Brüssel

Tagesposting: Gut, dass er noch da ist

Der Besuch des emeritierten Papstes in seiner Heimat hat Erinnerungen wachgerufen. Benedikt XVI. fehlt: als Pontifex, Brückenbauer. Identifikationsfigur.

Benedikt XVI. besucht kranken Bruder
Die Bilder des im Rollstuhl sitzenden Papa Emeritus, dem man sein fortgeschrittenes Alter, aber auch seinen wachen Geist ansehe, waren berührend, meint Kristina Ballova. Sie ließen Wehmut entstehen und regten zu Gedanken über seine Rolle als Papst an. Foto: Daniel Karmann (dpa)

Vor wenigen Tagen besuchte Benedikt XVI. Bayern, um seinen todkranken Bruder noch einmal zu sehen. Keine offizielle Pastoralreise, sondern eine stille Geste der Bruder- und Heimatliebe. Und dennoch schaffte es die Nachricht in alle wichtigen Medien und fand Resonanz auf den Facebook-Profilen meiner katholischen Freunde. Auch mich berührten die Bilder des im Rollstuhl sitzenden Papa Emeritus, dem man sein fortgeschrittenes Alter, aber auch seinen wachen Geist ansieht. Sie lassen Wehmut entstehen und regen zu Gedanken über seine Rolle als Papst an.

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Der Autor ist freier Publizist und Sachbuchautor („Bürgerlich, christlich, sucht ...“). Foto: Kerstin Pukall

Als Benedikt XVI. im Februar 2013 seinen Amtsverzicht angekündigt hat, war die Enttäuschung und Beunruhigung unter vielen Katholiken groß. Obwohl menschlich nachvollziehbar, schien auch mir dieser Schritt damals folgenschwer und falsch. Heute maße ich mir solche Urteile nicht mehr an, denn ich kann mir die Bürde des Amtes nicht vorstellen. Aber eins ist sicher: Benedikt XVI. fehlt mir als Papst, und ich bin sicher, nicht nur mir, sondern auch vielen anderen Katholiken, die unsere Kirche lieben. Er fehlt vor allem als einer, der das Amt des Stellvertreters Christi in seiner ursprünglichen und ganzen Bedeutung verstanden hat. Wunderbar präzise konnte er zwischen der Würde und Form des Amtes auf der einen Seite und zwischen der menschlichen Zurückhaltung und Demut des zum Papst gewählten Menschen auf der anderen Seite unterscheiden. Die Kleidung, die Symbole, die Gesten – das Papsttum lebt auch von diesem „heiligen Theater“. Das Verständnis der äußeren und inneren Kraft der Institution ist keine Eitelkeit, sondern eine Notwendigkeit.

Der Brückenbauer fehlt

Papst Benedikt fehlt uns auch als Pontifex, als Brückenbauer zwischen den vielen Strömungen innerhalb der Kirche. Er scheint mir da die letzte Integrationsperson aller Katholiken zu sein. Mit seiner Hermeneutik der Kontinuität vermied er den lähmenden Streit zwischen Konservativen und Reformern und mied so jeden Extremismus. In der Gegenwart vermisse ich eine derartige versöhnende kirchliche Persönlichkeit. Denn es ist immer: Fides et Ratio, Tradition und Gespür für die Gegenwart. Nicht nur in der Politik, sondern auch innerhalb der Kirche scheinen mir die verschiedene Strömungen immer weiter auseinander zu geraten. Nicht nur das Volk Gottes als Ganzes driftet auseinander, selbst die Konservativen finden untereinander kaum noch gemeinsame Nenner. Dies hat einerseits mit den äußeren Geschehnissen zu tun, aber andererseits auch mit der Abwesenheit einer allseits akzeptierten geistlichen Autorität.

Wie es sich entwickeln wird, können wir nicht abschätzen. Was bleibt ist die Hoffnung, dass der Heilige Geist seine Kirche lenkt und inspiriert und sie weiter einheitlich ihre Rolle in der Welt und der Heilsgeschichte behält.

Es ist ermutigend, inmitten dieser aufregenden und aufwühlenden Zeit Benedikt XVI. im Hintergrund zu wissen. Auch wenn er zu den aktuellen Entwicklungen schweigt, ist er doch als Maßstab präsent. Wir kennen seine theologischen Positionen, seine Botschaften und seine feinfühlige Art des Umgangs mit der Welt. Das war das erste, was ich bei den Bildern aus Bayern dachte: es ist gut, dass er noch da ist.

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