Ungeschminkt

Wer gendert, stellt sich gegen das Normale

Toleranz? Hübsche Formulierungen? Nein. Der Streit um Gendersprache ist etwas ganz anderes: Es ist ein Ringen um die Deutungskompetenz über die Schöpfung. Das "Zentralkomitee der deutschen Katholiken" (ZDK) hat sich jetzt gegen diese Ordnung entschieden.

New York Gay Pride
Birgitt Kelle will non-binären Wesen nicht auf die Flügel treten, so es diese irgendwo im Universum geben sollte. Gegenderte Sprache aus dem ZDK empfindet sie dennoch als Zwergenaufstand gegen Gott und seine Schöpfungsordnung. Foto: Michael Brochstein (ZUMA Wire)

„Am Anfang war das Wort, und das Wort war die Gött*in“ – Ich übe schon einmal, denn gerade beschloss das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), fortan nur noch in gendergerechter Sprache zu kommunizieren. Man hat sich dabei für die Sprachform mit dem „Gender*Stern“ entschieden. Das ist logisch, es geht für Christen schließlich um die Anwartschaft auf den Himmel, da sind die vielen Sterne schon mal nah dran.

Lai(Sprechpause!)Innen ...

In der gesprochenen Sprache soll der Stern als künstliche Sprechpause veratmet werden. Vielleicht könnte Thomas Sternberg, der(?) scheidende „Präsident*(Sprechpause!)In“ des ZdK, bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten anfragen, ob man Anne Will und ihre Expertise für rhythmische Sprach-Schulungen ausleihen kann. In der Begründung für die Revolutionierung der Sprache im Kontext kirchlicher „Lai*innen“ lernen wir, dass es Menschen gäbe „die sich nicht den Geschlechterkategorien männlich und weiblich zuordnen können oder wollen“. Diese Realität anzuerkennen bedeute, sie „als Teil der sehr guten Schöpfung Gottes wertzuschätzen“. Die Wirklichkeit sei komplexer als es die „klassische binäre Lesart der Schöpfungsordnung“ darstellt.

Wir haben die Schöpfungsgeschichte der Bibel bislang einfach falsch gelesen. Nun kann man diese Meinung auch in kirchlichen Debatten durchaus vertreten. Wenn Fakten egal sind, darf jeder sein, was und wie er will. Sich selbst als „non-binär“ zu „identifizieren“ ist allerdings so, als wolle man sich außerhalb der Gravitationsgesetze verorten – irgendwann fällt man dann doch auf den harten Boden der Realität. Aber ja, man darf es versuchen.

Nun ist das ZdK keine irre Einzelmeinung, sondern beansprucht gar, die Stimme der katholischen Laien zu sein. Das war vorher bereits eine gewagte These, mit diesem Beschluss wird es zur Anmaßung. Ich bin es leid, diesen Unsinn auch noch mit meinen Kirchensteuern mitfinanzieren zu müssen, obwohl ich die Forderung des ZdK nicht unterstütze, die man auch in meinem Namen aufstellt.

„Was jetzt geschieht, ist die moralisch aufgeladene
Bevormundung von Millionen Katholiken“

Schon seit Monaten verläuft man sich dort auf einem sogenannten „Synodalen Weg“ der Reform, der auch nicht meiner ist. Was jetzt geschieht, ist die moralisch aufgeladene Bevormundung von Millionen Katholiken. Wir lesen weiter, „Christ*Innen“ müssten die Wirklichkeit anerkennen, es sei „gerecht“, alle gendersensibel zu adressieren und ein Ausschluss wäre „ethisch nicht vertretbar“. Im Klartext: Wer nicht gendert, ist ungerecht, realitätsfremd und kein anständiger Christ. Schämen Sie sich!

Ist es als Katholik anmaßend, seine Muttersprache, die Heilige Schrift und seine Kirche behalten zu wollen, wie sie sind? Der Streit um Gendersprache erzählt nicht von hübschen Formulierungen und Toleranz, es ist ein erbitterter Krieg um die Deutungskompetenz über die Schöpfung. Das ist kein Aufstand des ZdK gegen veränderungsunwillige, katholische Traditionalisten, sondern ein Zwergenaufstand gegen Gott selbst. Der Gender-Stern ist nur ein Symbol.

Brechen Sie zu neuen Ufern auf!

Nun will ich aber auch nicht absichtlich unsensibel sein. Wer weiß, vielleicht existieren ja tatsächlich irgendwo im Universum non-binäre Wesen, denen ich damit auf die Füße, oder die Flügel trete und die Welt der Religion lebt ja systemimmanent davon, dass man vieles glauben muss, gerade und obwohl man es nicht sieht. Ich bin ja eher die Thomas-Fraktion, ich muss den Finger immer in die Wunde legen. Mein Gegenvorschlag zur Güte für die synodal bewegten und genderbegeisterten „Lai*innen“ des ZdK wäre also: Warum mühsam dies alte Schiff kaputt machen und das auch noch mithilfe meiner Kirchensteuern, wenn Sie doch stattdessen zu neuen Ufern aufbrechen könnten?

Gründen Sie doch einfach eine eigene Kirche, die bewährt katholische gefällt Ihnen ja offensichtlich nicht. Sie könnten wunderbar gendersensibel die Regenbogenfahne hissen, ganz offiziell und ohne schlechtes Gewissen dem Papst widersprechen, Frauen zu Hohepriesterinnen küren, Priester verheiraten, jede Wohngemeinschaft segnen, die nicht bei drei auf den Bäumen ist und nur noch in Gender-Esperanto kommunizieren. Oder kurz: Sie könnten einfach bei der Evangelischen Kirche klingeln. Die haben Erfahrung im Thema und damit zunehmend Platz auf den leeren Rängen.

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