Augsburg

Tagesposting: Pessimismus ist Feigheit

Angst verpestet das Klima.

Tagesposting: Die Kunst,  allein zu sein
Der Autor ist Leiter des Gebetshauses Augsburg. Foto: Archiv

Manches sieht man schon im Abstand weniger Wochen anders. Ein Freund macht gerade in Italien Urlaub, am Wochenende war ich im Restaurant und im Gottesdienst und diesen Text tippe ich im ICE auf dem Weg zu einer Besprechung. Also einer echten, ganz ohne Zoom. Noch Mitte April schien all das unendlich weit weg. Wir alle werden, so sie denn schließlich vorbei sein wird, aus der Coronakrise etwas gelernt haben.

Eine meiner persönlichen Lektionen lautet: ich werde noch weniger auf Pessimisten hören. Und ich hoffe, dass wir Pessimismus als das erkennen, was er ist: Feigheit. Was gab es alles für Aussagen im März, April und Mai. Dass die Welt niemals wieder so werden würde, wie sie einmal war. Nein, ich gehörte niemals zu jenen, die Corona für eine Verschwörung hielten oder nicht ernst nahmen. Doch die Leichtfertigkeit, mit der negative Prognosen öffentlich ausgesprochen werden, macht mich nachdenklich. Wer bewusst schwarzmalt, wählt den bequemen Weg.

"Wer bewusst schwarzmalt, wählt den bequemen Weg."

Im überlegen-abgeklärten Gestus wirkt seine düstere Prognose erwachsen erhaben über die naiven Anderen, die sich schon noch wundern werden. Wird es wirklich schlimm, so hat der Pessimist es ja schon immer gesagt. Die Verharmloser werden einer strengen Schelte unterzogen, sie hätten die Signale nicht ernst genommen. Wird es nicht so schlimm, hört man von Pessimisten selten eine Entschuldigung. Denn lieber einmal zuviel gewarnt. Und im Klima der allgemeinen Dankbarkeit, dass es so schlimm nicht gekommen ist, vergisst man jene, die das Klima vorher vergiftet haben.

Denn Angst verpestet das Klima. Angst schnürt die Kehle zu. In seinem überaus lesenswerten Buch „Factfulness“ legt Hans Rosling anhand statistischer Daten globale Entwicklungen dar. Die für viele überraschenden Erkenntnisse: Weltweit nimmt extreme Armut ab, Schulbildung und Lebenserwartung steigen und Wohlstand war zu keinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte für so viele Menschen erreichbar wie heute. Befragt man Menschen jedoch, was sie schätzen, so glauben die meisten das Gegenteil: Die Welt wird immer schlechter.

Weltweit nimmt extreme Armut ab,
Schulbildung und Lebenserwartung steigen
und Wohlstand war zu keinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte
für so viele Menschen erreichbar wie heute."

Rosling hat genug Daten gesammelt, um die Regelmäßigkeit beschreiben zu können, mit der wir Menschen pessimistischen Deutungen Glauben schenken. Gab es in der Coronakrise düstere Aussichten von Prof. Drosten und etwas hoffnungsvollere von Prof. Streeck, hörte man medial mehr Drosten. Waren die Zahlen vom RKI negativer als die vom Helmholtz-Institut, wurden jene vom RKI zitiert. Wer sich vor Nicht-Wissenschaftlern öffentlich äußert, übernimmt Verantwortung für die Art und Weise, wie seine Äußerung auch von jenen verstanden wird, die sich nicht in die Forschungsliteratur einlesen.

Niemand weiß, wann und ob eine zweite Welle kommt. Doch ich habe sie nicht vergessen, die beinahe wollüstigen Prognosen, man werde sich noch wundern, wie zwei Wochen nach Ostern die Zahlen nach oben schnellen würden. Dass man den Urlaub dieses Jahr vergessen könne. Dass es schon Wochen nach den ersten Lockerungen garantiert wieder zum nächsten Lockdown kommen werde. Der Pessimismus wagt nicht zu hoffen. Wir sollten weniger auf ihn hören, denn er ist feige.

 

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