Berlin

Doppelleben des Agenten

Herausragende Hauptdarsteller und detailverliebte Ausstattung: Die Netflix-Serie "The Spy" handelt vom wichtigsten Spionagefall in der israelischen Geschichte.

Garcias Filmtipp: „The Spy“
Mossad-Agent Eli Cohen (Sacha Baron Cohen, 2.v.r.) knüpft in Syrien Kontakte zu hochrangigen Persönlichkeiten an, unter anderem zum späteren Präsidenten Amin Al-Hafez (Waleed Zuaiter, links). Dadurch kann er wertvolle Informationen liefern. Foto: Netflix

Zu Beginn der 1960er Jahre befand sich der junge Staat Israel in Alarmbereitschaft. Zwar waren zwischen Israel auf der einen und Ägypten, Jordanien, dem Libanon und Syrien auf der anderen Seite Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet worden. Das Land fühlte sich jedoch bedroht, etwa von den von den Nachbarstaaten aus operierenden „Fedajin“ – unter denen sich insbesondere die 1959 von Yasir Arafat gegründete Fatah befand, die 1964 in die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO eingehen sollte.

Obwohl Israel zusammen mit Großbritannien und Frankreich in der Suezkrise 1956 den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel besetzt hatte, musste sich Israel nach einer Resolution der UN-Generalversammlung vom November 1956 hinter die Waffenstillstandslinie zurückziehen. Militärisch kam in der ersten Hälfte der 1960er Jahre die größte Bedrohung für Israel aus Syrien. Denn mit Unterstützung sowjetischer Waffen griff Syrien vor allem von den Golanhöhen aus Ziele in Israel an.

Netflix-Miniserie vor historischem Hintergrund

Auf dem historischen Hintergrund spielt die sechsteilige Netflix-Miniserie „The Spy“. „Inspiriert von wahren Begebenheiten“ erzählt sie von einem besonderen Spionagefall: Dem Mossad gelang es in den 1960er Jahren, den Agenten Eli Cohen in Syrien einzuschleusen, der dank seiner Kontakte bis in die höchsten politischen Ebenen hinein einen entscheidenden Einfluss auf die gegen Israel gerichteten syrischen Geheimdienst-Aktivitäten nehmen konnte. Eli Cohen wurde so zu einem Meisterspion, der dem Mossad lebenswichtige Informationen lieferte, und gleichzeitig als Berater des syrischen Verteidigungsministers die syrische Abwehr schwächte.

Da die Miniserie von historischen Tatsachen handelt, kennt der Zuschauer bereits das Ende. Deshalb hält Drehbuchautor und Regisseur Gideon Raff mit Eli Cohens Schicksal nicht lange hinterm Berg. Bereits zu Beginn sitzt Eli Cohen (Sacha Baron Cohen) im Gefängnis an einem Tisch, und schreibt einen Abschiedsbrief an seine geliebte Frau Nadja (Hadar Ratzon Rotem). An seinen ausgemergelten Gesichtszügen und insbesondere auch an den schwarz gefärbten Fingernägeln wird die Folter deutlich, der er unterzogen wurde. Ein Rabbi wird dazugerufen, der bei Elis Zögern, den Brief zu unterschreiben, zu ihm sagt: „Mein armer Junge, Du erinnerst dich nicht an Deinen Namen.“ Der Gefangene scheint ein Identitätsproblem zu haben: Soll er mit Eli Cohen oder mit Kamel Amin Thaabeth unterschreiben, wie er in Syrien bekannt war?

Die ganze Serie „The Spy“ wird demnach als Rückblende gestaltet, die chronologisch Eli Cohens Geschichte erzählt. Der 1924 in Ägypten geborene Elijahu ben Schaul Cohen hatte als Jugendlicher vielen Juden bei der Einwanderung von Ägypten nach Israel geholfen, ehe er selbst 1956 nach Israel einwanderte. Die Erzählung setzt Ende 1959 ein, als Eli in der Buchhaltung eines Kaufhauses in Tel Aviv arbeitet. Er findet kaum Anschluss, denn „sie sehen in mir einen Araber – jüdisch, aber Araber“. Im Fernsehen wird über einen Angriff auf einen Kibbuz von den damals noch syrischen Golanhöhen aus berichtet. Sollen solche Angriffe aufhören, braucht die israelische Regierung jemanden vor Ort, der Informationen liefert. Der Mossad wird beauftragt, einen Agenten auszubilden und nach Syrien zu entsenden. Mossad-Offizier Dan Peleg (Noah Emmerich) kommt auf Eli Cohen zurück, der sich bereits zweimal beim Geheimdienst beworben hatte, aber abgelehnt worden war. Seine Agentenausbildung beginnt.

Kaum Action, aber trotzdem spannend

Über Zürich, wo Eli sich seine neue Identität als Geschäftsmann Kamel Amin Thaabeth aneignet, fährt Cohen zunächst einmal nach Buenos Aires – Argentinien sei „voller Spione“, heißt es. In einem Stadtteil von Buenos Aires wurde denn auch Adolf Eichmann festgesetzt. In der argentinischen Hauptstadt knüpfte Eli Kontakte insbesondere zum Militärattaché Amin Al-Hafez (Waleed Zuaiter) an: Mit dessen Empfehlungsschreiben konnte Cohen nach Damaskus reisen, wo er sehr schnell einflussreiche und hochrangige Menschen kennenlernte. Sein Einfluss wurde immer größer, vor allem nachdem Amin Al-Hafez selbst nach Syrien zurückkehrte und politische Ambitionen anmeldete. Dabei lieferte Eli Cohen immer wieder dem israelischen Geheimdienst wertvolle Informationen.

Gideon Raff bietet kaum Actionszenen. Die Spannung entsteht insbesondere durch die brenzligen Situationen, in die sich der Mossad-Agent meistens durch Übereifer selbst bringt. Visuell unterscheidet die sich durch eine detailgenaue Ausstattung auszeichnende Serie zwischen den Szenen in Israel und denen in Syrien durch unterschiedliche Farbgebung. Die in Israel angesiedelten Bilder zeichnen sich durch eine zurückgenommene Farbsättigung aus, sie scheinen teilweise fast Schwarz-Weiß.

„The Spy“ bietet aber auch ein Charakterporträt des Eli Cohen. Die vom Hauptdarsteller  Sacha Baron Cohen  bestens verkörperte Wandlungsfähigkeit des Meisterspions – der Schauspieler wechselt nach häufigen komödiantischen Rollen erstmals ins dramatische Fach – hat als Kehrseite, dass er eine Identitätskrise durchmacht. Leidet er eigentlich unter der Trennung von seiner Familie genauso wie seine Frau Nadja, so genießt er immer mehr die schönen Seiten des Agentendaseins. Die Miniserie weist immer wieder auf die Unvereinbarkeit zwischen dem Familien- und dem Agentenleben hin. „The Spy“ glorifiziert weder die Geheimdienstaktivitäten des Mossad noch die Tätigkeit Eli Cohens. Eine etwaige moralische Bewertung bleibt dem Zuschauer überlassen.

„The Spy“, sechsteilige Miniserie. Regie: Gideon Raff, 320 Min., zu sehen auf Netflix.