WARSCHAU

Wie man wird, was man ist

Welchen Wert kann ein Leben haben, das auf der Angst vor dem scheelen Blick beruht? Ein Aufruf zum Selbstsein zwischen Egozentrik und Aufgehen im Kollektiv .

Schäferjunge mit Schafen
Raus aus dem Kollektiv: Es geht darum, ein echteres und damit besseres Leben aufzubauen. Dafür muss der postmoderne Mensch aus den Zwängen der Herde ausbrechen. Foto: Imago Images

Der moderne Mensch fürchtet wohl weniges so sehr wie den Ausschluss aus dem Kollektiv – ein bezeichnender Charakterzug in einem Zeitalter angeblichen Individualismus'. Nietzsches anspruchsvoller Aufruf, „zu werden, was man ist“, wirkt daher gerade in der Ära der Selbstverwirklichung unzeitgemäßer denn je, da er mehr noch als im 19. Jahrhundert voller bedeutungsschwerer Voraussetzungen und Folgen ist – auch und gerade für den heutigen Konservativen.

Voraussetzungen, da es unmöglich ist, zu sich selbst zu werden, ohne gleichzeitig die Grenzen anzuerkennen, die uns von Gott, der Natur und der Mitwelt gesetzt werden. Ob es nun der Körper ist, Geschlecht, Intelligenz, Talent, Erziehung, Familie, Sprache, Religion, Klasse, Nation, Kultur – alle diese Elemente bestimmen unwiderruflich die Grundlage dessen, der wir sind.

Glück ist Zufriedenheit im Dasein

Und obwohl der Versuch, diese Grenzen zu überwinden und zu sublimieren, der Menschheit einige ihrer schönsten Erfolge beschert hat, wäre es nicht nur unrealistisch, sondern geradezu gefährlich, diese Grundlagen einfach zu ignorieren und auf jene zu hören, welche allen Menschen in jeder Hinsicht unbegrenzte Entfaltungsmöglichkeiten versprechen – und sei es um den Preis von Quotenregelungen, virtueller Realität oder Transhumanismus. Wie aber kann man tatsächlich wahrhaft glücklich und erfüllt mit dem Bewusstsein leben, alles, was man besitzt, erzwungener Toleranz oder gar lebensfeindlicher Artifizialität zu verdanken?

Glück liegt nicht in der Quantität oder Qualität äußerer Güter, seien sie materieller oder abstrakter Art, welche man im Laufe seines Lebens ebenso leicht erwerben wie verlieren kann, sondern in der Zufriedenheit mit dem eigenen Dasein, dem „Ruhen in Gott“. Das bedeutet freilich nicht, dass Glück immer auf der Ablehnung der Güter dieser Erde gegründet sein muss, oder dass Reichtum und Macht automatisch auch Unheil und Unglück mit sich bringen. Ganz im Gegenteil ist der Wunsch, sich selbst zu übertreffen, würdige Lebensbedingungen aufzubauen und für eine bessere Welt zu kämpfen, Teil der menschlichen Natur, und die Aussichten, glücklich oder unglücklich zu werden, sind genau dieselben für den Sklaven wie für den Imperator, wie es bereits stoische Philosophen wie Epictet oder Marc Aurel beschrieben.

Denn es sind eben nicht die Güter, welche Glück bringen, sondern die Freude, die mit ihrem Erkämpfen und der damit verbundenen Erweiterung des eigenen Horizontes verbunden ist, während die Abhängigkeit von Erfolg und Besitz nur schlechte Verlierer oder Menschen hervorbringen kann, die sich in dauernder Furcht vor dem Verlust des Erreichten befinden.

Ohne Opfer wird es kein wahrhaftiges Sein geben

Nun zu den Folgen des Versuchs, „zu werden, was man ist“. Wie jede unbedingte, ehrliche und kohärente Handlung zwingt auch der Wunsch, sich selbst zu finden, dazu, Mediokrität und falsche Kompromisse zu opfern und den Verlust eines nicht unbeträchtlichen Teils seines bisherigen materiellen, gesellschaftlichen und geistigen Daseins in Kauf zu nehmen. Es ist dabei unausweichlich, dass zumindest in einer ersten Zeit unsere Handlungen und Meinungen die Gefühle jener verletzen können, die uns gegenwärtig umgeben, und deren Bekanntschaft meist nicht eine Folge tatsächlicher Wahlverwandtschaft ist, sondern viel eher der Zufälle des Lebens.

Es wäre daher nicht erstaunlich, wenn es als Folge einer solchen inneren Weiterentwicklung zu einer gewissen Leere um uns herum kommt, welche rasch den falschen Eindruck erwecken könnte, dass wir keineswegs ein besseres und echteres Leben aufbauen, sondern nur Feindschaft und Unverständnis auf uns ziehen. Doch wenn schon: Selbst wenn die Versöhnung mit dem eigenen Ich bedeutet, sich mit dem Rest der Menschheit zu überwerfen, wäre der Preis immer noch wohlfeil, denn „was bedeutet uns die gesamte Welt, wenn wir uns selbst verlieren?“, wie schon vor 2 000 Jahren der Historiker Sima Qian wusste.

Die Angst vor dem „scheelen Blick“ überwinden

Sicherlich: Der Abgrund zwischen dem abstrakten Verständnis einer solchen Aussicht und der Realität, sie im täglichen Leben zu erleiden, ist ein gewaltiger. Sei es drum! Wenn der Preis für unsere Ehrlichkeit mit uns selbst die Feindseligkeit unserer Nächsten ist, wie könnte man da einen Augenblick zögern; denn welchen Wert kann ein Leben haben, das auf der Angst vor dem scheelen Blick beruht? Und man wird sehen, dass, sobald diese Haltung zu einer dauerhaften Gewohnheit geworden ist, man es bald nicht mehr nötig hat, sich dem anderen anzupassen, um in Ruhe und Frieden leben zu dürfen, sondern ganz im Gegenteil andere Menschen allmählich zu uns strömen, und sich ein neuer Gesellschaftskreis herausbildet.

Die vorangehenden Überlegungen sind keineswegs als eine Apologie des Egozentrismus gedacht oder gar als Demontage des Gesellschaftsvertrags. Ganz im Gegenteil: Nur die ehrliche und absolute Achtung des eigenen Wesens, seiner Grenzen und seiner Bedingtheit durch den Schöpfer ermöglicht es, gleichzeitig auch andere in ihrem wahren Wesen wertzuschätzen. Der Wunsch, eine neue Ordnung gerade auf der Grundlage des eigenen Gewissens und der Ehrlichkeit mit sich selbst zu errichten, sollte daher eher als eine Zurückweisung von Egozentrismus und Narzissmus gesehen werden, welche gerade in unserer heutigen Gesellschaft ungeahnte Ausmaße erlangt haben, und als ein erster Schritt in Richtung einer fundamentalen Neubegründung zwischenmenschlicher Beziehungen auf Basis des Respekts für die Individualität des anderen.

„Dies ist aber auch der Grund, wieso eine solche Selbstentfaltung
früher oder später zur unmittelbaren politischen und
gesellschaftlichen Tat führen muss“

Dieser wäre daher auch nicht auf der Angst vor der restlichen Gesellschaft im Falle eines scheinbaren Zuwiderhandelns gegen den Kant'schen Imperativ gegründet, sondern vielmehr auf der Bewunderung für den eigenen inneren Reichtum und somit denjenigen eines jeden Menschen, der fähig ist, aus eigener Kraft sein Glück zu erlangen, ohne den anderen zum Objekt eines wie auch immer gearteten Lustgewinns degradieren zu müssen. Genau dies ist aber auch der Grund, wieso eine solche Selbstentfaltung früher oder später zur unmittelbaren politischen und gesellschaftlichen Tat führen muss, egal welcher Form.

Denn es ist unvermeidbar, dass sich angesichts des Mangels an Achtung vor dem menschlichen Wesen, wie er die gesamte westliche Welt prägt, immer mehr Menschen empören und für eine neue Ordnung zu kämpfen gewillt sind, welche den Menschen erneut in den Mittelpunkt des Staates rückt – aber nicht den Menschen des Fukuyama'schen „Endes der Geschichte“, jenes anonyme und unpersönliche Idealbild des modernen Humanismus, der nichts anderes ist als ein abstraktes und austauschbares Objekt der Ausbeutung durch ultraliberale Märkte, politisch korrekte Machthaber und die ideologischen Dogmen des Universalismus.

Den wahren Reichtum der Menschheit verstehen

Nein, der Mensch, der im Zentrum des Trachtens all jener steht, welche das Ideal eines würdigen, ehrlichen und unbedingten Lebens verwirklichen wollen und hoffentlich das Herzstück jener Gesellschaft ausmachen wird, welche aus den Wirren des 21. Jahrhunderts hervorgehen könnte, wird ein Mensch der Realität sein, zugleich in der Transzendenz, der Geschichte und der Schöpfung verwurzelt. Er wird verstehen, dass der wahre Reichtum der Menschheit sich niemals durch die simple Rückführung des gewaltigen Schatzes göttlicher Offenbarung wie auch menschlicher Geschichte, Denkens und Kunst auf den kleinsten gemeinsamen Nenner sowie durch eine Verteufelung all dessen als „elitistisch“ oder „antimodernistisch“ verstehen lässt, das nicht in die vereinfachenden Kategorien des westlichen Universalismus passt, sondern nur durch ein sorgsames, geduldiges und verständnisvolles Studium dessen, was uns zu uns selbst und den anderen wirklich „anders“ macht.

Es muss daher auch dieser Geist sein, in dem eine grundsätzliche Reform unserer niedergehenden westlichen Gesellschaft durch die Schaffung eines wahren abendländischen und sozialen Staatenverbunds zu unternehmen ist, welcher nicht nur die gemeinsamen äußeren Interessen, sondern auch die innere Vielfalt unserer tausendjährigen europäischen Kultur gegen die zahlreichen Gefahren schützen soll, die überall, von außen wie von innen, auf sie einstürmen und sie aufzulösen drohen.

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