Aufklärung

Sprechen wir über Sex!

Wenn Eltern ihre Kinder nicht aufklären, werden es andere tun, und das ab der Krabbelstube.

Liebespaar im Park
Enttabuisierung? Vielen Eltern ist es auch heute noch peinlich, mit ihren Kindern über Sexualität zu sprechen. Foto: dpa

Sexualerziehung und Aufklärung der Kinder geschieht zunehmend durch den Staat und seine Einrichtungen. Warum das so ist? Darüber ist schon recherchiert und geschrieben worden. Wir Eltern stehen vor dem Faktum, dass unsere Kinder nicht nur von uns aufgeklärt werden. Das ist nichts Neues, denn seit Jahrzehnten klären vorwiegend die Schule, diverse Medien und Freunde auf.

Die Situation hat sich allerdings in den letzten Jahren sehr zugespitzt. Man möchte fast meinen, einen regelrechten Wettlauf beobachten zu können, wer der erste sein darf oder soll: die Krabbelstube, der Kindergarten, die Schule oder doch wir Eltern?

Sexualerziehung in den Familien

Unsere Großeltern haben „es“ oft erst mehr oder weniger beim ersten sexuellen Kontakt erfahren. Sexualerziehung wurde in den Familien vorwiegend durch Geborgenheit und Angenommensein geleistet, doch die biologische Aufklärung fehlte. Öffentliche Einrichtungen haben kaum mitgewirkt. Gesprochen wurde wenig, und es war außergewöhnlich, wenn dem Kind oder Jugendlichen von den Eltern zumindest ein gutes Buch in die Hand gedrückt wurde. Das Thema war einfach zu peinlich.

Wie sieht es heute aus mit der guten Einführung unserer Kinder in Liebe, Fruchtbarkeit und Verantwortung in der Sexualität? Hat sich von Seiten der Eltern wirklich so viel geändert? Wir sind gewohnt, über alle möglichen Themen rund um Sex zu kommunizieren. Wir wissen eine Menge über sexuelle Orientierungen oder Praktiken. Peinlich ist das Thema leider nach wie vor. Viel zu oft stellen wir fest: Eigentlich hätten wir darüber schon längst mit unseren Kindern reden sollen. Und manchmal wären wir froh, wenn es andere für uns übernehmen könnten.

Auf jeden Fall gilt: Wenn wir Eltern unsere Kinder nicht aufklären, werden es andere tun! Die renommierte österreichische Sexualpädagogin Irmgard Hagspiel mahnte Eltern bereits in den 1970er Jahren wiederholt: „Besser zwei Jahre zu früh, als zwei Minuten zu spät.“ Diese fast übertrieben wirkende Aussage hat sich bei jedem unserer zwölf Kinder bestätigt. Man könnte es auch mit dem einprägsamen Wahlspruch eines ehemaligen US-Präsidenten unterstreichen: „Wer, wenn nicht wir?! Wann, wenn nicht jetzt?!“

Wir Eltern haben die Kompetenz. Und wir sind die ersten und wichtigsten Erzieher unserer Kinder. Wir haben eine große Macht, die wir im positiven Sinne nützen dürfen und sollen. Wer sonst hat die Kinder so lieb und für so lange Zeit anvertraut bekommen? Wir Eltern sind die ersten Erzieher und deshalb haben unsere Kinder das Recht, zuerst von uns aufgeklärt zu werden.

Erste Aufklärungsprogramme im Kindergarten

Am besten wäre es, unsere Kinder einzuführen, bevor wir sie einer außerhäuslichen Betreuung anvertrauen. Ja richtig, das kann durchaus schon sehr früh sein. Denn auch in einer Krabbelstube geschieht Sexualerziehung. Vielleicht nicht mit Worten, jedoch sicher indirekt durch ein Weniger an Liebe. Nicht, weil die Pädagoginnen nicht kompetent und bemüht wären, sondern weil sie einfach nicht die Eltern sind. Im Kindergarten warten bereits die ersten Aufklärungsprogramme: Kuschelecken und angeleitete gegenseitige Wohfühlberührungen stehen vielerorts am Programm.

Behalten Sie Ihr Kind nach Möglichkeit so lange wie möglich zu Hause. Wir Eltern sind die besten Erzieher, auch wenn wir es eventuell gar nicht am besten können. Aber wir lieben unsere Kinder am meisten und haben die tiefste Beziehung zu ihnen. Jedes zusätzliche Jahr zu Hause ist ein Gewinn, denn Erziehung und Beziehung braucht auch Zeit. Je mehr davon wir unseren Kindern widmen, desto besser. Das Kind hat im Schutz der Familie länger Zeit, gestärkt und selbstsicher zu werden und wird länger von unserer Liebe, unserem Wissen und unseren Überzeugungen gebildet.

Es ist nie zu spät

Nun werden Sie sich fragen, wie und wann Eltern mit der Aufklärung beginnen sollen. Je früher, desto leichter – doch zugleich ist es nie zu spät. Bei der Aufklärung unserer Kinder hat uns und unzähligen Eltern die Auseinandersetzung mit der Natürlichen Empfängnisregelung (NER) ungemein geholfen. Hier konnten wir uns eine schöne Fachsprache und ein umfangreiches Detailwissen aneignen. Wir hatten zusätzliches Glück, denn meine Frau sprach schon als Jugendliche diesbezüglich viel mit ihrer Mutter. Ich besuchte einen NER-Grundkurs vor der Ehe und durfte dabei den Begründer der symptothermalen Methode, Josef Rötzer, kennenlernen. NER ist nicht nur eine Methode, sondern eine Lebensweise auf die man sich verlassen kann.

Das überaus Positive an der NER: Wir als Paar haben dadurch gelernt, miteinander über unsere Sexualität, Fruchtbarkeit und die damit verbundene Verantwortung regelmäßig zu reden. Wir haben durch die NER eine Sprache gefunden. Das war und ist die Grundlage und Voraussetzung, um mit unseren Kindern zu sprechen, freilich kindgerecht und ihrem Alter entsprechend. Wir hinken dem hohen Anspruch guter Erziehung zwar ständig hinterher, aber es ist besser, in die richtige Richtung zu hinken, als in die falsche zu laufen.

Vor einigen Jahren lasen wir in einem Bezirksblatt ein Interview mit einer Psychologin zum Thema Schutz vor Missbrauch. Ihre Antwort war so klar wie einfach: „Der beste Schutz vor Missbrauch ist eine gute Aufklärung.“ Gute Bildung und die Geborgenheit einer Familie machen unsere Kinder stark und selbstbewusst. Allein dadurch sind sie schon weit weniger interessant für Täter und vor allem resistenter gegen die vielen Einflüsse, denen sie ausgesetzt sind.

Medien nehmen Einfluss

Nicht nur Sexualpädagogikprogramme öffentlicher Bildungseinrichtungen strömen auf die Kinder ein, sondern auch Fernsehen, Smartphone, Internet, Filme, soziale Medienkontakte, Freunde. Wir Eltern sind die ersten Erzieher, auch im Bereich der Sexualität. Selbst gute Angebote von außen können die eigene Erziehung nicht ersetzen, sondern wir nehmen diese nach dem Grundprinzip der Subsidiarität gerne als Ergänzung und Hilfe in Anspruch.

Wenn wir unsere Kinder selber aufklären, saugen sie sich wie ein Schwamm mit klarem und sauberem Gebirgswasser voll. Schädliche Einflüsse kommen ganz bestimmt, dringen aber nicht in die Tiefe und laufen außen ab. Unsere Aufgabe bleibt es, mit gesunden und schlüssigen Informationen ständig frisches Quellwasser zum Schwamm unserer Kinder zu leiten und durch unsere Liebe diesen auch saugfähig zu erhalten.

Wenngleich jedes Elternpaar auch Erfahrungen der Machtlosigkeit erleben wird, ist dennoch gewiss: Gute Aufklärung erhöht die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung unserer Kinder enorm.

Der Autor hat mit seiner Frau Maria zwölf Kinder. Gemeinsam betreiben sie den Verlag www.ehefamiliebuch.at.

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