Brüssel

Tagesposting: Mit sich selbst im Einklang sein

Zu wissen, wer man ist und woher man stammt, gibt die Kraft, Großes zu wagen und zu erreichen. Über einen Sommerbesuch in der Heimat.

Ein Sommer zu Hause
Selten sei sie so mit sich im Reinen gewesen, meint Kristina Ballova im Rückblick auf ihren Sommerurlaub in der slowakischen Heimat. Foto: Viliam Mucha/Adobe Stock

Städtetrips, Strandurlaub und Sommerparties; all das fällt dieses Jahr aus. Dafür bieten die andauernden Corona-Einschränkungen die Gelegenheit, den Sommer auf eine neue Art und Weise zu erleben. Ich lasse mich auf eine ruhige, nicht näher definierte Zeit in meiner slowakischen Heimat ein.

Tagesposting: Im Zeitalter der Zerrissenheit
Der Autor ist Philosoph und Medienexperte. Foto: Kathrin Harms

Angekommen bei meinen Eltern verbrachte ich meine Tage mit Sport und Spaziergängen in der Natur und die Abende mit einem Glas Wein beim Feuer mit der Familie. Die ganz einfachen Freuden und doch so besonders.

Die Quarantäne-Monate in Brüssel trugen gewiss dazu bei, dass sich die Sommertage am Land wie ein großes Fest anfühlten. Auch mein Bruder, der im Priesterseminar bei Rom lebt, kehrte aus Italien zurück. Gemeinsam liefen wir um den See, an dem wir unsere Kindheit verbrachten, entdeckten Glühwürmchen und rannten vor dem Gewitter nach Hause. Bei diesen Runden sprachen wir nicht nur über den Alltag, sondern auch über Gott und Glauben, und es schien mir, dass es die Heimat brauchte, um zu diesen Themen zu gelangen. Selten war ich so mit mir im Reinen.

„Wirklich interessante Menschen, so scheint mir,
leben im Einklang mit ihrer Identität und Herkunft“

Nach den Tagen bei der Familie folgte ein Besuch bei einem guten Freund, der als Christdemokrat der ersten Stunde, Botschafter und Europa-Abgeordneter, die heutige Slowakei mitgeprägt hat. Stolz zeigte er uns sein Landhaus in den Bergen, das früher eine Dorfschule war und auf dem Grundstück der ursprünglichen Holzkirche gebaut wurde. Seine Augen strahlten, als er uns erklärte, dass er sein Wohnzimmer absichtlich da anlegen ließ, wo vor 300 Jahren der Tabernakel stand. Der Glaube war sein Fundament, und das nun auch in Stein ausgedrückt. Als ich auf seiner Terrasse meinen Kaffee trank und dabei betrachtete, wie die Abendsonne die Bergkette in sanftes Licht tauchte, mit dem Kirchturm des Ortes als Orientierungspunkt, konnte ich seine Freude nachvollziehen.

Schließlich erreichten wir mitten in einem armen ostslowakischen Dorf ein liebevoll restauriertes Schloss inmitten eines gepflegten Parks. Die Gastgeberin ist vor über 20 Jahren an den Ort zurückgekehrt, von dem ihre Familie nach dem Krieg unter unwürdigen Umständen vertrieben wurde. Die Gräfin gab ihr Leben als Journalistin und Architekturkritikerin in Zürich auf, um den Familiensitz neu zu beleben. Sie berichtete uns, wie sie selbst die Steine geschleppt hat, um Schritt für Schritt aus einer Ruine eine Oase zu machen. Aus ihrem Bekenntnis zu den eigenen Wurzeln hat sie einen Ort geschaffen, an dem die alte Welt jung, lebendig und inspirierend ist.

Wirklich interessante Menschen, so scheint mir, leben im Einklang mit ihrer Identität und Herkunft. Sie wissen, wer sie sind, und woher sie stammen. Dieses Bewusstsein gibt ihnen die Kraft, Großes zu wagen und zu erreichen. Sie gehen nach Rom, um Priester zu werden, gründen eine Partei und werden christliche Politiker, oder kehren an vergessene Orte zurück, um sie aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwecken.

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