Würzburg

Tagesposting: Regeln, die wir lieben

Sinnvolle Regeln geben den Menschen Orientierung und helfen, im Alltag zurecht zu kommen. Ähnlich ist das beim Fußball: Einfach Regeln gestalten ein gut durchschaubares Spielgeschehen für die Zuschauer. Norbert Bolz ist überzeugt, dass das den Menschen in schwierigen Zeiten gut tut.

Fußballfan
In Zeiten der Pandemie kann die Freude über spannende Fußballspiele zur psychischen Gesundheit beitragen. Foto: Peter Steffen (dpa)

Wer Fußball für die wichtigste Nebensache der Welt hält, unterschätzt ihn. Das wird gerade in Pandemie-Zeiten deutlich. Als man zum ersten Mal über die Aufhebung des Lockdown für den Profifußball nachdachte, war die Kritik laut und vielfältig. Im Wesentlichen hat man drei Einwände erhoben. Erstens, Profifußball vor leeren Stadien macht keinen Sinn. Zweitens, da Fußball das Gegenteil von social distancing ist, müssten die Spieler permanent auf Corona getestet werden, und das wäre eine unerträgliche Privilegierung gegenüber dem Rest der Bevölkerung. Und drittens gehe es ja wohl vor allem ums Geld, nämlich um die gewaltigen Summen aus Sponsoring, Werbeeinnahmen und Übertragungsrechten.

Das trifft alles zu, aber es trifft nicht den Kern. Dass Profifußball ein Milliardengeschäft ist, müssten auch naive Gemüter schon lange wissen. Das Problem mit der Dauerprivilegierung beim Testen hat sich wohl mittlerweile in Wohlgefallen aufgelöst. Bleibt die eigentlich „fußballerische“ Frage, ob Spiele von Profis in leeren Stadien Sinn machen. Natürlich ist die Begeisterung der Fans ein konstitutiver Bestandteil des Fußballerlebnisses. Aber die Spiele im Zeichen von Corona haben gezeigt, dass der Einsatz der Spieler und die technischen Möglichkeiten des Fernsehens eine durchaus erregende Atmosphäre schaffen können.

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Wenn man die weltweite, immer noch wachsende Begeisterung betrachtet, so ist Fußball das Spiel der Spiele – was wohl auch daran liegt, dass es sich um die Mannschaftssportart handelt, die sich für eine Fernsehübertragung besonders gut eignet. Doch was fasziniert daran? Spiele entführen uns ins Paradies des Wesentlichen. Das Spielfeld ist eine gehegte Lebenswelt, in der alles mit rechten Dingen zugeht. Die Spielregeln garantieren eine gute Ordnung, in der man immer genau weiß, was zu tun ist. Auch als Zuschauer versteht man jede Situation auf Anhieb. Alles ist überschaubar, es gibt nichts Bedrohliches, und die Erfahrungen entsprechen letztlich den Erwartungen. Deshalb ist die Welt des Spiels besser als die Wirklichkeit. Sie bietet das absolute Erlebnis des erfüllten Augenblicks und setzt die großen Gefühle frei, die wir im Alltag nicht mehr unterbringen können.

Das Alltagsleben ist meist frustrierend. Wir werden mit zu komplexen Problemen konfrontiert, und alles, was geschieht, ist immer auch anders möglich. Dem entspricht das Krankheitsbild der Depression. Und niemand ist immun gegen Langeweile, Einsamkeit und Angst.Die Pandemie hat diese alltägliche Lage nun ins Panische verschärft. Und damit sind wir bei der therapeutischen Funktion des Corona-Fußballs: Es gibt kein besseres Heilmittel gegen die Depression als die Spielfreude. Und so ist es gut, dass seit September der Ball wieder rollt. Wir werden noch lange widerwillig den staatlich verordneten Regeln von Mundschutz und social distancing folgen müssen. Aber wie entlastend ist dann der Eintritt in den Zauberkreis der Spielregeln, die wir lieben. Schiller hat nämlich recht behalten: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Und wir können ergänzen: wo er den besten Spielern der Welt zuschauen kann.

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