Windsor

Prinz Philip überließ bei seiner Beerdigung nichts dem Zufall

War die Beerdigung der tödlich verunglückten Prinzessin Diana eher eine Veranstaltung der Popkultur, so fand die britische Monarchie bei Prinz Philips Beerdigung zu vollendeter aristokratischer Form in Choreographie und inhaltlicher Ausgestaltung zurück. Philip hatte das Zeremoniell selbst geplant.

Fahrt zum Grab
Die letzte Fahrt mit dem Landrover: Millionen von Menschen haben die beeindruckende Abschiedsfeier für Prinz Philip verfolgt. Foto: Imago Images

Wie sich die Zeiten ändern. Als Lady Di im Sommer 1997 verunglückte, schien die ganze Welt in einen sentimentalen Trauertaumel zu geraten: der neugewählte britische Premier Tony Blair sprach andächtige Worte, das gemeine Volk weinte über die „Prinzessin der Herzen“, der schrille Popstar Elton John widmete der Verblichenen bei der offiziellen Abschiedsfeier einen schmalzigen Song. Schnell waren damals die Spielverderber ausgemacht: die Königliche Familie, die aristokratischen Hüter der „stiff upper lip“. Die Queen, Prinz Charles & Co., die zunächst mit typisch britischer Kühle und überhaupt nicht sentimental auf den Unglücksfall reagiert hatten.

Wozu brauchen wir noch eine Königliche Familie, fragten damals nicht wenige britische Kritiker. Erst als die Windsors dank geschickter PR-Interventionen aus der Zone der Weltfremdheit heraustraten, Blumen und Kränze begutachteten, Worte der Anteilnahme artikulierten, verzog sich der Groll, das Unverständnis. Lady Dianas Söhne, William und Harry, hinter dem Sarg der Verstorbenen herlaufen zu sehen, tat ein Übriges: man konnte die Royals wieder ins Herz schließen. Zumal diese aus der vorübergehenden Entfremdung die Konsequenzen zogen: ein Zugehen auf die globale Popkultur wurde als unvermeidlich verstanden. Die Generation William und Harry übernahm diesen Job, doch auch die anderen Familienmitglieder verhielten sich zukünftig relaxter. Sogar die Queen lernte – bei Events aus Anlass ihres Geburtstages – die Darbietungen von Popstars mit Pokerface-Disziplin über sich ergehen zu lassen.

„Trauern ja, aber mit Würde.
Kitsch nein, denn der Dienst geht weiter.
So wie es die Pflicht verlangt.“

Trauerfeier und Beisetzung von Prinz Philip auf Schloss Windsor
Bitte kein Mitleid: Die Queen trauert, aber verliert nicht ihre Disziplin. Foto: dpa

Nur in diesem Jahr ist es anders. Nicht nur, wie 2020, wegen der Pandemie, sondern weil die 95-Jährige ihren langjährigen Ehegatten, Prinz Philip, verloren hat (s. DT vom 15. April). Die wahre königliche Substanz trat bei der Beerdigungsfeier am vergangenen Samstag voll zutage. Die Abschiedszeremonie war die Antipode zur Trauerfeier vor 24 Jahren. Statt seichter Pop-Songs wurde eine religiöse Hymne der Royal Navy („Eternal Father, Strong to Save“) gesungen, statt kreischender Tränen wölbte sich eine mit Kirchenglocken und Militär-Salven geschmückte Schweigeminute über die Insel. Der jetzige Premier Boris Johnson trat völlig in den Hintergrund, indem er der im engsten Familienkreis vollzogenen Abschiedsfeier fernblieb. Seinen Platz – but seriously – einem Familienmitglied zur Verfügung stellend. Eine Geste der Demut und der Selbstzurücknahme, die perfekt in den schlichten Ablauf der Zeremonie passte.

Denn: bei dem, was auf Schloss Windsor stattfand und von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt via TV und Social Media verfolgt wurde, fand ein geradezu demonstrativer Verzicht auf alles Pompöse oder an einen „Betroffenheitskult“ (Cora Stephan) erinnernd Könnende statt. Was natürlich auch daran liegt, dass der Tod eines 99-Jährigen Weltkriegs-Veteranen mit geschliffenem Geist und Witz etwas anderes ist, als der Tod einer 36-Jährigen Jet-set-Aristokratin auf Selbstfindungsreise. Dennoch: Was man am 17. April 2021 neu bestaunen konnte, war die ungebrochene Kraft der Tradition, die Dignität des Weniger-ist-mehr, die Schönheit der Selbstkontrolle.

Aristokratisches Kulturprogramm

Der Anblick der von den Schuhen bis zur Corona-Schutz-Maske in schwarz gekleideten Königin, die allein in einer Bank der St. Georgs-Kapelle saß, drückte schließlich ein aristokratisches Kultur-Programm at its best aus: Trauern ja, aber mit Würde. Kitsch nein, denn der Dienst geht weiter. So wie es die Pflicht verlangt. In einer Gesellschaft, in der das Wort „Haltung“ zu einer banalen Metapher für jegliche Ausblühungen zeitgeisttrendiger Aktivismen verkommen ist, hat uns zuletzt die Queen vorexerziert, welche Bedeutungsfülle dieses arg zerfaserte Wort in Wirklichkeit hat, ihm endlich wieder die gesamte semantische Fülle zurückgegeben, es praktisch aus den trüben Brackwassern der Postmoderne gefischt und somit für uns alle gerettet.

Dass ausgerechnet der sonst so spröde wirkende Prinz Charles Tränen für seinen „Papa“ vergoss und emotionale Schwäche zeigte, wirkte menschlich zwar sympathisch, enthüllte vielleicht aber auch, warum er mit 72 Jahren immer noch Prinz und nicht König ist. Es fehlt der Mumm und die Selbstbeherrschung eines echten Alpha-Tiers.

Choreographie des Abschieds: perfekt

Dass Prinz Philip trotz seiner jokes und Sottisen eines solches war, offenbarte auch die von ihm selbst zu Lebzeiten durchdachte Choreographie des Abschieds. Nichts wurde dem Zufall überlassen, keine Sekunde verschenkt. Vom Militär-Landrover, der den Sarg transportierte, bis zur biblischen Lesung, in dem die Größe des Schöpfers und der Schöpfung gepriesen wurde,

Von den weißen Blumen auf dem Sarg, von Bachs „Schmücke dich, o liebe Seele“ bis zum orthodoxen liturgischen Hymnus (Kondakion) für die Verstorbenen – alles hatte Stil. Das richtige Gleichgewicht aus dezent Persönlichem und universaler Commonwealth-Repräsentanz. Alles fand – auch dank der involvierten anglikanischen Geistlichen – mit einer Formvollendung statt, die in Hollywood oder „Top of the Pops“ trotz professioneller Inszenierungskünstler niemals zu finden sein wird. Was wohl daran liegt, dass das Englische Königshaus eine Institution ist, die nicht auf Intuition gebaut ist, sondern auf Hierarchie und Differenz. Der distinguierte Blutkreislauf der Generationen zählt hier noch etwas. Trotz, wie William und Harry bewiesen haben, einer prinzipiellen Offenheit für bürgerliche Partner-Optionen. Was so ziemlich das radikalste Gegenprogramm zu dem ist, was gegenwärtig durch Parteien, Parlamente oder diverse religiöse Kult-Organisationen fegt.

Barmherzigkeit statt Familienaufstellung

 

Nicht Gleichheit um der Gleichheit willen, ist die Message von Familie Windsor, sondern: wer unsere Ansprüche erfüllt, darf partizipieren. Die Regeln stellen aber weiter wir auf. Mit dem Ergebnis, dass bei der Abschiedszeremonie nicht nur die bürgerliche Gattin von Harry fehlte, sondern auch die adelige Ex-Frau von Prinz Andrew, der selbst allerdings eher wie ein Zaungast wirkte. Doch den eigenen, wegen Affären auffällig gewordenen Sohn bei der Beerdigungsfeier zu verstoßen, das wäre für den verstorbenen Prinzen und „Grill-Großmeister“ (Harry über seinen Großvater) dann doch zu viel der Härte gewesen. Barmherzigkeit muss sein. Bei aller Härte und Pflichterwartung.

Dass die Queen die Männer, die an der Trauerfeier teilnahmen, in dunklen Cutaways und Krawatte statt Uniform auflaufen ließ, war auch ein Zeichen des Mitgefühls – weniger ihren Söhnen, als ihrem Enkel Harry geschuldet, der im Zuge des Meghan-Komas alle militärischen Titel abgelegt hat und aufgrund der eigentlich vorgesehenen militärischen Kleiderordnung einmal mehr in eine peinliche Situation geraten wäre. Im Einzelfall kann die Institution Königshaus also durchaus gnädig und verständnisvoll sein. Nebenbei signalisierte das von den Männern verlangte Outfit – ganz ohne Gepränge und bunte Orden – Einheit, Geschlossenheit, Harmonie. Zumindest äußerlich und für den Tag des Abschieds. Bei dem Tohuwabohu, das derzeit auf dem Erdkreis herrscht, ist das keine Kleinigkeit.

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