Berkeley

Sind Computer bessere Denker?

Technologieunternehmen suggerieren immer wieder, dass Computer bald besser denken könnten als Menschen. Der amerikanische Philosoph John Searle bestreitet das seit Langem.

Eine Maschine "denkt" über die Zukunft nach
Computer können zwar sehr viel, sehr schnell rechnen, aber ihnen wird immer die "menschliche Vernunft" fehlen. Auch wenn die großen Technikunternehmen von anderem träumen. Foto: imago images

Wenn gefragt wird, ob digitale Computer denken können, ist damit auch noch eine weitere Frage angesprochen. Nämlich, ob das menschliche Denken so funktioniert, wie das der Computer, ob es also eine Ähnlichkeit zwischen dem Denken und der Tätigkeit des Computers gibt. Diesen Zusammenhang hat der amerikanische Philosoph John Searle so gesehen und in seinem Buch „Geist, Sprache und Gesellschaft: Philosophie der wirklichen Welt“ (1984) behandelt. Searle geht es in seinem noch heute viel diskutierten Buchaufsatz „Können Computer denken?“, ausdrücklich um eine grundsätzliche, überzeitliche Frage, die nicht vom Erkenntnisfortschritt etwa der Informatik und der Entwicklung der Generationen von Computern abhängt. Es geht ihm um eine philosophische Frage.

Searl spricht nicht von Vernunft

Aber ist das auch so? Wie die Mehrzahl der namhaften amerikanischen Philosophen hat sich auch Searle vom klassischen rationalen Verständnis von Erkenntnis verabschiedet und ist auf die Seite der Naturalisten gewechselt. Und das bedeutet für Searle, dass unsere „mentalen Zustände biologische Phänomene sind. Bewussstsein, Intentionalität, Subjektivität und mentale Verursachungen sind alle Teil unserer biologischen Lebensgeschichte, wie Wachstum, Reproduktion, die Sekrete der Gallenflüssigkeit und die Verdauung.“ Es ist wichtig, im Folgenden im Auge zu behalten, dass Searle nicht von Vernunft oder rationalen Normen spricht, sondern von mentalen Zuständen und Prozessen, also nur von dem, was man objektivieren kann. Das, was da objektiviert, klassisch gesprochen eben die Vernunft, ist kein Thema: „Gehirne verursachen Bewusstseine“, sagt er und stellt sich damit auf eine Stufe mit Naturwissenschaftlern. Der Glaube an die Allmacht der Computer ist dann nicht weit.

Was hat die naturalistische Auffassung vom Erkennen nun mit Searles Theorie über das Denken von Computern zu tun? Searle geht auch hierbei experimentell-empirisch zu Werke. Er geht das Problem sozusagen von unten an und schlägt des berühmt gewordene und bis heute zitierte Experiment mit dem „chinesischen Zimmer“ vor. Jemand sitzt allein in einem Zimmer, ohne der chinesischen Sprache mächtig zu sein. In verschiedenen Körben liegen Karten mit chinesischen Schriftzeichen. Ein Buch in der Sprache der Versuchsperson gibt an, wie die Zeichen kombiniert werden können. Nun soll ein Zeichen aus einem Korb mit einem Zeichen aus einem anderen Korb verbunden werden. Es werden neue Zeichen in den Raum gereicht, die nach Regeln mit den zuletzt gebrauchten Zeichen verbunden und wieder herausgereicht werden sollen.

„Eine Sprache zu verstehen erfordere natürlich mehr,
als ein Bündel von Zeichen zu ordnen“

Wenn sie außerhalb des Zimmers von chinesisch Sprechenden gelesen werden, müssten diese glauben, die Person im Zimmer könne chinesisch. So, meint Searle, denken Computer. Sie könnten eine Syntax bearbeiten, eine Sprachstruktur, ohne aber deren Bedeutung, die Semantik, zu verstehen. Eine Sprache zu verstehen erfordere natürlich mehr, als ein Bündel von Zeichen zu ordnen; es erfordere Interpretation und die Bedeutung der Symbole zu verstehen. Und das könnten Computer eben grundsätzlich nicht leisten – „sie verfügen nicht über semantischen Inhalt“. Damit ist das Problem für Searle eigentlich schon gelöst – Computer können denken, wenigstens ein bisschen. Aber sie heißen nicht Denker, sondern Rechner.

Sie führen Programme aus. Searle lässt sich hinreißen zu Aussagen wie: „In einem bestimmten Sinne, natürlich, sind wir alle Maschinen. Wir können den Kram in unserem Kopf ordnen wie eine Fleischmaschine. Und natürlich können wir alle denken.“ Er fragt weiter, ob Artefakte denken können. Ja, wenn wir eine Maschine bauen, deren Moleküle denen des Menschen identisch seien, dann könnte diese Maschine denken. Und sie könnten den Menschen ersetzen, meint Searle, aber dann sind es auch keine digitalen Computer mehr.

Programme, gelöste Rechenaufgaben sind kein Bewusstsein

Searle hat Recht damit, dass digitale Computer das menschliche Bewusstsein nicht ersetzen können. Das hat er mit dem Unterschied zwischen Syntax und Semantik klar gemacht. Das sinnlich-rationale menschliche Bewusstsein hat eben eine andere Struktur als Computer. Programme sind nicht Bewusstsein, sagt Searle schlicht. Dass er aber das Bewusstsein selbst nur naturalistisch auffasst als mind, also als konkretes Bewusstsein, ist ein Mangel seiner Theorie, auch wenn es die Gedanken über Computer nicht betrifft; damit ist Searles Argument gegen das Denken von Computern nicht wirklich schlagend, weil er nur einen schwachen Begriff vom Denken hat.

Die Prinzipien, unter denen der Computer rechnet, sind sein Programm. Er ist programmiert und in diesem Rahmen funktioniert er. Auch wenn er nicht weiß, was eine Funktion ist. Muss er das wissen? Als Computer nicht, weil er ja programmiert ist, Funktionen auszuführen. Der Mensch, der ihn programmiert, muss allerdings die Funktionsweise des Computers verstanden haben und überhaupt wissen, was eine Funktion ist. Er muss zum Beispiel die Funktion eines Herzens kennen, um ein künstliches Herz nachzubauen, das dann vielleicht ganz anders aussieht. So wurde auch das Denken als Prinzip als eine Funktion begriffen, die als Identisches (Invariante) unendlich viele konkrete Gedanken (Variablen) haben kann. Die invarianten Prinzipien des Denkens wie die Logik oder Kategorien können nicht selbst Teil unseres in der Zeit verlaufenden biologischen Lebens sein – daran wird deutlich, dass Searles naturalistische Rede vom Bewusstsein (mind) nicht das einzuholen vermag, was klassisch als Denken aufgefasst wurde.

Naturalisten träumen davon, dass Maschinen bald "denken"

Nun lehrt die Geschichte des Wissens und der Entdeckungen, aus der auch die Computer hervorgegangen sind, dass immer wieder neue Wissens- und damit Prinzipienebenen aufgedeckt wurden. In der Philosophie unterscheidet man hier zwischen thematischen und unthematischen Prinzipien. Jedes Wissen, das wir als Thema vor uns haben, setzt etwas voraus, das wir als unthematische Voraussetzung dieses Wissens noch nicht wissen.

So hatte Alan Turing, einer der ersten großen Computerkonstrukteure, der auch Anlass für die Überlegungen Searles zum chinesischen Zimmer war, noch nicht einen modernen Großrechner, der das Schachcomputerprogramm umsetzen konnte, das Turing bereits 1953 schrieb. Es sind also die unthematischen und noch aufzudeckenden Prinzipien, auf die sich der Forschereifer richtet. Hierzu ist allerdings der reale erkennende Mensch mit seinen Sinnen notwendig, um von der Wirklichkeit immer wieder neue Erkenntnisaufgaben zu bekommen. Das ist Computern nicht möglich. Sie können nicht auf die unthematischen Vor-aussetzungen ihrer Programme reflektieren, dabei die eigene „Lebenswirklichkeit“ weiterentwickeln, die dann wieder neue Erkenntnisaufgaben stellt.

Die naturalistische Auffassung des Denkens bei Searle hat sich längst auch bei Technologieunternehmen wie Google oder Tesla durchgesetzt, die davon träumen, dass Maschinen bald „denken“.


Der Aufsatz „Können Computer denken?“ ist erschienen in John Searle: „Geist, Sprache und Gesellschaft: Philosophie der wirklichen Welt”, Suhrkamp Verlag 1984.

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