Rom

Wir müssen Zeugen Christi sein

Oft fehlt der Mut: Ein Appell des Präsidenten der katholischen Familienverbände Europas, sich in der Politik offen für katholische Werte einzusetzen

European union flag against parliament in Brussels
Viele Katholiken tun sich schwer, in der Politik ihren Glauben offen zu bekennen. Doch missionarischer Mut lohnt sich, zeigt die FAFCE. Foto: Adobe Stock

Während des Treffens mit den Mitgliedern der Föderation der Katholischen Familienverbände in Europa (FAFCE) am 1. Juni 2017 hat Papst Franziskus diese ermutigt, „mit Kreativität neue Methoden und Ressourcen zu entwickeln, damit die Familie sowohl im kirchlichen wie im gesellschaftlichen Bereich ihre dreifache Aufgabe ausüben kann, nämlich die junge Generation zu unterstützen, andere entlang der oft steinigen Wege des Lebens zu begleiten und auf Werte und Sinngehalte bei der Reise des täglichen Lebens hinzuweisen“. Ein Jahr später, beim Treffen mit den Mitgliedern des Forums der Italienischen Familienorganisationen, stellte Papst Franziskus besonders heraus: „Es ist wahr, die ,Familie‘ ist ein Wort mit großer Bedeutungsvielfalt, denn es bezeichnet die ,Familie‘ der Sterne, die ,Familie‘ der Bäume, die ,Familie‘ der Tiere.

Einzigartige Familie

Aber die menschliche Familie als Ebenbild Gottes, als Mann und Frau, ist einzigartig. Es gibt nur diese eine. Es mag sein, dass ein Mann und eine Frau keine Gottesgläubigen sind: Aber wenn sie sich lieben und in der Ehe vereinigen, sind sie Abbild und Gestalt Gottes, selbst wenn sie nicht daran glauben.“ Solche Passagen geben Zeugnis vom Mut des Papstes, das Thema Familie anzusprechen. Es ist ein entscheidendes Thema heutzutage, und dennoch so oft verdrängt, und zwar in vielen Institutionen und bei vielen Menschen – selbst bei jenen, die sich als Katholiken bezeichnen.

Nach meinem ersten Jahr als Präsident der FAFCE und in ständigem Kontakt mit den europäischen Institutionen stehend, kann ich persönlich bezeugen, dass viele von uns Katholiken, die in Politik und Institutionen tätig sind, nicht den Mut haben, sich selbst als Katholiken zu erkennen zu geben. Sie haben nicht den Mut, ihren Ideen und Ansichten kraftvoll Ausdruck zu verleihen.

Katholiken dürfen sich nicht in Reservate zurückziehen

Die Zurückhaltung, sich selbst als Katholik zu bezeichnen, ist nicht nur ein Zeichen von Furcht, den Glauben zu bezeugen. Häufiger als die Angst ist es schlicht Vorsicht: Das Bekennen des katholischen Glaubens könnte unüberwindliche Mauern zwischen Menschen aufbauen. Denn Katholiken, selbst wenn sie Laien sind, werden nicht so sehr als Träger der Frohen Botschaft, der tätigen und heilenden Liebe Christi, sondern vielmehr als Richter gesehen, die sich zwar bemühen, gerecht zu sein, deren Regeln und Gesetze aber nur schwierig zu befolgen sind.

Dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn Katholiken auf die allgemein anti-katholische Stimmung in politischen Bereichen durch Schweigen reagieren oder indem sie sich davonstehlen und sozusagen „Naturreservate“ bilden, die von Eliten und Auserwählten bewohnt werden. Papst Franziskus hat während seines bislang siebenjährigen Pontifikats diese Gefahr stets hervorgehoben. Er warnt uns eindringlich davor, uns selbst zu „Museums-Christen“ zu machen. Vielmehr ermutigt er uns, lebendige Mitglieder der Gesellschaft zu sein und er scheut auch nicht davor zurück, das ganz formal bei Treffen mit Vertretern Europäischer Institutionen und Führungspersönlichkeiten zu sagen, zum Beispiel in Straßburg 2014 oder in Rom ein Jahr später.

„Die Zurückhaltung, sich selbst als Katholik zu bezeichnen, ist nicht nur ein Zeichen von Furcht, den Glauben zu bezeugen.“

Die Föderation der Katholischen Familienverbände in Europa (FAFCE) ist die einzige sich offen katholisch nennende Nichtregierungsorganisation für Familien, die innerhalb der europäischen Institutionen tätig ist. Durch unser Wirken in den europäischen Institutionen zugunsten der Familie, wenn wir die Familie offen verteidigen und fördern, machen wir eine Erfahrung: Wir können einen Perspektivwechsel bei den Personen erkennen, die wir täglich treffen. Das ist neu, insbesondere im manchmal schwierigen Umfeld bestimmter internationaler Institutionen.

Familie als Konstante der Gesellschaft

Die Botschaft der Barmherzigkeit kommt an. Sicher, die Themen Familie und Werte sind nicht neu. Aber doch eine Konstante der Gesellschaft und des Lebens. Zusammen mit der Botschaft der Barmherzigkeit entfalten sie Wirkung, auch bei Gesprächspartnern, die sich sonst „zugeknöpft“ geben. Denn diese Botschaft verstehen auch Menschen, die außerhalb der Kirche stehen. Die Botschaft der Liebe kann jeder begreifen. Jeder, der guten Willens ist, kann verstehen, dass die Aufgabe der kirchlichen Gemeinschaft vor allem darin besteht, jedem Menschen mit Liebe und Menschlichkeit zu begegnen, die Liebe für Christus zu pflegen und zu lernen, die christlichen Tugenden zu leben.

Missionarisch tätig werden

Papst Franziskus hebt diese einladende Wirklichkeit der Kirche zum Nutzen der Welt und auch für uns selbst hervor. In diesem Sinn sind mehr als jemals zuvor auch Laien-Katholiken aufgerufen, als „Missionare“, glaubwürdig und fruchtbar, in ihrer jeweiligen Umgebung (Familie, Arbeit, Freizeit) zu wirken. Das bedeutet nicht, dass Barmherzigkeit gegenüber anderen die Lehre der Kirche relativiert oder die Bedeutung ihrer Regeln verwässert. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist gerade die Barmherzigkeit, die den katholischen Laien die Möglichkeit zu einem tiefgreifenden existenziellen Wandel, zum Verkünden der Schönheit unseres Glaubens und seiner Lehren eröffnet. In diesem Sinn will Papst Franziskus helfen, die Türen unserer Gemeinden und vor allem unsere Herzen zu öffnen und ohne Furcht in die Welt zu gehen. Das bedeutet einen Wandel und eine gewaltige Verantwortung für die Gemeinden selbst. Es genügt nicht, nur die Lehre zu verkünden, sie muss auch gelebt werden. Es genügt nicht, nur Lehrer zu sein, es ist auch notwendig, Zeuge zu sein.

Durch unser Vorbild überzeugen

Die Frage ist: Sind Katholiken und insbesondere die Laien heute in der Lage, diese missionarische Herausforderung anzunehmen und zu erfüllen? Sind wir fähig, nicht nur aus unserem „Naturreservat“ herauszukommen, unsere Gemeinden für andere zu öffnen, sondern sie durch unser Vorbild zu überzeugen, dass erst die Nachfolge Christi unserer Existenz Bedeutung verleiht?

 

Vincenzo Bassi ist der Präsident der Föderation der Katholischen Familienverbände in Europa (FAFCE), Richter am Obersten Gerichtshof Italiens, Professor für Verfassungsrecht in Europa, außerordentlicher Professor für Steuerrecht an der LUMSA Universität (Rom). Er ist Vize-Präsident der Union der Katholischen Juristen in Italien (UGCI) und Mitglied des Vorstands im Forum der Familienorganisationen Italiens.

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