Berlin

Tagesposting: Das Zeitalter der Angst

Schlimmer als die Furcht vor dem Lebensbedrohlichen ist die Angst, die durch die Imagination des Schreckens genährt wird. Skizziert werden diese Horrorszenarien von modernen Propheten einer Apokalypse.

Dramatische Wolkenformation
Wie bedrohliches, apokalyptisches Feuer das vom Himmel fällt, wirkt die Wolkenformation am späten Abendhimmel. Foto: Martin Wind

Schlimmer als die konkrete Furcht vor der Realität des Lebensbedrohlichen wie damals etwa vor der Spanischen Grippe und heute eben Covid-19 ist die Angst, die durch die Imagination des Schreckens genährt wird. Das ist die Sache der modernen Propheten der Apokalypse, die meist in wissenschaftlichem Gewand auftreten. Sie unterstützen die grüne Ersatzreligion einer grenzenlosen Umweltsorge, mit der eine Partei der Verbote das schlechte Gewissen der Wohlstandsgesellschaft ausbeutet. Statt „Was darf ich hoffen?“ – eine Frage, auf die man früher von der christlichen Religion eine Antwort erwartete, fragt sie: Was muss ich fürchten? Dazu passt dann auch die angemaßte Weisheit von Kindern, die ein Welttribunal veranstalten möchten, um die Erde zu retten.

Der Wahnsinn steckt in der Anmaßung

Wer im Aufmerksamkeitswettbewerb nicht untergehen will, muss von Klima auf Virus umstellen. So lautete eine Überschrift der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Der Mensch hat Pause – der Planet atmet auf“. Den Lockdown, die Ausgangssperre, die praktisch die gesamte Weltgesellschaft zum Stillstand gebracht hat, eine „Pause“ zu nennen, mag man noch schlicht als infantile Unverschämtheit hinnehmen. Doch der Wahnsinn steckt in der Anmaßung, eine Perspektive oberhalb des Menschen einzunehmen und sich zur Stimme der „gequälten“ Erde zu machen. Nicht Corona, sondern der Mensch sei die Krankheit – und Corona die Heilung. Das ist die aktuelle Variante eines Phantasmas, das man bei allen radikalen Umweltbewegungen findet, nämlich dass die „geschändete“ Natur jetzt Rache am Menschen nimmt. Was Umweltgipfel und Klimaprotokolle nicht geschafft haben, leistet die Natur jetzt selbst: Corona lässt fast alle Räder stillstehen und verbessert damit die CO2-Bilanz.

„Keine Angst ist größer als die Infektionsangst,
die Angst vor dem Angriff des unsichtbaren Feindes“

In einer Hinsicht steht die Corona-Pandemie nicht für Disruption, sondern für Kontinuität. Wir leben in einem Zeitalter der Angst. Auf die goldenen Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer folgten der islamistische Terror, die neue Völkerwanderung, die drohende „Klimakatastrophe“und jetzt das Virus. Gleichgültig, ob der Krieg gegen den Terror schon gewonnen ist oder nicht; ob die weltweite Massenmigration den „Untergang des Abendlandes“ bedeutet oder nicht; ob die „Klimakatastrophe“ das Phantasma einer Weltuntergangssekte oder eine reale Bedrohung ist – keine Angst ist größer als die Infektionsangst, die Angst vor dem Angriff des unsichtbaren Feindes.

„no borders“ hat eine finstere Seite

Es geht hier ganz schlicht um den Preis, den wir für die Prozesse der Globalisierung und Vernetzung zahlen müssen. Die wunderbar humanistisch und utopisch klingende Formel „no borders“ zeigt jetzt ihre finstere Rückseite. Nicht nur die Menschen, ihre Waren und ihre Techniken kennen keine Grenzen mehr, sondern auch die Übel und das Böse. Nach Jahrzehnten des Wohllebens in Europa erfährt sich der Mensch als das exponierte und gefährdete Wesen, das er ist. Allmählich erwachen gerade auch die Deutschen aus dem rousseauistischen Idyll einer naturbelassenen Existenz, das die Grünen ihnen vorgezaubert haben, und erkennen, dass die Natur uns nicht gnädig ist. Das Virus konfrontiert uns unbarmherzig mit dem Grenzwert „Überleben“.

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