Koblenz

Wir sollten über Corona offen reden

Björn Hayer schreibt über seine Covid19-Ambivalenz und Sehnsucht nach einem offenen politischen Diskurs. Eine Demokratie braucht auch die andere Meinung.

Demonstration - Tag der Freiheit
Eine Demokratie muss unterschiedliche Meinungen aushalten und den Diskurs zulassen. Im Bild: Demonstration Tag der Freiheit - Tausende feiern das Ende der Pandemie und den Tag der Freiheit in Berlin mit einem Umzug durch das Regierungsviertel - Berlin. Foto: Müller-Stauffenberg via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Der Kultur-Journalist Björn Hayer schreibt im Feuilleton der Tagespost sehr persönlich über seine Fragen und Zweifel hinsichtlich der Corona-Pandemie:
„Es herrscht eine verflixte Ambivalenz in mir. (...) Ich weiß zweifelsfrei, dass Corona töten kann. Dass Coronas gesamte Perfidität gerade in der der Unberechenbarkeit der Wirkung besteht. Nachdem ich nunmehr monatelang in jeder Talkshow abwechselnd Hendrick Streeck, Melanie Brinkmann, Alexander Kekulé und Jonas Schmid-Chanasit zuhöre und mir deren Bewertungen zu Zahlen und dem Flug von Aerosolen anhöre, komme ich mir schon selbst wie ein halber Virologen vor. Wir alle wurden zu Experten in Sachen Epidemiologie. Was damit zunehmend einhergeht, ist die Verwissenschaftlichung des öffentlichen Diskurses.“

Gemäßigte Stimmen

Doch Hayer geht es um Differenzierung: „Und doch gibt es eine Minderheit von Bestreiter jedweder Corona-Folge auf die Gesundheit, eine kleine Gruppe, die nicht zuletzt durch die Demonstration in Berlin eine Menge Aufmerksamkeit generieren konnte. Vergessen werden bei der medialen Fokussierung der geradezu volksaufstandsartigen Ereignisse, insbesondere im Rahmen der versuchten und mehr als beklemmenden Erstürmung des Reichstags, die Stimmen der gemäßigten Kritiker. Auch sie gab es in Berlin: die Lehrerin, die eine verlorene Generation von Schülern beklagt, Künstler und Selbstständige, die um ihre Existenz bangen. Viele von ihnen folgen weder einer Verschwörungstheorie, noch den plumpen Sprüchen von Nazis und Reichsbürgern.“

Andere Stimmen zulassen

Wenn Politiker dieser Tage die Skeptiker dazu aufriefen, sich genau zu überlegen, wer sich noch auf den Demonstrationen tummele, machten sie, so Hayer, es sich zu einfach. Die Demokratie müsse andere Stimmen „nicht nur zulassen, sondern auch wahrnehmen und berücksichtigen“. 

Björn Hayer ist überzeugt: „Erst das Kleinreden macht die Polemiker und Populisten groß. Mithin könnte die Ignoranz gegenüber Kritikern zu einer neuen Stärkung der AfD beitragen, die dann wieder für sich reklamieren könnte, die tatsächlich reine und wahre Alternative darzustellen. Lassen wir dieses Szenario zu, das momentan nur noch eine Frage der Zeit ist, zu, dürften sich so einige gezwungen fühlen, sich ethisch und politisch mehr als problematischen Straßenkundgebungen anzuschließen. Wir sollten diese, deren Meinungen wir nicht teilen müssen, nicht den Hetzern und Propagandisten überlassen.“ DT/mee

Warum es in einer Demokratie unbedingt erforderlich ist, über Corona offen zu reden, lesen Sie in der kommenden Ausgabe der Tagespost.  Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe kostenlos hier.