Berlin

Typen wie Pilatus in der Politik: Der Getriebene

Pontius Pilatus steht für einen verhängnisvollen Wesenszug der Politik, der sie bis heute prägt. Oft sind es weniger Sachzwänge als vielmehr der "Druck der Straße", der die Politik zu Entscheidungen bewegt.

Pontius Pilatus,  Passionsspiele Erl 2019
Nicht nur Laiendarsteller, wie hier in Erl 2019, schlüpfen hin und wieder in die Rolle des Pontius Pilatus, auch Politiker. Foto: imago images

Der Tag, an dem Jesus Christus stirbt, macht zwei Männer unsterblich: den Heiland selbst – und seinen Hinrichter, Pontius Pilatus. Der kaiserliche Statthalter in der römischen Provinz Judäa schafft es sogar als einzige profane Person namentlich ins Apostolische Glaubensbekenntnis – „wie der Hund in die gute Stube“ (so der evangelische Schweizer Theologe Karl Barth). „Gelitten unter Pontius Pilatus“, heißt es dort gleichsam als Fußnote zur Lebens- und Wirkungszeit Jesu, der 30 oder 31 in Jerusalem während der Amtszeit (26–36) des prominenten Präfekten geschmäht, gequält und schließlich exekutiert wird.

Was den Politiker aus der römischen Familie der Pontier bis heute zur populären Personalie und passend für den metaphorischen Dauergebrauch macht, ist die scheinheilige Gebärde, mit der er die Verantwortung für das Todesurteil gegen Jesus von sich schiebt. Der Evangelist Matthäus schreibt: „Als Pilatus sah, dass er nichts erreichte, sondern dass der Tumult immer größer wurde, ließ er Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!“ Dann ließ er Jesus „geißeln und lieferte ihn aus zur Kreuzigung“. (Mt 27,24–26) Evident ist der Bezug auf Psalm 26,6: „Ich will meine Hände in Unschuld waschen ...“

Relativisten bewerten die Dinge nach ihrem Nutzen

Der Historiker und Journalist Markus Spieker beschreibt in seinem profunden Christus-Buch „Jesus. Eine Weltgeschichte“ (Fontis-Verlag Basel) die beunruhigende Gegenwärtigkeit des römischen Karrieristen: „Pilatus ist ein Vertreter derselben Geistesströmung, die auch heute so populär ist. Er ist ein Relativist, der die Dinge nach ihrem Nutzen bewertet. ... Wahrheit hält er für eine Frage des Standpunkts. Während die Priester-Elite Jesus mit Hass und Neid begegnet, steht Pilatus ihm gleichgültig gegenüber – und ist damit genauso weit vom Guten entfernt wie die aktiv Bösen.“

In der Tat ist die gleichgültig-wegwerfende Erwiderung „Was ist Wahrheit?“ des Pilatus an Jesus (Joh 18,38) in ihrer Bedeutung nicht von der Unschuldswaschung zu trennen. Der vom Präfekten verhörte Messias hatte erklärt, er sei in die Welt gekommen, um „für die Wahrheit Zeugnis“ abzulegen (Joh 18,37). Auf den „vornehmen Hohn eines Römers“ (Nietzsche) schweigt Jesus. Die Frage von Pilatus bleibt so im Raum. Und in der Zeit. Bis heute. „In der Welt“, schreibt Papst Benedikt XVI. im Band II seiner Jesus-Trilogie, „sind Wahrheit und Irrtum, Wahrheit und Lüge immer wieder fast untrennbar vermischt. Die Wahrheit in ihrer ganzen Größe und Reinheit erscheint nicht.“ Was also ist Wahrheit? Für Benedikt wird die Welt „umso wahrer, je mehr sie sich Gott annähert“. Der große katholische Theologe Klaus Berger (1940–2020) beantwortete einmal meine Frage, was für ihn Wahrheit sei, so: „Es gibt einen Gott und ich bin es nicht.“

Es geht um Amt und Stellung

Für Pilatus wäre das gewiss keine Option gewesen. Die imperiale HERR-lichkeit Roms, gespiegelt in der Selbstherrlichkeit des Statthalters, versperrt letztlich den Weg für ein gerechtes Urteil im folgenreichsten Prozess der Weltgeschichte. Es sind nicht „die“ Juden, die mit ihren „Kreuzige ihn!“-Rufen angeblich den Druck aufbauen, dem sich Pilatus notgedrungen beugen muss. Die grölende Gruppe vor dem Amtssitz des Präfekten ist, wie Benedikt im erwähnten Buch feststellt, „die für die Amnestie mobilisierte Anhängerschaft des Barabbas“ (des Mörders, den Pilatus dann auch freigibt). Als „eigentliche Klägergruppe“ ist „die Tempel-Aristokratie“ präsent. Während die Vorwürfe der Gotteslästerung und religiösen Verführung den „Realpolitiker“ wenig beeindrucken, sieht Pilatus angesichts drohender Denunziation in Rom – „Wenn du diesen freilässt, bist du kein Freund des Kaisers ...“ (Joh 19,12) – sein Amt und seine Stellung in Gefahr.

So fällt er ein Urteil, das nach eigenem Bekunden der zuvor erklärten Überzeugung widerspricht, er „finde keine Schuld an diesem Menschen“ (Lukas 23,4). Opportunismus Richtung Herrscherhof und populistische Botmäßigkeit gegenüber einer einflussreichen Clique verschmelzen zum mörderischen Amalgam.

„Doch der Geist des römischen Rabauken lebt weiter“

Auch wenn es nicht gleich und direkt Menschenleben kostet (in der Folge und indirekt kann das durchaus der Fall sein): Das Pilatus-Syndrom gehörte und gehört zum Wesen des Politischen. Pilatus ist ein Getriebener. Getrieben nicht von Wahrheit, sondern von Wahn – dem Wahn grenzenloser Macht über das von ihm „verwaltete“ Volk zu Nutz und Frommen des Imperiums, dem er devot dient. Dazu passt, dass der Journalist Robin Alexander seinem Buch über das politische Szenario der Flüchtlingskrise 2015 den Titel „Die Getriebenen“ gab. Im Matthäus-Evangelium findet sich eine Stelle, die, sarkastisch zugespitzt, im Kern aber treffend, das damalige Agieren der Bundesregierung und vor allem ihrer Leiterin umreißt: „Sie schnüren schwere und unerträgliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, selber aber wollen sie keinen Finger rühren, um die Lasten zu bewegen. Alles, was sie tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden ...“ (Mt 23,4–5)

Merkels „Wir schaffen das“ ist das verbale Pendant zur Wasserschale des Pilatus. Denn wenn WIR das nicht schaffen, trifft nicht MICH die Schuld, sondern EUCH. Die Versuche des politisch-medialen Komplexes, dem malträtierten WIR mit propagandistischer Politur ein wenig Restglanz zu verleihen, lassen indes die Spaltung der Gesellschaft immer deutlicher hervortreten. Die negativen Folgen der ungesteuerten Massenzuwanderung werden als „Einzelfälle“ in die Lokalnachrichten gedrückt und mit infantilen Agitationsfloskeln vernebelt. Denn WIR ALLE sind ja, lautet die bukolische Verheißung, „Einwanderer“, „Flüchtlinge“, „Afrikaner“ ... So wird jede konkrete politische Verantwortung in einem gleichsam naturgesetzlich determinierten Geschehen aufgelöst.

Partikularinteressen überfordern die Mehrheit zunehmend

Damit einher gehen Bestrebungen der Politklasse, das Volk als politisches Subjekt abzuwickeln. Deutsche „Obertanen“ (Karl Kraus), allen voran die Kanzlerin, die feierlich schwören, dass sie ihre „Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen“, lassen in ihre Reden tunlichst weder das Wort „Volk“ noch gar dessen Verschmelzung mit dem Epitheton „deutsch“ einfließen. „Es gibt kein Volk“, entsorgt Grünen-Chef Robert Habeck beherzt den „großen Lümmel“ (Heinrich Heine). Wo es kein Volk gibt, entfällt auch jede Verpflichtung einem solchen gegenüber. Sukzessive wird damit die Demokratie als Volksherrschaft zur Disposition gestellt und einer die Gesellschaft fragmentierenden Gruppenpolitik der Weg bereitet: Immer mehr Minderheiten drängen nach „Anerkennung ihrer ganz bestimmten, durch die Vorfahren, die Geschichte, das Schicksal vorgegebenen Identitäten“, konstatiert der frühere Bundespräsident Joachim Gauck in seinem Buch „Toleranz: einfach schwer“. Gauck weiter: „Für sie steht nicht im Vordergrund, Teil einer Gesellschaft zu werden, die alle Bürger auf gleicher Basis einschließt; primär für sie ist die Anerkennung ihrer je spezifischen sexuellen, ethnischen, religiösen oder kulturellen Partikularinteressen.“ Diese Partikularinteressen lösen in den aktuellen Auseinandersetzungen um Klima, Zuwanderung, Verkehr, um politische Korrektheit und andere Probleme und Prozesse immer neue Kollisionen und Konfrontationen aus, mit denen die Gesellschaft zunehmend überfordert ist.

Genau diesem fatalen Muster folgten die Vorgänge am Karfreitag vor fast 2 000 Jahren im Prätorium des Pontius Pilatus. Einer ihn bedrängenden maßgebenden Minderheit willfahrend, die hernach als Mehrheit („die“ Juden) galt, ließ er dem Verhängnis seinen Lauf. Zwar wurde der Präfekt damit wider eigenes Wollen zum Erfüllungsgehilfen der Heilsgeschichte. Es war aber auch der Beginn eines bis in unsere Zeit reichenden Leidensweges der tatsächlichen Mehrheit der Juden, die fortan als „Gottesmörder“ stigmatisiert, diskriminiert, verfolgt, gedemütigt und gemordet wurden.

Das Schicksal des Opportunisten ist ungewiss

Die Spuren des Pontius Pilatus verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Im Jahre 36 wird er vom Kaiser abberufen, da sich die Beschwerden über die grausame Amtsführung des Statthalters häufen. Zu seinem Ende fehlen genaue Zeugnisse. Ob er durch Suizid in Rom oder als Verbannter in Südfrankreich stirbt, ist ungewiss. Doch der Geist des römischen Rabauken lebt weiter. Und seine Wasserschale ist unerschöpflich.

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