Berlin

Als Frankreich erschüttert wurde

Roman Polanski stellt detailliert einen der größten Skandale der französischen Geschichte nach. Außerdem bietet er ein Plädoyer gegen Antisemitismus und die Manipulation durch die Medien.

Dreyfus-Affäre
Am 5. Januar 1895 wird der junge jüdische, aus dem Elsass stammende Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel, 2. von l.) wegen Spionage degradiert. Die Dreyfus-Affäre wächst sich zu einem der größten Skandale der französischen Geschichte aus. Foto: Weltkino/ Guy Ferrandis

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts erschütterte die Dreyfus-Affäre das politische Frankreich. Der Skandal spaltete die Politik und die Gesellschaft: Intrigen und Aktenfälschungen führten zusammen mit einem zunehmend offenen Antisemitismus in weiten Teilen der Gesellschaft zu einer politischen und moralischen Krise, die lange nachwirkte und in der Bevölkerung Misstrauen gegen staatliche Institutionen weckte. Schriftsteller und Journalist Émile Zola prangerte den Staatsapparat in einem berühmtem Zeitungsartikel mit der Überschrift „J'accuse“ („Ich klage an“) an.

Auf der Teufelsinsel sitzt der Falsche

Dies ist auch der Originaltitel des Spielfilmes von Roman Polanski mit dem deutschen Verleihtitel „Intrige“, der auf den Filmfestspielen von Venedig 2019 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, und nun im regulären Kinoprogramm startet. Der Film basiert auf dem Roman „An Officer and a Spy“ von Robert Harris, der zusammen mit Polanski das Drehbuch verfasste.

Der Film beginnt am 5. Januar 1895, als der junge jüdische Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel) wegen Hochverrats in einer erniedrigenden Zeremonie degradiert und zu lebenslanger Haft auf die Teufelsinsel, eine Strafkolonie in Französisch-Guyana, verbannt wird. Die Kamera von Pawel Edelman macht aus der aufwändig fotografierten Sequenz eine eindrückliche Abfolge von regelrechten Gemälden.

Unter den Zeugen der Degradierung befindet sich auch Colonel Georges Picquart (Jean Dujardin). Anfänglich von Dreyfus' Schuld überzeugt, beginnt Picquart allerdings daran zu zweifeln, als er zum Geheimdienstchef befördert wird. Bald entdeckt er Ungereimtheiten in den Ermittlungen gegen Dreyfus. Nachdem Picquart feststellen muss, dass weiterhin militärische Geheimnisse in die deutsche Botschaft in Paris gelangen, ist er sich sicher: Auf der Teufelsinsel sitzt der Falsche. Obwohl seine Vorgesetzten ihm die ausdrückliche Weisung erteilen, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen, ermittelt der Geheimdienstchef auf eigene Faust weiter, und stößt auf ein Geflecht von Intrigen und Korruption.

Auf den ersten Blick nimmt sich „Intrige“ als ein Kriminalroman im historischen Kontext aus. Polanski erzählt aus Picquarts Perspektive, der als ein klassischer Detektiv erscheint. Damit erlebt der Zuschauer auch hautnah die Entwicklung moderner Ermittlungsmethoden – in dem Zusammenhang ist es vielsagend, dass Pickard bei der Übernahme seines neuen Amtes den Pförtner der Geheimdienstabteilung schlafend vorfindet. Aus dieser schläfrigen Abteilung macht der stets gewissenhaft vorgehende Pickard eine gut funktionierende Behörde. Die Spurensuche Picquarts verdeutlicht, dass die Kriminalistik schon am Ende des 19. Jahrhunderts große Fortschritte gemacht hatte. Picquarts Erkenntnisse bilden denn auch die Grundlage für den bereits erwähnten Zeitungsartikel Émile Zolas. Das Drehbuch von Harris und Polanski mag konventionell wirken, aber die Inszenierung durch den Regisseur macht „Intrige“ zu einem spannenden Kriminalfilm.

Die Szenerie erinnert an das Fin-de-Siecle

Jean Dujardin stellt Picquart als im Gegensatz zum blassen Dreyfus charismatischen und umgänglichen Offizier dar, der selbst freilich nicht frei von Widersprüchen ist. Dass Picquart selbst eigentlich antisemitisch eingestellt ist und Dreyfus nicht gerade sympathisch wirkt, macht „Intrige“ umso interessanter: Der Ermittler lässt sich nicht von persönlichen Neigungen bewegen, ihm geht es schlicht und einfach um die Wahrheit. Auf der Suche nach der Wahrheit stößt Picquart auf Korruption sowohl bei Politikern als auch beim Militär, ja sogar bei Wissenschaftlern in der Person des bei Gericht auftretenden Handschrift-Experten Bertillon (Mathieu Amalric). Im Gegensatz zu den beiden Hauptfiguren werden diese Charaktere allerdings eher wenig differenziert, ja karikaturhaft gezeichnet.

Mit der herausragenden Ausstattung geht auch die Rekonstruktion eines Fin-de-Siecle-Paris mit Bildern und Szenen, die an die impressionistischen Maler und an die ersten Farbfotographien erinnern. In diese Szenen mischt sich aber auch eine triste Anmutung ein, welche die Erschütterung der Dreyfus-Affäre in der französischen Öffentlichkeit sichtbar macht.

Als Überlebender des Krakauer Ghettos geht es Roman Polanski darum, die antisemitischen Tendenzen im Frankreich der damaligen Zeit aufzuzeigen. Dies wird manchmal allzu deutlich in den Aussagen manch eines der Vorgesetzten Picquarts, manchmal aber auch in kleinen Details, etwa in einer der letzten Szenen, als sich Picquart und Dreyfus Jahre später wieder begegnen. Die kühle Atmosphäre, in der besagte Begegnung stattfindet, macht vor allem eines deutlich: Ein richtiges „Happy End“ kann es in der Dreyfus-Affäre und auch in Polanskis Film nicht geben.

Wahrheitssuche: Fake-News gab es schon damals

„Intrige“ ist nicht nur ein Plädoyer gegen den schon damals grassierenden Antisemitismus, sondern auch gegen die Manipulation durch die Medien. Polanskis Film zeigt ebenfalls, wie leicht sich Fakten manipulieren lassen, welchen Anteil die Medien mit ihrer Vorverurteilung in der Dreyfus-Affäre hatten. Heute heißen solche Manipulationen zwar „Fake-News“. Die Tatsache gab es jedoch schon damals an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert. Damit stellt „Intrige“ auch universelle Fragen nach Gewissen und Wahrheitssuche.

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