Berlin

„Die zwei Päpste“: Verzerrte Sicht auf das Papstamt

Der Netflix-Film „Die zwei Päpste“ wirft einen teils freundlichen Blick auf die Protagonisten, verkürzt deren Beziehung jedoch auf eine Diskussion zwischen einem „Traditionalisten“ und einem „Progressiven“.

„Die zwei Päpste“
Bei einer (fiktiven) Begegnung in Castel Gandolfo im Jahre 2013 werden die Unterschiede zwischen dem „konservativen“ Benedikt XVI. (Anthony Hopkins) und dem „progressiven“ Bergoglio (Jonathan Pryce) deutlich. Foto: Prokino/ Carole Bethuel

Der Amtsverzicht Papst Benedikts XVI. zum 28. Februar 2013 stellte die Kirche vor eine ungewöhnliche Situation, lag die letzte Abdankung eines Papstes mehr als sieben Jahrhunderte zurück: Im Jahre 1294 trat nach nur fünf Monaten Pontifikat Coelestin V. vom Papstamt zurück, um fortan als Einsiedler zu leben.

Mit der Wahl des argentinischen Kardinals Jorge Mario Bergoglio am 13. März 2013 zum Papst Franziskus entstand etwas Neues: Nun leben der amtierende 265. Nachfolger Petri und der Papa emeritus gleichzeitig, ja nicht weit voneinander entfernt, im Vatikan. Eine Situation, die in der Kirche teils widersprüchliche Reaktionen hervorrief. Auch bei nicht kirchlich gesinnten Menschen weckt dies eine gewisse Neugier. So etwa auch bei Anthony McCarten, der für das Drehbuch des Netflix-Spielfilms „Die zwei Päpste“ verantwortlich zeichnet. Bei einer Romreise sei er nach eigenem Bekunden „erschüttert“ (Original: „struck“) gewesen, als ihm auf dem Petersplatz aufgegangen sei, dass „erstmals seit mehr als 500 Jahren zwei Päpste zur gleichen Zeit am Leben waren“.

McCarten führt weiter aus: „Fasziniert von diesem Verhältnis“ habe er sich die Gespräche vorgestellt, „die möglicherweise im Vorfeld dieser außergewöhnlichen Machtübertragung“ stattgefunden hätten. Mit anderen Worten: Das Drehbuch basiert auf von McCarten imaginierten Gesprächen, deren Richtung er aber von Anfang an festlegt: „Es ist eine Debatte zwischen zwei uns allen bekannten Positionen – dem Traditionalisten und dem Reformisten –, die versuchen, eine gemeinsame Basis zu finden.“

„Die zwei Päpste“: Kein reales Bild von Benedikt und Franziskus

Die Handlung des Films konzentriert sich auf den (fiktiven) Besuch des damaligen Erzbischofs von Buenos Aires Jorge Mario Bergoglio (Jonathan Pryce) in Castel Gandolfo im Jahre 2013. Papst Benedikt XVI. (Anthony Hopkins) hat ihn zu sich bestellt, was dem argentinischen Kardinal nur recht sein kann. Denn Bergoglio möchte seit geraumer Zeit sein Bischofsamt niederlegen. Mehrere bereits verschickte Rücktrittsgesuche blieben unbeantwortet. Nun sieht er die Chance gekommen, dem Papst sein Gesuch persönlich zu übergeben. Statt es jedoch anzunehmen, eröffnet Benedikt nach langen Gesprächen über die Lage der Kirche dem verdutzten Bergoglio, dass er selbst auf das Papstamt verzichten möchte. Offensichtlich denkt Benedikt daran, dass Kardinal Bergoglio, der beim Konklave 2005 nach ihm die meisten Stimmen erhielt, sein Nachfolger werden kann beziehungsweise soll. Allerdings möchte der Papst vorher einige Zweifel über die Person Bergoglios und den Kurs, den er einschlagen würde, aus dem Weg räumen.

Gegen eine fiktionale Handlung in einem Spielfilm ist selbstverständlich nichts einzuwenden. Die entscheidende Frage ist freilich, ob die imaginierte Charakterzeichnung mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Dazu bemerkte etwa Anne-Catherine Simon in der Tageszeitung „Die Presse“, leider fehle „die übliche Warnung bei realitätsnaher Fiktion: die Figuren nicht mit realen Personen verwechseln“. Denn mit den realen Benedikt XVI. und Kardinal Bergoglio/Papst Franziskus hat „Die zwei Päpste“ kaum etwas zu tun, sondern eher mit der vorgefassten Meinung des Drehbuchautors.

Diese hatte Anthony McCarten bereits im 400 Seiten starken Buch „Die zwei Päpste“ („The Pope: Francis, Benedict, and the Decision That Shook the World“) geäußert, das in deutscher Sprache im Oktober 2019 erschien, und wiederum auf dem ebenfalls von McCarten stammenden Theaterstück „The Pope“ basiert. Laut Crux-Chefredakteur Charles Collins, den Christopher Altieri im britischen Magazin „The Catholic Herald“ zitiert, seien in dem Theaterstück die Charaktere ungleichmäßig gezeichnet: Benedikts zunehmendes Unbehagen über die Lasten des Papstamtes stehe einem Kardinal Bergoglio gegenüber, der „die Ansichten des Autors darüber widerzuspiegeln“ scheine, „wie eine liberale Vision der Kirche aussehen könnte“. Vereinfacht gesagt: Der rigide Hardliner in Sachen Lehre und Traditionalist auf der einen, der lockere Hirte und Möchtegern-Revolutionär auf der anderen Seite.

Verkürzung auf das fixierte Denken des Drehbuchautors

In seinem Buch zeichnet Anthony McCarten ein deutlich negativeres Bild von Benedikt XVI., dem er etwa eine Neigung zum Luxus attestiert – im „Netflix“-Film fokussiert etwa immer wieder die Kamera auf die roten Schuhe. Für Aussagen wie „Humor ist ihm verdächtig“ bleibt zwar der Autor den Beweis schuldig, aber McCarten steigert sich in die Behauptung hinein: Benedikt „hat, soweit wir wissen, noch nie ein gefühlvolles Wort zu einer anderen Seele gesprochen“.

Den damaligen Kardinal Bergoglio bezeichnet McCarten als „Verfechter der Befreiungstheologie, einer katholischen Bewegung, die den Armen und Unterdrückten durch unmittelbare Beteiligung an politischen und gesellschaftlichen Angelegenheiten helfen will“. Obwohl die Handlung des Spielfilmes in McCartens Buch kaum angerissen wird, scheint darin doch etwas über die Situation durch, in der die (fiktiven) Gespräche stattfinden: Sie fänden mitten in einer Krise des Vatikans statt, „der von Skandalen überschwemmt wird, aber einfache Heilmittel bisher verweigert hat“.

Zwar nimmt Regisseur Fernando Meirelles durch eine im Laufe der Filmhandlung immer freundlicher werdende Sicht auf die zwei Hauptfiguren einiges an Schärfe ab. Aber unter diesen Voraussetzungen nimmt es nicht wunder, dass der Spielfilm die Begegnung zwischen Benedikt XVI. und Kardinal Bergoglio auf eine Diskussion zwischen einem Konservativen und einem Progressiven reduziert: Wirft der Papst dem Kardinal vor, „einer seiner schärfsten Kritiker“ gewesen zu sein, so drängt Bergoglio auf „Veränderungen“, etwa im Hinblick auf die Rolle der Frau und des Zölibats.

Obwohl im Gegensatz zu Christoph Röhls „Verteidiger des Glaubens“ (DT vom 31. Oktober und 11. November) kaum über den Missbrauch geredet wird, zielen einige Andeutungen darauf ab, Benedikt Untätigkeit vorzuwerfen – was Michael Prüller, Pressesprecher der Erzdiözese Wien, zu der Aussage veranlasst, solche Andeutungen kämen „ärgerlicher Geschichtsfälschung gleich“.

„Die zwei Päpste“ mag teilweise ein freundliches Bild insbesondere des jetzigen Papstes abgeben. Die Verkürzung auf vermeintliche, eher dem Denken des Drehbuchautors entstammende fixierte Positionen bei Benedikt XVI. und Franziskus verfälscht jedoch die Wirklichkeit sowohl des emeritierten als auch des amtierenden Papstes.

„Die zwei Päpste“.
Drehbuch: Anthony McCarten, Regie: Fernando Meirelles, Großbritannien 2019, 125 Minuten.
In ausgewählten Kinos und bei Netflix ab dem 20. Dezember.

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