„...so fühlen die Menschen bei Dir Zuhause“

Zum heutigen 50. Todestag des katholischen Theologen und religiösen Schriftstellers Josef Weiger. Von Professor Hannah-Barbara Gerl-Falkovitz

Bei Kaffee und Kuchen (v.l.): Maria Elisabeth Stapp, Romano Guardini, Josef Weiger im Pfarrhaus Mooshausen. Foto: Freundeskreis Mooshausen.
Bei Kaffee und Kuchen (v.l.): Maria Elisabeth Stapp, Romano Guardini, Josef Weiger im Pfarrhaus Mooshausen. Foto: Freundeskreis Mooshausen.

„Es ist gar nicht so einfach. Einen Menschen zu zeichnen ist eine schwere Aufgabe; denn bei jedem Menschen kommt man an eine innere Grenze, die man nicht überschreiten kann, die man nicht überschreiten darf. Jeder Mensch hat Anspruch darauf, ehrfürchtig behandelt zu werden bis ins Letzte.“ So Josef Weigers eigene Worte, als er seinen Malerfreund Gebhard Fugel charakterisieren sollte. Auch sein eigenes Porträt ist nicht leicht einzufangen, da er im heutigen Blick meist im Schatten seines großen Freundes Romano Guardini steht. Dabei war er selbst ein Genie der Freundschaft. Denn seit er im September 1917 Pfarrer in Mooshausen im schwäbischen Allgäu wurde, entfaltete sich das spätbarocke Pfarrhaus zum Gehäuse großer Begegnungen: mit dem Dirigenten Eugen Jochum, dem Maler Wilhelm Geyer, dem Kapuziner und Pax-Christi-Gründer Manfred Hörhammer, der Schriftstellerin Ida Görres, dem Theologen Joseph Bernhart, dem Journalisten Ernst Michel, dem Tübinger Alttestamentler Fridolin Stier und auch mit Fritz Heidegger, der zum 80. Geburtstag 1963 einen Gruß an den „hochverehrten Meister“ schrieb. Weiger war selbst nicht selten Gast bei Carl Muth, dem Begründer von Hochland, in München-Solln und zelebrierte öfter in Muths Hauskapelle.

Der Lebenslauf ist bald erzählt: Geboren wurde Weiger 1883 auf dem hochgelegenen Schloss Zeil bei Leutkirch im schwäbischen Allgäu; im Rückblick auf seine Eltern sprach er von väterlich-strengem Gesetzesdenken des Alten Bundes und mütterlicher Milde des Neuen Bundes. Er verbrachte zwei Jahre als Novize in Beuron, studierte darauf Theologie in Tübingen und im Rottenburger Priesterseminar, wurde 1911 zum Priester geweiht und diente anschließend als Vikar. Von 1917 bis 1957 wirkte er als Pfarrer in Mooshausen, einer Gemeinde von 300 Seelen, die er trotz anderer ehrenvoller Angebote nicht verlassen wollte. Maria Knoepfler (1881–1927), die bekannte Newman-Übersetzerin, führte ihm dort bis 1927 den Haushalt, später trat die Bildhauerin Maria Elisabeth Stapp (1908–1995) bestimmend und helfend in sein Leben. Auch den Ruhestand verbrachte Weiger, von mancherlei psychosomatischen Leiden und von Schwermut heimgesucht, in dem Dörflein und durchlitt dort seine letzte Krankheit. Er starb am 27. August 1966, zwei Jahre vor Guardini, wie dieser 83 Jahre alt geworden. Das Grab im Schatten des Kirchturms wird überragt von einer Bronzeplatte, geschaffen von Maria Elisabeth Stapp, worauf die selbstgedichteten Verse „De profundis“ stehen: „Flehende Worte fahnden nach dir,/ öffne die Pforte, Herr Gott, zu dir./ Neige dein Ohr und höre mich,/ nimm meine Last, ich bitte dich./ Scheuche mein Dunkel, erbarme dich./ Löse die Fesseln gnädiglich!/ Dürre geworden, betaue mich,/ geistlicher Quell, belebe mich,/ und berge, Heiliger, den Müden/ in deinem ewigen Frieden.“

Im November 1906 lernte Weiger im Tübinger Wilhelmsstift Guardini kennen. Welch tiefeingewurzelte, lebens- und werkbestimmende Freundschaft von 60 Jahren daraus entstand, ist aus einem wohlüberlegten Wort des späten Guardini zu ersehen: „Ich grüße Dich in einer Denk-Gemeinschaft, deren Dauer das halbe Jahrhundert schon überschritten hat.“

Weiger erinnert sich der Schicksalsstunde mit großer Genauigkeit: „Als ich den Hörsaal öffnete, saß nur ein Hörer da; ich kannte ich nicht. Nach dem Aussehen musste es ein Italiener sein. Ich setzte mich zu ihm; und sofort hatten wir Kontakt. Er konnte so herzlich lachen, der Unbekannte, und der schwäbische Witz und auch die schwäbische Art gefielen ihm. Die Derbheit des Stammes genierte ihn nicht. Die Italiener seien genauso kräftiglich in ihren Worten. (...) Wie es kam, weiß ich nicht mehr, aber wir gerieten in ein lebhaftes theologisches Gespräch, in dem die Liturgie und ihr Wesen eine große Rolle spielte. (...) In meinem Eifer und in meiner leidenschaftlichen Parteinahme für Beuron übergoss ich Romano wie mit siedendem Wasser.“

So nahm er 1907 den neuen Freund von Tübingen aus mit nach Beuron – für diesen eine völlig neue umstürzende Welt. Letztlich verdankt sich ihr sogar Guardinis genialer Erstling „Vom Geist der Liturgie“ (1918). Bei Weiger heißt es: „Und damals fiel wirklich ein Samenkorn in einen Geist, den sich Gott für eine weitverzweigte Tätigkeit vorbehalten hat. Heute noch empfinde ich dankbare Genugtuung, dass ich das Werkzeug sein durfte, Romanos theologischen Werdegang in entscheidender Stunde entscheidend zu beeinflussen.“

Ein schattenhaft begleitendes Problem in Tübingen war der Modernismusstreit. Guardini zeichnete Weigers Haltung so, dass er „wohl gegen die Unfreiheit und Geistlosigkeit des Herkömmlichen opponiert (hatte...); er dachte aber nicht daran, die religiöse Tiefe und autoritäre Kraft der Tradition loszulassen“. Guardini war regelmäßig im Jahr zweimal in Mooshausen, im Frühjahr und im Herbst, zu Gedankenaustausch und Erholung, berührt vom Frieden und der Geistigkeit des Hauses und der Lieblichkeit der Landschaft. Sein dort entstandener Aufsatz „Kanal an der Iller“ im Sammelband „In Spiegel und Gleichnis“ (1932) bezeugt eine fast überirdische Landschaftserfahrung. Vom Sommer 1943 bis Herbst 1945 fand Guardini überhaupt Zuflucht in dem Pfarrhaus vor der Bombardierung Berlins. Schon früher heißt es bemerkenswert: „Ich freue mich sehr auf Dich und Dein Haus. Dort ist schließlich doch der einzige Ort, wo ich innere Heimat fühle.“ (16.9.1930) Und einige Wochen später: „...aber dennoch hast Du die Kraft der breiten Wurzeln und der Äste, die aus dem Irgendwo den umhüteten Raum herausformen, und so fühlen die Menschen bei Dir Zuhause. Ich aber bin immer draußen.“ (2.11.1930) Guardini hat viele seiner Bücher, bevor er sie zum Druck gab, mit seinem Freund besprochen. Dass dieser ihn so neidlos loben und uneigennützig verbessern konnte, ja dass er ihn bei aller Gemeinsamkeit und Nähe als den Größeren erkannte, macht Weigers eigene Größe aus. Über Guardinis Buch „Die menschliche Wirklichkeit des Herrn“ gibt es Weigers freundschaftliches Zeugnis und noch mehr die sachliche Ermutigung, die Guardini bei aller Selbsteinschätzung (und gleichzeitigen Unsicherheit) immer wieder brauchte: „Ich kann nur hoffen, dass dieses kleine schmale Buch Weltgeltung bekomme, das heißt in die Kultursprachen der Menschheit übertragen wird. Gott hat Dir, wie dem Apostel, eine Türe aufgetan, wie keinem anderen Theologen. Ohne die Liebe zur theoretischen Wahrheit auch nur eine Sekunde preiszugeben, öffnet deine kundige Hand leise den Zugang zur Christuswirklichkeit Tausenden ... ich weiß nicht, lieber Romano, ob Du den Abstand zu den Theologen spürst. Sie versuchen es, Dich ein wenig auszuplündern. Aber Deine Sprache ist so geformt und geprägt, so Stil im höchsten Verstand – da gibt es keine Imitation ... und es fehlt so ganz der klerikale Ton, den ich gar nicht mehr ertrage.“ (1958) Oder auch: Deine „[Universitäts]-Predigten sind für das XX. Jahrhundert, was die sermones Newmans für das XIX. gewesen sind.“ (1959)

Wohl wenige konnten Guardini gegenüber einen so herzlich zugetanen und warmen Ton anschlagen. Weigers Brief zu Guardinis Geburtstag 1950 enthält den Satz: „Weißt Du, erst wenn der Freund krank ist, merkt man, wie lieb man ihn hat.“

Viele Ratsuchende, am Leben Verzweifelnde kamen zu dem Dorfpfarrer, auch während der Nazizeit; im Dorf wusste man damals von Übernachtungen Unbekannter. Guardini sandte aber auch nicht selten von Berlin aus jene, die ihn um Rat angingen oder konvertieren wollten und denen er sich in seiner Arbeitslast nicht gewachsen fühlte, zu seinem Freund; so schrieb er einem jungen Mann: „Aber möchtet Ihr nicht einmal mit einem Manne reden, dem ich persönlich ganz vertraue, und der geistig wie menschlich ganz offen und reich ist?“ (30.12.1927) Weiger taufte in der kleinen Pfarrkirche St. Johann Baptist drei Jüdinnen, mit denen er brieflich in Berührung blieb: 1928 Rachel (Maria) Oldenbourg (1876–1943) aus München, später in Frankreich; 1933 Fanny (Franziska von Chantal) Kempner (1860–1937) aus Berlin, die durch Guardinis Vorlesungen zum Christentum geführt wurde, und in den 1930er Jahren Vera Jensch, die über Wien und Stockholm nach England emigrierte.

So entfaltete sich in diesem einfachen, ja einförmigen Leben, geborgen in dem wundervollen geräumigen Pfarrhaus Weigers Leben in die Tiefe: in seelsorglichen Rat, in theologische Weisheit, die unter anderem in der Tübinger theologischen Schule des 19. Jahrhunderts verwurzelt war: in Hefele, Möhler und Scheeben. Zudem schrieb er naturlyrische Gedichte voll Glück und Schwermut. Seine Briefe, Predigten, Bücher (darunter eine bedeutende Mariologie), Exerzitien, Gedichte sind noch nicht ausgeschöpft. Seine Beziehung zur mütterlichen „Knotenlöserin“ und „Mutter vom guten Rat“ Maria bildete ihn zum geistlichen Menschen, der selbst anderen Führung gab. Seiner kraftvollen und schönen Sprache und der lebenslangen Befassung mit Maria wegen wurde ihm 1943 die Formulierung des Weihegebetes an die Gottesmutter „in dieser Stunde der Finsternis“ für die ganze Diözese anvertraut.

Weiger wurde grundsätzlich gekennzeichnet als Kirchendenker (schon im Vorblick auf das Zweite Vaticanum), als Zeitdenker (in Auseinandersetzung mit Scheler, Newman, sogar Buddha) und als Glaubensdenker, vor allem in der Mariologie. Dabei zeichnen sich seine Arbeiten durch eine wohlbedachte und schlichte Sprache aus, in der Bemühung, Theologisches menschlich und ohne begriffliche Übersteigerung zu sagen. Weiger wurde bei aller Zurückgezogenheit doch einmal in seinem Wirken und Werk öffentlich anerkannt: Im Februar 1951 promovierte ihn die katholisch-theologische Fakultät der Universität Tübingen zum Ehrendoktor. Die Laudatio Fridolin Stiers betonte drei Merkmale: Weigers Anregungen der Studien Newmans in Deutschland, sein hochrangiges religiöses Schrifttum sowie „sein stilles, aber weithin in die Tiefe gehendes Wirken als Seelsorger, in immer lebendiger Teilnahme an allem Fragen und Fordern der Gegenwart“.

Ohne wissenschaftlicher Exeget sein zu wollen, hat Weiger kraft seiner geistigen Durchdringung von Glaubensfragen viele Suchende berührt. Bei der Beerdigung sagte sein Freund Franz Weber: „Pathetik und Trivialität waren dem Feinempfindenden in gleicher Weise zuwider. Sein riesiges Wissen weitete sich zur Weisheit aus. Seine adelige Seele ließ sich in kein Schema pressen.“ Und nochmals Guardini, der in den „Briefen über Selbstbildung“ (1925) das berühmte Kapitel über „Gastfreundschaft“ auf das Mooshausener Pfarrhaus münzte: „Das ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn: dass einer dem anderen Rast gebe auf dem Weg in das ewige Zuhause.“