.2018) setzte den Akzent auf die Auslandsaktivitäten der zum DDR-Ministerium für Staatssicherheit gehörenden „Hauptverwaltung Aufklärung“ HVA, des DDR-Auslandsnachrichtendienstes. Unter der Vielzahl von Figuren ragen Neffe und Tante heraus: In „Deutschland 83“ wird der junge DDR-Grenzsoldat Martin Rauch (Jonas Nay) von seiner Tante Lenora (Maria Schrader) als Spion in den Westen geschickt. Als Maulwurf in der Bundeswehr gelingt es Martin, die DDR-Führung zu überzeugen, dass es sich bei „Able Archer“ wohl um eine NATO-Übung und nicht um einen verdeckten Nuklearschlag gegen den Warschauer Pakt handelt. „Deutschland 86“ liefert insbesondere interessante Einblicke in die verrottete DDR-Wirtschaft: HVA und KoKo suchen nach immer abenteuerlicheren Wegen, um der drohenden Staatspleite zu entgehen.

Nun stellt ab dem 25. September der Online-Streamingdienst „Amazon Prime Video“ das dritte und letzte Kapitel „Deutschland 89“ ein. Die Staffel beginnt am 8. November 1989, „36 Stunden vor dem Fall der Mauer“. Mit einem insbesondere für US-amerikanische Thriller-Serien charakteristischen Schnellüberblick werden die verschiedenen Figuren eingeführt beziehungsweise der Stand der bekannten Figuren zu Staffelbeginn verdeutlicht, und damit die unterschiedlichen Handlungsstränge eröffnet.

Viele verlieren durch den Zusammenbruch des Sozialismus ihre Idendität

Die HVA versucht in der Person des Fritz Hartmann (Niels Bormann) das Unvermeidliche zu verhindern: Das zurzeit in Arbeit befindliche neue Reisegesetz hintertreiben („Was würde passieren, wenn die Mauer fällt?“. „Das wäre das Ende der DDR – und der HVA“), nötigenfalls indem Egon Krenz vergiftet wird. Dafür reaktiviert Fritz Hartmann den inzwischen als Robotron-Mitarbeiter und alleinerziehender Vater ein ruhiges Leben führenden Martin.

Die von den Regisseurinnen Randa Chahoud und Soleen Yusef als eine Verknüpfung von nachgestellten Szenen und Dokumentarbildern inszenierte, berühmte Pressekonferenz vom 9. November mit Günter Schabowski erlebt Martin in einer Kneipe an der Seite von Nicole Zangen (Svenja Jung), der Klassenlehrerin seines Sohnes Max, die in „Deutschland 89“ eine wichtige Rolle spielen wird.

Mit der Öffnung der Berliner Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 („Der größte Gefängnisausbruch in der Geschichte“, heißt es in der Serie zu den bekannten Bildern der Schlagbaum-Öffnung an der Bornholmer Straße) verliert nicht nur Martin seine Identität.

Bekannte Zersetzungstechniken werden gezeigt

Die Genossen in der HVA müssen sich neu positionieren. Versucht Fritz Hartmann, Oppositionelle zu infiltrieren, die die Gesellschaft der DDR in eine echte sozialistische Utopie verwandeln wollen, so fürchtet Abteilungsleiter Marcus Fuchs (Uwe Preuss) eine militärische Intervention des Westens, und will sich deshalb zusammen mit Barbara Dietrich (Anke Engelke) mit dem gehorteten Geld und Gold in Sicherheit bringen.

Vorher entsenden sie jedoch Walter Schweppenstette (Sylvester Groth) nach Frankfurt am Main, um dort die Deutsche Bank zu unterwandern, damit die Übernahme der DDR-Staatsbank durch den Westen verhindert werden kann. Zur Untermauerung seiner Tarnung als „Professor Baumann“ spielt die treue HVA-Agentin Beate Baumann (Corinna Harfouch) dessen gelangweilte westdeutsche Ehefrau.

Auch Westgeheimdienste schlagen "Profit" aus dem Chaos

Lenora, die 1986 an die BND-Agentin Brigitte Winkelmann (Lavinia Wilson) verraten wurde, hat sich in der JVA Charlottenbug radikalisiert. Während ihr Gefängnisausbruch vorbereitet wird – auch in der dritten Staffel soll Lenora eine zentrale Figur bleiben –, gründet Brigitte Winkelmann zusammen mit dem CIA- Agent Hector Valdez (Raul Casso) eine geheime Taskforce, um HVA-Agenten zu rekrutieren. Dabei denken sie zunächst an Martin, der eine in Ostberlin untergebrachte westdeutsche Terrorzelle unterwandern soll.

Der durch die Auflösung der DDR verursachte „radikale Bruch“ in den Biografien der Figuren, so die Serienentwickler und Produzenten Anna und Jörg Winger, steht im Mittelpunkt von „Deutschland 89“. Wie in den früheren Staffeln zeichnet sie sich durch die schnelle Handlung, die vielfältigen Erzählungen sowie durch eigenwillige Kameraperspektiven aus. Sie verbindet das politisch-gesellschaftlich Relevante mit persönlichen Schicksalen, die den Zuschauer berühren.

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