Berlin

Welches Recht soll die Zivilisation haben?

"Endzeit" und "I Am Mother": Postapokalyptische Filme fragen nach dem künftigen Menschen.

Filmtipp: "I Am Mother" - Filmszene mit Clara Rugaard
Viele Jahre hindurch herrschte zwischen „Tochter“ (Clara Rugaard) und Android-„Mutter“ ein inniges Verhältnis. Sie waren allein in einem Bunker, nachdem die Menschheit ausgelöscht wurde. Aber die Ankunft einer fremden Frau ändert alles. Foto: Concorde

Sogenannte postapokalyptische Filme stehen zurzeit hoch im Kurs. Die Online-Plattform Netflix bietet solche dystopischen Serien, etwa „The Rain“ oder „Destination Io“, die von einer Welt nach einer Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes handeln. Aber auch im heutigen Kino erleben sie eine beachtliche Konjunktur. So starten diese Woche gleich zwei Spielfilme, die als postapokalyptisch bezeichnet werden können.

Der deutsche Film "Endzeit"

Für den deutschen Film „Endzeit“ adaptiert Olivia Vieweg ihre eigene gleichnamige Graphic Novel als Drehbuch. „Endzeit“ spielt zwei Jahre, nachdem ein Virus die meisten Menschen in blutrünstige Kreaturen verwandelte. Überlebende gibt es nur noch in Weimar und Jena, wobei es heißt, in Jena würde an einem Gegenmittel experimentiert. Der Film beginnt aber in Weimar, dessen bekannte Sehenswürdigkeiten wie das Goethe-Schiller-Denkmal Regisseurin Carolina Hellsgaard und Szenenbildnerin Jenny Roesler mit einem postapokalyptischen Firnis überzogen haben. Ein Schutzzaun umgibt die Stadt, um die Angriffe der „Zombies“ abzuwehren. Über den Zaun wacht ein Trupp, zu dem etwa auch die verängstigte Vivi (Gro Swantje Kohlhof) eingeteilt wird. Vivi ist schwer traumatisiert, nachdem sie beim Zombieangriff zwei Jahre zuvor ihre kleine Schwester nicht retten konnte. Am Schutzzaun lernt sie die burschikose Eva (Maja Lehrer) kennen, die sich auf der Suche nach dem geeigneten Gegenmittel unbedingt nach Jena durchschlagen will.

Für ihre Reise hat sie den unbemannten Pendelzug ausgewählt, der regelmäßig Weimar mit Lebensmitteln und sonstigen Gütern versorgt. Vivi und Eva erreichen zwar den Zug, aber der bleibt unerklärlicherweise auf halber Strecke plötzlich stehen. Nachdem sie von infizierten Blutsaugern angegriffen werden, sehen sie sich gezwungen, den Rest der Strecke nach Jena zu Fuß zurückzulegen. Auf ihrem Weg begegnen sie verschiedenen Gestalten, darunter auch einer Gärtnerin (Trine Dyrholm), die eine Mischung aus Mensch und Pflanze zu sein scheint.

Visuell beeindruckt „Endzeit“, die ausnahmslos – von der Regie und dem Drehbuch über das Produktionsdesign und die Kamera bis zur Filmmusik und dem Schnitt – von Frauen realisiert wurde, obwohl oder vielleicht auch deshalb, weil die meisten Szenen im Thüringer Wald aufgenommen wurde, dem Kamerafrau Leah Striker ganz schöne Seiten abgewinnt.

Australisch-neuseeländischer Film "I Am Mother"

Auch wenn sie sozusagen der Anlass sind, spielen Zombies kaum eine Rolle. Im Film geht es vielmehr um die gegen Ende dick aufgetragene Öko-Botschaft einer ganz neuen Verbindung zwischen Mensch und Natur. Außerdem bleiben die zwischenmenschlichen Beziehungen der beiden ungleichen Frauen ebenfalls im Vordergrund. Von einem ähnlichen postapokalyptischen Virusangriff handelt ebenfalls der australisch-neuseeländische Film „I Am Mother“, auch wenn beide Filme visuell kaum unterschiedlicher sein könnten. Denn das Wenige an Landschaft, was im Film von Michael Lloyd Green (Drehbuch) und Grant Sputore (Regie) noch zu sehen ist, besteht aus verbrannter oder eher aus verseuchter Erde.

Der eigentliche Handlungsort des Filmes ist eine „Einrichtung zur Neubesiedlung“, ein Hochsicherheitsbunker, in dem nach der angenommenen „Auslöschung“ der Menschheit 63 000 menschliche Embryonen lagern. In der Einrichtung wird ein Androide (Stimme im Original: Rose Byrne) „geweckt“ oder eingeschaltet, der dazu entwickelt wurde, die Erde neu zu besiedeln. Dafür transferiert er einen Embryo in eine künstliche Gebärmutter. Nach der „Geburt“ sieht das Kind den Androiden als „Mutter“. In einer schnellgeschnittenen Sequenz wird die Entwicklung der „Tochter“ (Clara Rugaard) wiedergegeben, bis sie etwa 16 Jahre alt ist.

Die bis dahin innige Verbindung zwischen „Mutter“ und „Tochter“ wird aber bedroht, als eines Tages eine blutüberströmte fremde Frau (Hilary Swank) vor der Luftschleuse des Bunkers auftaucht und völlig aufgelöst um Hilfe schreit. Die bloße Existenz dieser Fremden stellt die Welt der „Tochter“ auf den Kopf, weil sie davon ausgegangen war, dass alle Menschen durch ein Virus gestorben waren. Sie muss sich nun entscheiden, wem sie glaubt – der „Mutter“ oder der „fremden Frau“.

Optisch beeindruckt nicht nur die sachliche Anordnung des Bunkers, sondern vor allem die Bewegungen des Androiden – der nicht nur am Computer entstand, sondern mittels Motion-Capture von einem Mitarbeiter der Firma WETA nachgestellt wurde. Denn sie oszillieren von der anfänglichen Zärtlichkeit bis zu bedrohlichen Gesten gegen Ende.

Zwar geht es bei „I Am Mother“ um die Möglichkeit einer „künstlichen Elternschaft“. Ähnlich „Endzeit“ befasst sich „I Am Mother“ insbesondere aber auch mit der Frage des postapokalyptischen Genres schlechthin: Wenn fast die gesamte Zivilisation untergegangen ist, wie soll es weitergehen? Soll eine neue Menschheit „gezüchtet“ werden? Was für eine Berechtigung, auf welcher Grundlage soll eine neue Zivilisation aufgebaut werden?

In diesem Zusammenhang spielt auch der Ethik-Unterricht eine Rolle, welchen die „Mutter“ der „Tochter“ erteilt: das sogenannte „Organ Harvest“-Problem, was eigentlich eine Variante der theologischen Frage der Handlungen mit doppelter Wirkung darstellt. Dass die fremde Frau auch einmal den Rosenkranz betet, kann auch kein Zufall sein.