Augsburg

Tagesposting: Gelegenheit macht Christen

Eine massive Glaubenskrise beutelt die Kirche in Deutschland. Zu beobachten ist das seit Jahrzehnten. Die von „Beratern“ vorgeschlagenen und breit diskutierten Lösungsvorschläge überzeugen den Kommentator nicht.

Weltjugendtag - Pilger im Bonner Münster
Die Kirche, die Gläubigen sollen wieder „Salz der Erde“, „Licht der Welt“, „Sauerteig der Gesellschaft“ sein, eine sichtbare Alternative, profiliert, mutig und unprätentiös - so wie es die Christen der Urkirche für ihre heidnischen Nachbarn waren. Foto: Felix Heyder (dpa)

Im Chinesischen, sagt man, gibt es nur ein einziges Schriftzeichen für „Krise“ und „günstige Gelegenheit“. Manche sagen: die katholische Kirche ist in ihrer größten Krise seit 500 Jahren. Was hindert uns daran, die größte Krise zur günstigsten Gelegenheit zu machen? Was hindert uns daran zu sagen: Die katholische Kirche hat die einmalige Gelegenheit aus toten Routinen auszusteigen, zu den tragenden Wurzeln zu finden und sich von Grund auf zu erneuern?

Erinnern wir uns, wie es im frühen Christentum war. Im Diognetbrief aus dem 2. Jh. lesen wir: „Sie bewohnen ihr jeweiliges Vaterland, aber nur wie fremde Ansässige; sie erfüllen alle Aufgaben eines Bürgers und erdulden alle Lasten wie Fremde; jede Fremde ist für sie Vaterland und jede Heimat ist für sie Fremde. Sie heiraten wie alle und zeugen Kinder, jedoch setzen sie die Neugeborenen nicht aus. Sie haben gemeinsamen Tisch, kein gemeinsames Lager. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten durch ihre eigene Lebensweise die Gesetze. ... Sie werden verkannt und verurteilt, sie werden getötet und dadurch gewinnen sie das Leben. ... Was im Leib die Seele ist, das sind in der Menschheit die Christen.“ Man spürt, welche Kraft diese kleine Truppe von irdisch Machtlosen hatte, dass vor ihr das morsche Milieu der griechischen und römischen Antike in sich zusammenfiel. Innerhalb von wenigen Generationen schafften es die Jünger Jesu, die gesamte damals bekannte Welt auf den Kopf zu stellen.

Da fragt man sich doch: Wie gewinnen wir wieder die Ausstrahlung, die wir schon einmal hatten? Nehmen wir Maß an den ersten Christen! Was hatten sie, was wir nicht haben? Erstens hatten sie Profil. Zweitens hatten sie Feuer. Drittens hatten sie Mut. Wie gewinnt man Profil? Durch den Mut zum Unterschied. Aber was empfehlen die smarten Berater, die gerade das Sagen haben? Die Kirche müsse „normaler“ werden, von Wundern schweigen, das Herausragende verstecken, die Kanten abschleifen, die Anforderungen herunterschrauben und sich der Welt anpassen.

„Die ersten Christen hatten ihn – den Mut zum Unterschied“

Eine absurde Strategie! Welcher Berater würde Mercedes empfehlen, normalere Autos zu bauen, den technischen Vorsprung zu verschweigen und sich Dacia zum Vorbild zu nehmen. Die ersten Christen hatten ihn – den Mut zum Unterschied. Sie waren leidenschaftlich daran interessiert, ihren Glauben kennenzulernen, ihn als „neuen Weg“ zu beschreiten. Das entfernte sie vom Mainstream, brachte ihnen aber das Geschenk einer Sozialgestalt, die unwiderstehlich anzog.

Die Attraktivität dieser gewinnenden Generation bestand nicht in Gefälligkeit und im Aufhübschen des Vorhandenen. Sie war das Gegenteil von Anpassen an das, was gefällt. Wir können eine christliche Existenz gerade nicht in schönstem Einvernehmen mit dem modernen Heidentum realisieren. Uns bleibt nur das Darlegen einer provokanten Alternative: „Christsein als Option“. Dazu Ja zu sagen, meint nicht den Ausstieg aus der Solidarität oder den Rückzug aus der Gesellschaft und dem normalen Leben, wohl aber die Formation einer profilierten, unprätentiösen, sichtbaren Alternative – mitten unter allen.

 

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