Ungeschminkt

Totgesagte leben länger

Wie geht es der CDU? Wenn man nach Sachsen-Anhalt schaut, wo am Sonntag gewählt wurde, gar nicht so schlecht. Die Wähler scheinen dem medialen Wahlorakel nicht gehorchen zu wollen.

Dr. Reiner Haseloff (CDU) mit seiner Frau
Wer von den anderen Parteien oder wer aus der Führungsriege der CDU hätte es auch gewagt mit der Heimat, mit dem Angetrauten Partner und dem klassischen Geschlechterbild zu plakatieren? Reiner Haelhoff hat es getan und damit alle Berater-Auguren des Platzes verwiesen. Foto: Christian Schroedter / imago-images

Der Wähler, das unbekannte Wesen, hat vergangenen Sonntag in Sachsen-Anhalt zugeschlagen und sich gar nicht an die bereits beschlossenen Wahlergebnisse deutscher Journalisten und Demoskopie-Institute gehalten. Dabei hatten die doch einhellig das Wahlergebnis festgelegt, wonach die CDU unter Laschet ein einziges Elend, die AfD eine wachsende Gefahr des Ostens, die Grünen die Lieblinge der Nation, die Linke immer noch DDR-Volkspartei, die SPD unersetzlich und die FDP im Osten chancenlos sei.

„Sollte es eine zentrale Erkenntnis aus dieser Wahl geben,
dann ist es die Entzauberung der „Grün*innen“,
auch wenn die ARD zuverlässig die Rolle der Claqueurin übernahm“

Fakt ist, die CDU kann es noch. Mit Plus statt Minus und sensationellen 37 Prozent. Die Chancen, im September bei der Bundestagswahl nicht nur den Kanzler zu stellen, sondern auch eine bürgerliche Koalition mit der FDP hinzubekommen, sind gerade massiv gestiegen. Genaugenommen ist diese Option in Sachsen-Anhalt nur um einen einzigen Parlaments-Sitz verfehlt worden, weil auch die FDP-Wähler einfach nicht dem medialen Wahlorakel gehorchten, und die Liberalen mit 6, 4 Prozent stabil in den Landtag hievten. Trotz Wahldebakel von 8, 4 Prozent analysiert die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer unverdrossen, die CDU/CSU sei eine Partei, „die man in der heutigen Zeit nicht mehr wählen kann“. Eine mutige These für die Vertreterin der einst stolzen SPD, deren Vorsitzenden-Doppel-Pack Esken/Walter-Borjans zuverlässig seit Amtsantritt den eigenen Laden im freien Fall Richtung 5-Prozent Hürde befördert.

Wähler wollen grundgesetzlich garantierten Rechte zurück!

Sollte es eine zentrale Erkenntnis aus dieser Wahl geben, dann ist es die Entzauberung der „Grün*innen“, auch wenn die ARD zuverlässig die Rolle der Claqueurin übernahm und die Moderatorin Wiebke Binder die Grünen am Wahlabend ernsthaft live zu den „Wahlgewinnern“ zählte, während die Partei faktisch die wenigstens Stimmen von allen bekam. Ich wiederhole: Absolutes Schlusslicht.

Alle Parteien sollten die Lektion verinnerlichen: Klimapolitik ist nicht wahlentscheidend. Der Durchschnittswähler will seine Bürgerrechte zurück, seine Stromrechnung und die nächste Tankladung noch bezahlen können, um zur Arbeit zu fahren, wenn er denn noch eine hat. Gretas Schulschwänzen interessiert weniger als die Frage, wann die eigenen Kinder wieder geregelten Unterricht bekommen. In der Krise weiß man zuverlässiges Personal zu schätzen, während von der Qualifikation der grünen „Kanzlerkandidatin“ Annalena Baerbock gesichert im Lebenslauf nur noch bestätigt werden kann, dass sie tatsächlich geboren wurde.

Wer hoch steigt, kann tief fallen

Eine klassische „Regressionsfalle“ nennen Psychologen wie Prof. Dr. Klaus Fiedler, der für seine Arbeit mit dem renommierten Leibniz Preis ausgezeichnet wurde, das Phänomen, wenn gehypte Höhenflüge grandios auf den Boden der Tatsachen fallen und dann alle überrascht sind. Das hatte bereits Martin Schulz im letzten Bundestagswahlkampf für die SPD erleben müssen, könnte nun auch den Grünen blühen, der AfD wiederum in der Umkehrung, weil sie im Potenzial faktisch kleiner ist, als man gemeinhin als Teufel an die Wand malt.

Die Theorie besagt, dass nach statistischen Extremausschlägen immer eine „Regression zur Mitte“ stattfindet. In jedem hohen Messwert steckt das Potential zum Absinken, in jedem niedrigen das Potential zum Anstieg. Das gilt gleichermaßen für Aktienkursen und jene von politischen Parteien. Regressive Prozesse widersprechen also dem vorherrschenden Trend, finden aber zuverlässig statt. Auch der durchschnittlich linke Journalist ist also gerade wieder einmal als Lemming einer gemeinsam irrenden Schwarmintelligenz entlarvt und böse in den Abgrund der Realität gefallen.

Haseloff hat gezeigt, wie es geht: bürgerlich-konservativ

Das gibt nun Hoffnung für das bürgerliche Lager. Wer aber darf bei der CDU die Lorbeeren für den neuen Aufwärtstrend einsammeln?

Die Wahrheit ist wohl: Dass Haseloff letztes Jahr als Landeschef eine Erhöhung der GEZ-Gebühren standhaft verhinderte, und in der Corona-Krise auch in Konfrontation zu Merkels Berlin individuelle Maßnahmen in seinem Land durchsetzte, hat wahrscheinlich mehr Stimmen generiert, als die Partei durch die Nominierung von Laschet zum Spitzenkandidaten verloren hat. Die gute Nachricht ist: Der Patient CDU ist runter vom OP-Tisch.

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