Hamburg

Tooooooor!

Endlich wieder heilige Messe, endlich wieder Bundesliga, wenn auch noch ohne Zuschauer. Ein katholischer Fußballfan berichtet.

Borussia Dortmund -  FC Schalke 04
16.05.2020, Nordrhein-Westfalen, Dortmund: Fußball: Bundesliga, Borussia Dortmund - FC Schalke 04, 26. Spieltag, im Signal-Iduna-Park. Salif Sane von Schalke reagiert nach Dortmunds Tor zum 2:0. Foto: Martin Meissner/AP-Pool/dpa - WICHTIGER HINWEIS: Gemäß den Vorgaben der DFL Deu... Foto: Martin Meissner (AP-Pool)

 Dass die Kirchen endlich wieder geöffnet sind für die Sonntagsmessen, ist ein wichtiger, ja der wichtigste Schritt zurück in ein geregeltes Wochenende. Der zweitwichtigste ist ohne Zweifel die Wiederaufnahme des Bundesligabetriebs. Wer solange ohne diesen Ersatzgottesdienst auskommen musste („Genau „Neuneinhalb Wochen“, und das ohne Kim Basinger), ist wach für die Einzelheiten, für die liturgischen Veränderungen. 

"Dass Fußball eine quasireligiöse,
leicht blasphemische Angelegenheit ist
(und daher Platz haben muss in einer katholischen Wochenzeitung)
ist wohl unbestritten, ... "

Da wären erstmal die völlig verdrehten Vorspiel-Interviews bei Sky: Mit langen Stangen werden in Plastik gewickelte Mikrofone hinunter in die Arena gehalten, als ob ein Löwe mit Fleisch gefüttert werden muss da unten, dabei ist es nur der wie immer sorgfältig frisierte Bruno Labbadia, neuer Coach bei Herta BSC, mit Spannung erwartet nach diesem gruseligen Grinseklinsi-Zwischenspiel, und Labbadia hat einen Riesenhunger auf Tore, und er wird, wie inzwischen bekannt, ihn befriedigen können. Ich mag Labbadia, seit er den HSV 2005 zur Herbstmeisterschaft gecoached hat (soviel Lokalpatriotismus ist schon vorhanden).
Die Messe und die Bundesliga, schon von jeher die Wochenend-Top-Ereignisse für einen gebürtigen katholischen Ruhrpotter wie mich, Religion und ihr Ersatz, und meine Liebe zum BVB reicht zurück in die Zeiten von Tilkowski, Held, Emmerich und den Europapokal 1965. Dass Fußball eine quasireligiöse, leicht blasphemische Angelegenheit ist (und daher Platz haben muss in einer katholischen Wochenzeitung) ist wohl unbestritten, seit Reporter Herbert Zimmermann im Endspiel der WM 1954 ausrief „Toni Turek, du bist ein Fußballgott“ und Deutschland Weltmeister wurde. Oder seit jenem Foto, das einen Fan zeigt, der in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Bethänden vor Sepp Maier auf dem Rasen kniete. Oder spätestens seit der Maradonna-Kirche mit ihrem kleinwüchsigen Götzen und seiner „la mano de Dios“, der „Hand Gottes“.

Jürgen Klopp als Quasi-"Messias"

Zurück zu sky und der Werbung und der absolut widerwärtigsten, nämlich der, in der Multimillionär Jürgen Klopp so verlogen authentisch für die Deutsche Vermögensberatung wirbt und sich an seine leichtsinnige Jugend erinnert, in der er eher mit Raten und ohne Deutsche Vermögensvorsorge in den Tag gelebt hat. Heute, weise und lebenserfahren drei-Tage-bärtig kann er nur den Kopf darüber schütteln um dann, mit dem Blick auf das Logo der Generali-Versicherung, die die Deutsche Vermögensvorsorge anbietet, auch noch den Psalm „You never walk alone“ zu schänden.

 Dabei mag ich auch Kloppo – wer mag ihn nicht. Ich hatte ihn mal in Dortmund auf einer Pressekonferenz nach der Meisterschaft gefragt, wie man sich fühle als „Messias“. Er wurde ernst und meinte, da sei wohl eine längere Unterhaltung nötig. Klopp ist ein religiöser Mensch.

Nun aber endgültig in die Sky-Bundesliga-Konferenz-Schaltung. Auf meinem iPad, im Urlaub an der Küste. Mit einem wackligen Router. Über den mein Sohn mit einem Freund den Scorcese-Klassiker „Goodfellas“ schaut, pädagogisch wertvoll, sofern man sich auf eine Berufslaufbahn als Mafioso vorbereiten möchte. Die Konferenzschalte beginnt mit Fortuna gegen Paderborn. Ein Kellerduell als Geisterspiel, mehr Spuk geht nicht. Ich schalte um aufs Einzelspiel zum Revierderby Dortmund gegen Schalke, da macht die Übertragung schlapp. Ist der Router überlastet? Muss den Mafiosi der Stecker gezogen werden? Hoffentlich nicht, die „Goodfellas“ im Nebenzimmer verstehen keinen Spaß.

Eine Übertragung mit vielen Hindernissen

Doch der Kanal springt wieder an, und ich habe das 1:0 verpasst! Für den BVB! Was nicht im mindesten dieses bekannte Hochgefühl mindert, es rieselt durch die Blutbahn direkt ins Herz und hebt die Brust und zündet die erste kleine Leuchtrakete im Kopf. Überdies hat es das blonde Riesenbaby Håland geschossen, das Wunderkind aus Norwegen, nach einer Traumkombination, an der Brandt mit einem genialen Hackenpass und Hazard mit einer scharfen Vorlage in den Strafraum beteiligt waren. Natürlich fehlt hier die Südkurve, die legendäre Gelbe Wand der BVB-Fans und ihr Brunstschrei „Tooooooaaaaaahijaaaaaaa“. 
Und wie die Dortmunder zaubern! Als wollten sie nicht nur Schalke, sondern auch das Corona-Virus aus dem Stadion ballern und den Geist des Verbotsscharfmachers Söder gleich mit, aber die Bayern sind, wie jeder weiß, ohnehin ein Kapitel für sich, kurz: ich mag sie eher kaum, ich kenne außer Papst emeritus Benedikt und Franz Beckenbauer und Thomas Müller eigentlich keinen, der mir sympathisch wäre. Na ja,  vielleicht Gerhard Müller, einstiger Chef der Glaubenskongregation. „Was machen die Scheiterhaufen für die Ketzer“, fragte ihn der Papst mal, darauf Müller, klagend „Heiliger Vater, uns ist das Holz ausgegangen“!

„Was machen die Scheiterhaufen für die Ketzer“,
fragte ihn der Papst mal, darauf Müller, klagend
„Heiliger Vater, uns ist das Holz ausgegangen“!

Aber ich schweife ab.  Kurz vor der zweiten Halbzeit das angesichts der Statistiken (Ballbesitz/Schüsse aufs Tor/Zweikämpfe) mittlerweile überfällige 2:0 durch Guerreiro, auf Pass durch den überragenden Julian Brandt, der in seiner neuen zentralen Position nach Belieben und geradezu göttlich schaltet und waltet.  
In der Halbzeitpause die „Deutsche Vermögensberatungs“-Halbzeitanalyse (ohne Witz, das heißt so) und dann  Werbung für Gewinnspiele: Tipico, betway, bet-at-home, b-win, sky bet. Als ob ein Sieg für Dortmund nicht genügt, um sich als Sieger zu fühlen, das geht doch weit über die Handvoll schmutziger Euro hinaus. 
Ich habe doch jetzt schon gewonnen, und dieses 2 : 0-High wird verschönert: durch das 3 : 0 kurz nach Wiederanpfiff, Schalke mit einem Vorstoß, der vorm gelbschwarzen Strafraum abgefangen wird, sofort legt Gelbschwarz den Turbo ein, Håland bringt trotz eines Fouls von Sané den Ball zu Brandt, der auf Hazard querlegt und der donnert in die Maschen. Und schon wieder hüpft das Herz vor Freude. Wir wollen es kurz machen. Unter intelligenter Doppelpass- Beteiligung von Håland schießt Guerreiro zum zweiten Mal ein, sein erster Doppelpack in der Saison, und diesmal halten die Dortmunder das 4:0, anders als vor zweieinhalb Jahren, als die Schwarzgelben unter Bosz mit 4:0 führten und von den Weißblauen Revierstörenfrieden Schalke 04 noch 4 : 4 abgefangen wurden durch Naldos Kopfball, in der 95.(!).Minute, und erst recht anders als in der letzten Saison, als Dortmund mit der Heimniederlage gegen den Ruhrpott-Rivalen die deutsche Meisterschaft verspielte und Bayern wieder mal die Schale auf dem Münchner Rathausbalkon präsentieren konnte.

Ist schon erwähnt worden, dass sich meine Sympathie für Bayern in Grenzen hält? Im Moment steht Dortmund nur 1 Punkt hinter Bayern auf Platz 2. Die allerdings am Sonntag mit dem Vorstadtverein Union Berlin keine Probleme haben dürften.  Doch eines hat sich jetzt schon, eine Woche vor Pfingsten, erwiesen in Bezug auf die Revierderbys zwischen Dortmund und Schalke 04: Es gibt sie doch noch, die göttliche Gerechtigkeit. Von den letzten zehn Partien haben die Schalker achtmal gewonnen. Mit purem Glück. Gegen spielerisch glänzende Dortmunder. Nun hat sich gezeigt: Die Häretiker in weißblau sind in diesem Geisterspiel pulverisiert und in die Winde gestreut worden. Und die schwarzgelben Rechtgläubigen haben gewonnen und applaudierten anschließend den nicht vorhandenen Zuschauern im Stadion, weil sie wussten: Es waren die Gebete der Fans, denen sie ihren Triumph verdankten.

Und in mir breitet sich das so lange vermisste Glück eines siegreichen  Fußballwochenendes aus. Und Bayern? Die haben zwar ebenfalls gewonnen, aber die kommen auch noch dran!

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