Würzburg

Am Ende wartet der Abgrund

Ungewöhnliche Formate: Die neue Sektion „Encounters“ bei der 70. Berlinale präsentiert Filme über grundlegende Fragen des Menschseins.

Berlinale: Sektion „Encounters“ -  Filmausschnitt aus "Servants"
Nach seinem Eintritt ins Priesterseminar Bratislava Anfang der 1980er Jahre muss sich der junge Seminarist Juraj (Samuel Skyva, links) entscheiden, ob er zusammen mit den „Friedenspriestern“ mit dem kommunistischen Regime kollaboriert, oder Widerstand leistet. Foto: Punkchart films

Bei den 70. Internationalen Filmfestspielen Berlin findet erstmals die Sektion „Encounters“ statt, die sich laut Berlinale-Selbstverständnis „als Kontrapunkt und Ergänzung des Wettbewerbs neuen filmischen Visionen verschreibt“.

Laut Berlinale sollen die „Encounters“-Filme als „Spiegel der lebendigen Energie der verschiedenen Produktionsweisen, die im 21. Jahrhundert entwickelt wurden, das Publikum zur Reflexion seiner Sichtweisen“ auffordern. Im Folgenden ziehen wir zur Halbzeit der diesjährigen Berlinale ein erstes Fazit über die neue Sektion.

Bei „Encounters“ fällt die ungewöhnliche Filmlänge etlicher Filme auf. Zwar liegt die Spieldauer der meisten Spielfilme zwischen neunzig und 106 Minuten, aber fünf von ihnen haben eine für heutige Sehgewohnheiten eher kürzere Filmlänge zwischen 70 und 88 Minuten. Schon deshalb aus dem Rahmen fiel mit seinen 200 Minuten der Sektions-Eröffnungsfilm „Malmkrog“ des rumänischen Drehbuchautors und Regisseurs Cristi Puiu. Besonders an „Malmkrog“ ist nicht nur die ausgesuchte Ästhetik der Kameraführung und des Szenenbildes – der Film ist wohl am Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt –, sondern insbesondere auch der Inhalt.

Malmkrog: Solowjows "positive christliche Philosophie" im Dialog

Denn Puiu verfasste sein Drehbuch nach einem Text von Wladimir Solowjow. Der russische Religionsphilosoph, der sich der römisch-katholischen Kirche annäherte und der Dostojewski nahestand (er sprach die Grabrede für den großen Schriftsteller 1881), vertrat eine „positive christliche Philosophie“. Puius Film besteht im Grunde aus den Gesprächen, die die Gäste des russischen Gutsbesitzers Nikolai (Frédéric Schulz-Richard) in seinem aristokratischen Herrenhaus selbstverständlich auf Französisch führen.

Bei diesen Gesprächen um die „russische Seele“, um das „unvermeidliche Übel“ des Krieges, insbesondere aber um Gut und Böse, um Fortschritt und Moral, um die Beziehung zwischen Mensch und Gott, um die scheinbare Widersprüchlichkeit der Evangelien (Wie kann es sein, dass Jesus „Friedensfürst“ genannt wird, und dann verkündet, er sei „nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“?) sowie über den Tod und den Antichrist vertritt jeder der drei Frauen und zwei Männer eine andere Meinung. Am Ende gewinnt zwar ein gewisser Fatalismus die Oberhand, denn Solowjow fürchtete an seinem Lebensende, dass die Menschheit sich entschieden habe, auf den Abgrund zuzusteuern. Dennoch: „Malmkrog“ stellt sich als diskursiver Film heraus, der in einer selten im Kino gesehenen Weise von universellen, tiefgründigen Fragen des Menschseins handelt, ohne jedoch gekünstelt zu wirken.

"Servants": Zwei Priesterkandidaten im Konflikt zwischen Kirche und Partei

Um einen ebenfalls explizit religiösen Gegenstand geht es in dem Spielfilm „Sluzobníci“ („Servants“) des slowakischen Regisseurs Ivan Ostrochovský. Der 80 Minuten lange Film handelt von zwei jungen Männern, die Anfang der 1980er Jahre in Bratislava in ein Priesterseminar eintreten. Bald erfahren sie, dass die kommunistische Partei versucht, die Einheit der tschechoslowakischen Katholiken mit Rom zu zerstören. Der Klerus ist gespalten in eine regimekritische Kirche, die den Kontakt zum Vatikan und zu den westlichen Medien hält, und die „Friedenspriester“ von „Pacem in Terris“, die in der Tschechoslowakei von 1971 bis 1989 mit den Machthabern kooperierten. Sollten sie es nicht tun, würde etwa die Theologische Fakultät geschlossen. Juraj (Samuel Skyva) und Michal (Samuel Polakovic) müssen sich entscheiden, ob sie ihrer Berufung treu bleiben, oder sich dem Druck der Partei beugen.

Im formstrengen, die Kontraste unterstreichenden Schwarz-Weiß und im vier mal drei-Format aufgenommen, zeigen Regisseur Ostrochovský und seine Mitautoren, wie die zwei möglichen Antworten auf den Druck der kommunistischen Behörden miteinander konkurrieren.

"Los conductos": In den Fängen einer Sekte

Eine verbrämte Religiosität durchzieht den 70-minütigen Spielfilm „Los conductos“ des Kolumbianers Camilo Restrepo. Ein junger, ausgemergelter Mann namens Pinky (Luis Felipe Lozano) fährt ziellos durch die nächtlichen leeren Straßen auf einem Motorrad. Dann ein Tunnel, an dessen Ende Pinky das Licht sucht: Der junge Mann hat sich aus den Fängen einer Sekte befreit. „Die Auserwählten“, denen nur der Hass auf die Gesellschaft gemeinsam war, lebten eigentlich von kleinkriminellen Handlungen, etwa vom Kupfer, das sie aus allen möglichen Leitungen (daher auch der Filmtitel) stahlen. „Die Gruppe“ wurde von einem Führer geleitet, der „Vater“ genannt wurde, und vorgab, sein Wille sei mit Gottes Wille identisch.

Der sperrige, auf 16 Millimeter in vier mal drei-Format gedrehte Film erzählt nicht chronologisch. Einige Szenen werden außerdem wiederholt, in denen das Alptraumhafte und das durch den Drogenkonsum hervorgerufene Halluzinatorische überwiegt. Von der Korruption der Politiker ist da etwa die Rede, so dass Pinkys Befreiungsschlag wohl allegorisch für die Befreiung von Restrepos Heimatlande Kolumbien stehen mag.

Transhumanismus und Identität der Person

Mit dem Transhumanismus beschäftigt sich die deutsch-österreichische, in naher Zukunft in der Nähe von Wien angesiedelte Produktion „The Trouble with being born“. Die etwa zehnjährige Elli (Lena Watson) ist ein Android, dessen ganzes Leben auf Georg (Dominik Warta), den sie „Papa“ nennt, bezogen ist. Als sich Elli eines Tages im Wald verirrt, wird sie von einer Fremden aufgenommen, die ihr eine neue Identität gibt. Nun muss „Emil“ eine Lücke in der Kindheit von Frau Schikowa (Ingrid Burkhard) füllen. Der aus der Perspektive eines Androiden konsequent erzählte Film verdeutlicht den Egoismus einer (künftigen) Gesellschaft, die sich „Familienmitglieder“ als Speicherort für eigene Erinnerungen und Emotionen maßschneidern lässt, die den Androiden nichts bedeuten.

Etwas konventioneller fällt Josephine Deckers „Shirley“ aus: Die Horrorautorin Shirley Jackson (Elisabeth Moss) kommt seit Monaten nicht aus dem Haus und kaum aus dem Bett heraus. Ihr Mann, der Professor und Literaturkritiker Stanley Hyman (Michael Stuhlbarg), lässt den jungen Doktoranden Fred (Logan Lerman) und seine schwangere Frau Rose (Odessa Young) in sein Haus einziehen. Er hofft, dass Rose seiner Frau aus dem Tief herausholt. Bald erweist sich Shirleys Bedürfnis nach Stoff für ihre Romane als Gefahr für die Beziehung des jungen Paares.

Laut Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian sollen in der neuen Sektion „Encounters“ Filme vorgestellt werden, die sich mit grundsätzlichen Fragen des Menschseins befassen. Zwar werden diese Filme schon allein wegen ihrer ungewöhnlichen Filmlänge sowie wegen der teils ausgefallenen Ästhetik kaum im regulären Kinoprogramm zu sehen sein. Dass die Berlinale solche Filme zeigt, ist allerdings ein Gewinn.

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