„… wie ein ausgewachsenes Kind in zu kleinen Kleidern“

Heute vor 120 Jahren geboren: Sprachskepsis im Werk Joseph Roths als Symptom epochaler Erschütterung. Von Gudrun Trausmuth

Der Schriftsteller Joseph Roth. Foto: IN
Der Schriftsteller Joseph Roth. Foto: IN

„Mir fällt zu Hitler nichts ein“, lautet Karl Kraus' berühmter Anfangssatz seiner Schrift die „Dritte Walpurgisnacht“; wenngleich sich in einer paradoxen Wendung an diesen Satz fast 400 Seiten Reflexion über das Unbeschreibliche, das Unsagbare, ja Unsägliche anschließen, so drückt er doch brillant aus, dass es ein Zerschellen der Sprache am Entsetzlichen gibt, dass es unmöglich sein kann, eine Realität mit sprachlichen Mitteln angemessen zu repräsentieren und zu kommentieren. Diese Erkenntnis ist sowohl Symptom wie auch Konsequenz der Katastrophen und Krisen des 20. Jahrhunderts und verdient als literarisch-philosophisches Phänomen ihren Platz im vielfachen Gedenkjahr 2014. Sprachskepsis und Sprachkritik ist neben Karl Kraus mit Namen wie Hugo von Hofmannsthal (Brief des Lord Chandos, 1902), Robert Musil („Der Mann ohne Eigenschaften“, 1930–42), Peter Handke, Thomas Bernhard oder Ludwig Wittgenstein verbunden und hat damit in der österreichischen Literatur- und Geistesgeschichte einen speziellen Rang.

An dieser Stelle sei mit Joseph Roth ein weiterer Name angefügt, der zunächst überraschen mag, ist man doch eher gewohnt, das umfangreiche Werk des vor 120 Jahren im galizischen Brody geborenen Journalisten und Schriftstellers als Dokument eines mit dem Katholizismus sympathisierenden Juden, eines Mythomanen, eines zeitweiligen Kommunisten oder als Abgesang auf die österreichisch-ungarische Monarchie zu lesen.

Im Folgenden sei Roth unter dem Aspekt der Sprachskepsis in seinem Werk betrachtet und somit als Proponent einer charakteristischen literarisch-philosophischen Strömung der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

„Ich zeichne das Gesicht der Zeit“, sagte Roth von sich selbst und zeigt sich in seiner unbestechlichen Beobachtungsgabe und Darstellungsfähigkeit tatsächlich als grandioser Diagnostiker. Prägend wurden für Roth der Erste Weltkrieg und der Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie; die traumatisierenden Erlebnisse des Krieges ließen ihn erstmals zum Alkohol greifen – womit die traurige Karriere Roths als Alkoholiker begann. Sieht Roth die Außenwelt durch Krieg und Untergang des Kaisertums in Trümmern, so gerät seine persönliche Welt durch die heraufdämmernde Geisteskrankheit seiner Frau Friedl ins Wanken. Solchermaßen bedrängt und gezeichnet schreibt Roth als Dichter und Journalist über eine aus den Fugen geratene Welt, deren verlorene Protagonisten Identität und Orientierung suchen. Gebündelt wird die umfassende Erschütterung in der Thematisierung und kritischen Reflexion sprachlichen Verhaltens.

„Die Flucht ohne Ende“ (1927) ist die Geschichte des österreichischen Offiziers Franz Tunda, der 1916 in russische Kriegsgefangenschaft gerät, auf Seiten der Bolschewiken an der Revolution teilnimmt, schließlich flieht und über Wien und Deutschland nach Paris gelangt. Den Hintergrund dieser Romanhandlung bildet das Spannungsfeld des durch Krieg und Revolution auseinanderdriftenden Europas.

Auf wenigen Seiten stellt Roth dar, wie sich Franz Tunda vom unbeteiligten Österreicher zum russischen Revolutionär wandelt. Zunächst hat Tunda Schwierigkeiten mit der Sprache der Revolution, kann nicht verstehen, dass der Umsturz selbst den Namen, Symbol der Individualität und Würde, zugunsten einer Kollektivbezeichnung auslöschen soll: „Es dauerte lange, ehe er sich daran gewöhnte, nicht zu zucken, wenn ihn seine Kameraden Genosse nannten. Er selbst nannte sie lieber bei ihrem Namen und wurde in der ersten Zeit verdächtigt.“

Mit diesem kleinen Moment der Irritation bringt Roth den Gegensatz zwischen dem alten europäischen Geist und dem Geschmack der proletarischen Revolution ans Licht. – Die Sprache der Revolution vernimmt Roths Protagonist zunächst mit innerlicher Distanz; erst als ein in politischer Rhetorik potenter Kommissar sich in Tundas Freundin Natascha verliebt, eifert Tunda ihm nach: „Er eignete sich die technischen Ausdrücke eines Politikers an, er lernte auswendig, mit der Fähigkeit eines Verliebten.“

Nun hält Tunda Reden, verfasst Aufrufe, lebt in der Sprache der Revolution. Jetzt ist er Revolutionär, jetzt, als er sich die formelhafte phrasenschwangere Sprache der Revolution aneignet. Nun willigt Tunda ein, die prägende Kraft des Begriffs gegenüber dem Leben gezielt einzusetzen. Die Rangordnung zwischen Leben und Begriff, zwischen Wirklichkeit und Sprache kehrt sich nun um: Der Begriff folgt nicht der Wirklichkeit, sondern beansprucht implizit, eine konkrete politische Wirklichkeit zu generieren.

Die Revolution stellt sich in Roths Roman in erster Linie als verbales Tun dar: Indem etwas mit bestimmten, markierten Begriffen belegt wird, durch Insistieren, soll Wirklichkeit „gemacht“ werden. Roth erzählt in „Die Flucht ohne Ende“ ein Exempel, dessen Grundformel uns heute in der Realität nicht weniger begegnet als vor 90 Jahren im Roman, nämlich die Umkehrung der Ordnung zwischen Wirklichkeit und Wort. Steht das Wort nicht mehr im Dienst der Abbildung, Vermittlung, Bewusstmachung, Durchdringung und Vergewisserung von Wirklichkeit, so entgleist es in Richtung Manipulation, Lüge oder Verdrängung. Skepsis ist angesagt, wenn man bestimmte Begriffe nicht mehr verwenden darf, andere per Dekret verordnet werden … Welchen gewaltsamen Zugriff auf die Realität tätigt dann die Sprache? In welche Richtung will sie dann ihre setzende Macht ausüben? Roths Protagonist Franz Tunda wird vom Strom der Revolution mitgerissen, droht im Erleben unterzugehen. Die Sprache, die Begriffe, die ihn überhaupt erst in die Revolution eingeführt hatten, die sozusagen Initiation waren, retten Tunda davor, sich selbst in der Revolution zu verlieren: „Er griff wie ein Ertrinkender mit ausgestreckten Armen nach der nächsten Klippe.“

Dann aber erzählt Roth das Kippen des Geschehens: Die Wirklichkeit, zunächst gesteuert und gestaltet durch die Macht der Sprache, beginnt sich dieser zu entziehen, wird in ihrer Eigendynamik unfassbar. „Tunda aber suchte nach bestehenden, oft erprobten und zuverlässigen Formulierungen, um nicht im Erlebnis unterzugehen“ und arbeitet so mit an der Institutionalisierung der Revolution, einem Vorgang, der einhergeht mit der Exekution inhaltlicher Fragen. Die Revolution „richtet sich ein“, erstarrt in den anfangs so vielversprechenden Wortkörpern – bald tut sich ein klaffender Abgrund zwischen Sprache und Wirklichkeit der Revolution auf.

Tunda flieht zurück in den Westen, doch erkennt gegenüber seiner früheren Heimat: „Ich fühle mich fremd in ihr.“ Tundas Heimatlosigkeit hängt wiederum eng mit sprachlichen Erfahrungen zusammen; so gibt es (unausgesprochene) Gesetze, eine rollenbezogene Nomenklatur. Ein Fabrikant gesteht Tunda: „Jeder sagt das, was ihm das Gesetz vorschreibt.“

Roth zeichnet mit Franz Tunda eine Gestalt, für die die Sprache ihre grundlegende Funktion verloren hat, das Ich mit der Welt in Einklang zu bringen. Innerhalb der erzählten Welt bricht Tunda ein Tabu. Er zweifelt nicht nur am gängigen Begriffssystem, er verzweifelt daran. Damit wagt sich Tunda an einen Abgrund, dem die anderen wohlweislich ausweichen, da er sie zwingen würde, alle Sicherheiten, letztlich sich selbst, in Frage zu stellen.

Tunda bleibt heimatlos und allein, ein Außenseiter, auf den man zwar manchmal mit etwas Neid blickt, der aber letztlich einsam bleibt. Denn derjenige, der das, was man als Sicherheit betrachtet, als Schein entlarvt, wird als gefährlich betrachtet und wohlweislich gemieden: „So überflüssig wie er war niemand auf der Welt“, lautet der harte, trostlose letzte Satz des Romans.

Auch der 1929 verfasste, Fragment gebliebene und erst posthum erschienene Roman „Der stumme Prophet“ thematisiert die russische Revolution 1917. Der junge Friedrich Kargan schließt sich der kommunistischen Bewegung an. Doch sieht er sich bald mit den brutalen Mechanismen der Macht konfrontiert; schließlich wird Kargan selbst in die Verbannung nach Sibirien geschickt. Auch dieser Protagonist Roths formuliert sein existenzielles Unbehagen mit Blick auf die Sprache: „Die ewigen Diskussionen hört er wie einen verworrenen Lärm ohne Sinn. Proletariat, Autokratie, Finanz, herrschende Klasse, Militarismus. Simple Formeln, man musste sich ihrer bedienen, um zu handeln. Aber sie umfassten nur einen geringen Teil dessen, was sie zu enthalten vorgaben. Das Leben steckt in den Begriffen wie ein ausgewachsenes Kind in zu kurzen Kleidern.“

Der Romantitel benennt die Situation Friedrich Kargans und seines Freundes Berzejew; sie sind „stumme Propheten“. Beide sehen das unweigerliche Scheitern der Revolution voraus, dürfen ihre Ahnungen aber nicht verbalisieren. Aus Angst, dass sie die Wirklichkeit benennen, werden sie von denen, welche die Begrifflichkeit der Revolution mittlerweile verwalten, in die Verbannung geschickt.

Als Roth in den 30er Jahren den Nationalsozialismus heraufdämmern sieht, wendet er sich mit „Radetzkymarsch“ (1932) und „Die Kapuzinergruft“ (1938) der literarischen Analyse des Untergangs der Monarchie zu. Das persönliche Schicksal der Familie Trotta verknüpft Roth in beiden Romanen mit dem Schicksal der Monarchie beziehungsweise des Kaisers. Der „Radetzkymarsch“ schildert den Untergang einer Familie, beginnend beim energischen, lebenstüchtigen Trotta, der dem Kaiser in der Schlacht von Solferino das Leben rettet, bis hin zum sensiblen, zum Soldatendasein verpflichteten und dafür gänzlich ungeeigneten Enkel Carl Joseph von Trotta.

Die fundamentale Beschädigung der Sprache als Symptom des Untergangs zeigt Roth in diesem Text vor allem im zwischenmenschlichen und familiären Bereich. Die Hauptpersonen ersticken ihr inneres Leben und ihre persönliche Wirklichkeit im Schweigen oder hinter einer sprachlichen Maske. Als die freundschaftliche Beziehung Carl Josephs zum Regimentsarzt Max Demant aufgrund eines Missverständnisses zerbricht, könnten die beiden dies durch ein offenes Gespräch verhindern. Doch ihr dunkles, krankes Schweigen erstickt die rettende Aussprache: „Man hätte Jahrhunderte umsonst nach einer Antwort suchen können; als wäre die Sprache der Menschen ausgeschöpft und für ewige Zeiten verdorrt. Das Herz schlug mit schnellen, trockenen, harten Schlägen gegen die Rippen. Trocken und hart klebte die Zunge am Gaumen. Eine große grausame Leere rauschte durch den Kopf. Es war, als stünde man knapp vor einer namenlosen Gefahr und als hätte sie einen zugleich bereits verschlungen. Man stand vor einem riesigen, schwarzen Abgrund, und gleichzeitig war man bereits von seiner Finsternis überwölbt. Aus einer vereisten, glasigen Ferne erklangen die Worte Doktor Demants, tote Worte, Leichen von Worten: ,Antworten Sie, Herr Leutnant!‘“

In der „Kapuzinergruft“ finden auch Mutter und Sohn, wie es heißt, „kein Wort füreinander“. Und als der Protagonist – wieder ein Trotta – seine Braut in der Hochzeitsnacht wegen seines sterbenden Dieners alleinlässt, möchte er ihr einen Brief schreiben, sendet schließlich aber ein gänzlich leeres Blatt Papier ab und bezeugt damit die völlige Unmöglichkeit des Sich-Mitteilens.

Während die russische Revolution in Roths Romanen wesentlich am Lärm ihrer Reden und dem Aufbau eines Begriffssystems, das mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt, scheitert, versagt sich die Welt der untergehenden Monarchie hartnäckig dem Wort und geht im Schweigen unter.

1934, Roth war bereits emigriert, erschien in Amsterdam Roths Essay „Der Antichrist“. In einer visionären Bildersprache, geißelt Roth das, was er als die besonderen Niedergangserscheinungen der Welt ansieht: den Unglauben, das Überhandnehmen der Technik, das Filmwesen, den Kommunismus, den Antisemitismus und das nationalsozialistische Deutschland.

Der Ich-Erzähler, sein Name ist abgekürzt mit „J.R.“ tritt im „Antichrist“ als Journalist in die Dienste des „Herrn der tausend Zungen“, eines allmächtigen Zeitungsherausgebers, hinter dem sich der Antichrist verbirgt: „Und ich begann ihm zu dienen, und so wurde ich eine der tausend Zungen, mit denen die Zeitung jeden Morgen in die Welt hineinredete. Und ich sah bald, dass, was meine eigene Zunge sprach, nicht nur dasselbe war, was die anderen Zungen sprachen, sondern dass unser aller tausend Zungen einander widersprachen; dass aber auch dieser Widerspruch kein unabänderliches Gesetz war, sondern dass unsere Zungen bald übereinstimmten, bald einander der Lüge zeihen – und das abwechselnd in jedem Augenblick (...) Ich wusste nicht mehr, ob ich Wahres oder Falsches gesprochen hatte, ob die anderen recht oder unrecht hatten; und ich dachte daran, dass die Welt auf einmal alle unsere tausend Zungen sprechen hört; so verstand ich, dass es ihr ganz unmöglich war, die Wahrheit zu hören; aber auch unmöglich, die Stimme der Wahrheit zu erkennen, in dem Falle, dass sie sich wirklich einmal vernehmen lassen sollte.“

Im „Antichrist“ tritt Roths Sprachkritik in neuer Gestalt auf: als Darstellung der Systematik der Verwirrung und Verführung durch das geschriebene Wort, durch die „tausend Zungen“ der veröffentlichten Meinungen.

Quer durch sein Werk gibt es bei Joseph Roth jenen Rekurs auf die Sprache, die nicht mehr geeignet erscheint, die erschütterte, veränderte Welt begrifflich zu fassen, zu „begreifen“. Die Beschädigung der Sprache zeigt sich in Roths epischen Texten in verschiedener Weise: als Gefahr der Manipulation der Wirklichkeit durch insistierende Verwendung von politischen Begriffen, als starres Begriffssystem, das sich von der Wirklichkeit abgelöst hat, als beengendes Gesetz, das die erlaubten Äußerungen des Einzelnen auf seine gesellschaftliche Rolle reduziert, als untauglich, um das Innere des Menschen dem anderen zugänglich zu machen, als Stimmengewirr, das Unterscheidung verunmöglicht.

Manches Anregende kann der Leser aus der sprachbezogenen Dimension in Roths Werk mitnehmen: Vielleicht eine wiederbelebte Skepsis gegenüber den Zauberworten und der sprachlichen Correctness unserer Tage, vielleicht ein Überprüfen der eigenen Terminologien?

Die intensive Sprachbeobachtung in Roths Werken korreliert mit der Art seines Schreibens: Wissend um die Schwächung der Sprache durch die Erschütterungen seiner Zeit, gelangte Roth zu einer einfachen, dennoch kraftvollen und konturierten Sprache. Ungebrochen ist der Zauber, der gerade dadurch von Roths Texten – an dieser Stelle müssen unbedingt auch der Roman „Hiob“ (1930) und „Die Legende vom heiligen Trinker“ (1939) erwähnt werden – ausgeht.