Berlin

Ein Plädoyer für die Liebe

"Casomai - Trauen wir uns" (2002) von Alessandro D'Alatri - Teil 4 der Serie "Familienfilme" zeigt die Stärken der Ehe.

Filmtipp: "Casomai - Trauen wir uns"  - Filmszene mit Fabio Volo, Stefania Rocca und Gennaro Nunziante
Als Tommaso (Fabio Volo, links) und Stefania (Stefania Rocca) seine Kirche für ihre Hochzeit aussuchen, ist sich Don Livio (Gennaro Nunziante) gar nicht sicher, ob sie auf die Ehe genug vorbereitet sind. Deshalb überrascht er Brautleute und Hochzeitsgäste. Foto: skip.at

Im Kino enden Liebesgeschichten, die ja zu den beliebtesten Kinogenres überhaupt gehören, meistens mit dem Jawort, dem klassischsten aller „Happy Ends“. Wenige Spielfilme beschäftigen sich mit der Zeit danach, wie es nach der Hochzeit mit dem Ehepaar weitergehen soll, wie sich die Liebe der Angetrauten trotz eventuell auftretenden Schwierigkeiten im Alltag bewähren soll, so etwa Luis Mandokis „When a Man loves a Woman“ (1994).

Bereits bei der Hochzeit ein "Hintertürchen"

Angesichts heutiger Scheidungsraten dürfte sogar die Frage erlaubt sein, ob manche Menschen bereits bei der Hochzeit ein „Hintertürchen“ einbauen und das „in guten wie in schlechten Zeiten“ etwa so interpretieren: „für den Fall, dass es schief geht, werden wir schon eine Lösung finden. Wir brauchen nicht unbedingt zu warten, bis der Tod uns scheidet“. Dieses „für den Fall“ oder „gesetzt den Fall, dass“ heißt auf italienisch „Casomai“. Insofern ist der Filmtitel „Casomai“ (in der deutschen Fassung „Casomai – Trauen wir uns?!“) Programm. Bereits der fantasievolle Vorspann – ein Eiskunstlauf zu zweit – stellt eine Metapher für die hohe Kür der Ehe dar, die freilich nur allzu leicht ins Rutschen geraten kann.

Der Spielfilm von Regisseur Alessandro D'Alatri und seiner Mit-Drehbuchautorin Anna Pavignano handelt von einer heute überaus gängigen Situation: In Mailand haben sich die Maskenbildnerin Stefania (Stefania Rocca) und der Werbespezialist Tommaso (Fabio Volo) kennen und lieben gelernt.

Zwei junge Menschen mit modernen Berufen in einer modernen, mitteleuropäischen Stadt, die – in den Worten des Regisseurs – „einen großen Druck auf die Verhaltensweisen der Menschen ausübt“. Mit Religion haben Tommaso und Stefania offenbar nicht viel zu tun. Wenn sie allerdings zur Eheschließung schreiten, dann soll es bitte schön so richtig, in der Kirche sein, am besten in einer malerisch gelegenen, romantisch anmutenden kleinen Kapelle in den Bergen. Der junge, sympathische Priester Don Livio (Gennaro Nunziante) sagt spontan zu, macht sich jedoch offensichtlich seine Gedanken darüber, ob Tommaso und Stefania wirklich wissen, worauf sie sich einlassen.

Auf Hochgefühl folgt Ernüchterung

Deshalb provoziert er mit einem schalkhaftem Kunstgriff Brautleute und Hochzeitsgäste gleichermaßen, um vor versammelter Hochzeitsgesellschaft ein mögliches Szenario der künftigen Familie zu entwerfen: Nach der ersten Zeit des Hochgefühls, besonders nach der Geburt des ersten Kindes, folgt die Ernüchterung. Beruflicher Druck zwingt Tommaso immer mehr zu einer Entscheidung zwischen Familie und Beruf, Stefania fühlt sich einsam zu Hause. Zudem kapseln sie sich immer mehr von ihrer Umwelt ab, denn die unternehmungslustigen Freunde – samt und sonders Singles – haben mit den immer müden Eltern immer weniger Gemeinsamkeiten. Als sie das zweite Kind erwarten, droht die Katastrophe, zumal sie sich mit dem Gedanken einer Abtreibung ernstlich auseinandersetzen, und eine Scheidung sogar für die Steuererklärung und für einen Kindergartenplatz Vorteile mit sich bringen würde. Regisseur und Mit-Drehbuchautor Alessandro D'Alatri drehte Werbespots, bevor er sich dem Spielfilm zuwandte. Dies merkt man vor allem in den Sequenzen, in denen er ganz schnelle Schnitte einsetzt, um die verschiedenen Episoden einer Ehe zu einer Geschichte zu verschmelzen, sowie in den verlangsamten Bewegungen der Kamera, um etwa Augenblicke der Intimität festzuhalten.

Mit seiner skurril-lustigen Art, die jedoch nie ins Lächerliche abgleitet, gelingt es Alessandro D'Alatris Film, nachdenklich zu stimmen. Dazu führt Alessandro D'Alatri aus: „Wenn man die Liebe nicht mehr spürt, heißt das nicht, dass sie zu Ende ist. Vielleicht ist sie nur ohne Atem, begraben von tausend Schwierigkeiten, die nichts mit der Liebe zu tun haben.“ So liefert „Casomai – Trauen wir uns?!“ ein eindringliches Plädoyer für die Liebe, die nicht allein in Gefühlen besteht, für eine Liebe, die den Spagat zwischen Leistungsgesellschaft und Familie in einer immer egoistischer werdenden Gesellschaft doch noch meistern kann.

„Casomai – Trauen wir uns?“ („Casomai”), Italien 2002, Regie: Alessandro D'Alatri, 114 Minuten, EAN: 4-0425-6401-676-5, EUR 16,98