Berlin

Die Ängste der DDR-Agenten

Mit einer fiktiven Figur verdeutlicht der Fernsehfilm "Wendezeit" die Angst der DDR-Spione vor ihrer Enttarnung.

Filmtipp: "Wendezeit" - FIlmszene mit Petra Schmidt-Schaller
Jahrelang hat Saskia Starke (Petra Schmidt-Schaller) als DDR-Spionin bei der CIA-Station in Berlin gearbeitet. Als sich dort Anzeichen eines Maulwurfes mehren, muss sie sich einem Lügendetektor stellen. Foto: ARD

Ein „runder“ Jahrestag ist es (noch) nicht, aber der Gedenktag der Wiedervereinigung bietet Gelegenheit, die intensive Zeitspanne zwischen der Maueröffnung am Abend des 9. November 1989 und der „Herstellung der Einheit Deutschlands“ am 3. Oktober 1990 Revue passieren zu lassen.

Unter den in dieses knappe Jahr fallenden Ereignissen ragt der Sturm auf die Zentrale der DDR-Staatssicherheit am 15. Januar 1990 heraus, mit dem tausende Bürger die Vernichtung von Stasi-Akten verhindern wollten. Denn entgegen dem Befehl, die Archive unangetastet zu lassen, ordnete Generaloberst Werner Großmann, Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), an, die Akten einzustampfen.

Enttarnung sämtlicher DDR-Agenten schwierig

In der Personenkartei „Formblatt 16“ der Stasi-Auslandsspionageabteilung HVA waren etwa 10 000 inoffizielle MfS-Mitarbeiter sowie circa 2 000 „Quellen“ im Ausland vermerkt. Die eigentlichen Personalkarten wurden zwar vernichtet. Im Jahre 1993 tauchten jedoch Mikrofilme der Personenkartei F 16, der „Vorgangsdatei“ F 22 sowie von 1700 Statistikbögen auf, die offenbar von einem KGB-Offizier an die CIA verkauft wurden. Sie bekamen den Namen „Rosenholz“. Von 2000 an wurden Kopien dieser Unterlagen an die Bundesregierung übergeben. 2003 nahm schließlich die damalige Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde Marianne Birthler die Datensätze auf CD-ROMs in Empfang. Heute liegen im Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde 293 118 nunmehr digital erfasste Karteikarten. Hatte man zunächst von den „Rosenholz“-Dateien die Enttarnung sämtlicher DDR-Agenten im Westen erhofft, so stellte sich die Lage als etwas komplizierter heraus. Denn die Kopien sind nicht nur teilweise beschädigt. Darüber hinaus wurden unter einer Registriernummer oder einem Decknamen mehrere Personen zusammen oder ein IM samt seiner sozialen Umgebung, also eher Betroffene als inoffizielle Mitarbeiter der Stasi, zusammengefasst. Dennoch: Laut Helmut Müller-Enbergs, dem Leiter der Rosenholz-Arbeitsgruppe in der Stasi-Unterlagenbehörde, handele es sich bei den „Rosenholz“-Datensätzen um „das Herzstück, das größte Geheimnis, das der Nachrichtendienst HVA besaß. Dieses nun zugängliche Material entblößt einen Spionageapparat wie keinen jemals zuvor in der Geschichte.“

Für die Jahre 1951 bis 1988 verzeichneten die Karteikarten, so Helmut Müller-Enbergs weiter, rund 6 000 Agenten in der Bundesrepublik und Berlin (West), von denen 1988 noch 1 553 aktiv gewesen seien. Gegen sie wurden denn auch Ermittlungsverfahren eingeleitet. Zum Ende der DDR lieferten allein 18 Quellen Informationen über das Auswärtige Amt in Bonn. Das Hauptinteresse der HVA lag allerdings nicht in der politischen, sondern in Wissenschafts- und Wirtschafts-Spionage.

Ab 2. Oktober im Ersten

Wer als DDR-Agent in der Bundesrepublik eingesetzt war, musste also fürchten, in einem der Mikrofilme aufgeführt zu werden. Dies gilt den Filmemachern des Fernseh-Spielfilmes „Wendezeit“, den die ARD am Abend des 2. Oktober ausstrahlt, als Ausgangspunkt für „eine fiktionale Geschichte, inspiriert durch wahre Begebenheiten“, die Drehbuchautorin Silke Steiner und Regisseur Sven Bohse als lupenreinen Spionagethriller inszenieren.

Im Mittelpunkt steht die etwa 40-jährige Saskia Starke (Petra Schmidt-Schaller), die mit dem Deutsch-Amerikaner Richard (Harald Schrott) verheiratet ist und mit ihm zwei Kinder hat. Sie arbeitet in der Vertretung der Vereinigten Staaten in Berlin. Inoffiziell ist Saskia für die CIA tätig. Sie hat aber ein Geheimnis, das nicht einmal ihre Familie kennt: Saskia ist Stasi-Agentin.

Was Saskia im Laufe der Jahre an Geheimnissen an die DDR verraten hat, erfährt der Zuschauer nicht. In Rückblenden wird ihm jedoch Saskias Vorgeschichte erklärt: Als Tochter des hohen Stasi-Offiziers Erich Leschke (André Hennicke) erhält sie, die noch Tatjana Leschke heißt, eine hervorragende Ausbildung – bis sich die Gelegenheit bietet, die Identität von Saskia zu übernehmen. Markus „Micha“ Wolf (Robert Hunger-Bühler) wählt sie höchstpersönlich aus. Sven Bohse führt den Zuschauer rasant in die Handlung ein: Am 5. Oktober 1989 erfährt Tatjana alias Saskia, dass ein Stasi-Offizier überlaufen und die Identität eines Maulwurfs bei der Berliner CIA enthüllen will.

Saskia muss nun handeln, um nicht enttarnt zu werden. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit CIA-Agent Jeremy Redman (Ulrich Thomsen), den die CIA-Zentrale in Langley eigens nach Berlin entsendet, weil er sich in der Enttarnung von Maulwürfen bereits hervorgetan hat.

Schnittstelle zwischen Fiktion und Realität

Sicher: Es ist immer ein Wagnis, die Schnittstelle zwischen Fiktion und Realität schließen zu wollen. Aber mit einem detailgenauen Produktionsdesign und einer Filmmusik, die eine für den Agententhriller typische Spannung erzeugt, gelingt es „Wendezeit“, dem Zuschauer die Lage einer Spionin zu verdeutlichen, die zwischen Hoffen und Bangen schwebt. Petra Schmidt-Schaller verkörpert sie als Getriebene, die kurz davor steht, die Kontrolle zu verlieren, die sie sich in ihrer Ausbildung und Tätigkeit antrainiert hat. Der bekannte dänische Schauspieler Ulrich Thomsen gestaltet CIA-Agent Redman als Kalten Krieger wie er im Buche steht.

„Wendezeit“ wagt sogar eine zwar fiktionale, aber glaubwürdige Deutung, warum bei den „Rosenholz“-Dateien eine ganze Buchstabenfolge fehlt, also alle Nachnamen, die mit „La, „Le“ und Li“ beginnen. Eine Lücke, für die es bis heute keine plausible Erklärung gibt.

„Wendezeit“, Regie: Sven Bohse. Mittwoch, 2. Oktober, 20.15 Uhr, 120 Minuten, ARD. Um 22.45 Uhr widmet sich „Maischberger“ dem Thema.