München

Phantasie schärft die Sinne

Aktive Orientierung im Raum und in der Zeit oder auch der bewusste Umgang zwischen den Menschen, bedürfen der Interpretation der Sinneseindrücke. Dazu bedient die Phantasie sich der Erfahrungen und gestaltet unser komplexes Weltbild.

Phantasie beflügelt die Wahrnehmung
Komplexe Wirklichkeit, komplexe Ordnung der Schöpfung Gottes: Ausschnitt aus J.M.W. Turners "Fighting Temeraire" Foto: IN

Die rein leibliche Welt ist eine Welt ohne Illusionen. Man könnte mit Alfred North Whitehead von wirklichen Ereignissen sprechen, die im Organismus stattfinden. Die Unmittelbarkeit der sinnlichen Qualität entzieht sich der Falsifikation. Auch ein Fiebertraum ist wirklich, wenn er den Träumenden in seinen Laken ächzen lässt, auch ein Phantomschmerz, und ganz streng genommen ist es eine falsche Metapher, wenn wir sagen, durch eine Filmvorführung oder einen Zerrspiegel werde das Auge getäuscht: Getäuscht wird die seelische Maschinerie der Deutung und Sortierung, die der Sensation jedes neuen Augen-Blicks ihren Ort in den Registern des Verstandes oder der Vorurteile zuweist. Das Feld der Illusion eröffnet sich erst mit der Zeit, wie denn auch nur die Zeit eine falsche Deutung einer Sinneswahrnehmung erweisen kann. Damit es jedoch eine Deutung des logischen Zusammenhangs der Zeit geben kann, muss dieser zuerst durch die Vorstellungskraft und das Erinnerungsvermögen zur Darstellung gebracht werden.

Vorstellungskraft erhöht die Qualität der Wahrnehmung

Für die Übersetzung der vorübergleitenden sinnlichen Erfahrungen in Abbilder, die sich behalten und reproduzieren lassen, ist nach Aristoteles die phantasia zuständig. Sie ist tatsächlich die Kraft der Vorstellung, jedoch ist sie zunächst kein Medium der Erfindung, keine Quelle reiner Illusionen. Die Wahrnehmung wird durch die Phantasie nicht ausgeschmückt oder verformt, sondern vertieft.

Was das Auge sieht oder die Ohren hören, davon erkennt eine größere Detailfülle und erhält eine klarere, dem Wesentlichen viel nähere Vorstellung, wer mehr Phantasie hat. Der begabte Zeichner und genaue Beobachter beweist es: Um das Charakteristische einer Situation, eines Anblicks oder einer Person genau zu erfassen, muss die Phantasie imstande sein, dem inneren Bild eine Schärfe des Umrisses und eine Fülle der Qualitäten zu erhalten, die dem Phantasielosen schon in der Realität des Augenblicks entgeht. Wie ein lebensvoller Spiegel transportiert die Vorstellungskraft oder Phantasie die Fülle immer neuer Erfahrungen mal mehr, mal weniger getreu herüber in die Welt der Bilder und Geschichten, die die Erinnerung bewahrt.

Leidenschaft prägt das Wunschbild

Die Dinge im Spiegel zu sehen, lässt sie jedoch zugleich leichter erstarren und leichter verschwimmen. Entweder erinnert man sich nur an ein paar Einzelheiten, die keine vollständige Gestalt mehr ergeben, oder man vergisst alle Details und behält einen Scherenschnitt zurück.

In Einzelteile aufgelöste, oder zu starren Hohlformen kristallisierte Körper sind die bevorzugten Darsteller in unseren Illusionen. Die Exaktheit der Phantasie erzeugt eine Welt, in der alles wie Puzzleteile zusammenpasst, die Voreingenommenheit der Leidenschaft behält von der Erfahrung nur das zurück, was dem Wunschbild entspricht. Der imaginierten Welt mangelt es dann weder an Ordnung noch an Schönheit. Doch gibt es in ihr nur Repräsentanten der sie bestimmenden Ideen, keine Individualität.

Realität lässt sich nie vollständig wiedergeben

Das Individuelle ist eigentlich nie illusionär. Es hat die Unabänderlichkeit des Gegenwärtigen. Unbezweifelbarkeit des Augenblicks. Real, auch wenn es immer unvorhersehbar bleibt, von undurchdringlicher Dichte, auch wenn es sich nie vollständig wiedergeben lässt.

Es ist die Individualität der Gegenwart, die sie zum Gegenteil jeder Illusion macht. Die Festigkeit des Anwesenden zeigt sich an seiner unmittelbaren Besonderheit. An ihr gibt es nichts zu deuten. Erst wenn das Einmalige der Ereignisse durch die Vorstellungskraft in schematische Bilder übersetzt, durch den Verstand in allgemeine Begriffe gefasst, ein Gegenstand der Erinnerung geworden ist, kann es auch verfälscht werden.

Die Wirklichkeit des Seins erlebt man im Augenblick

Die Geschichte, zu der sich die Folge ihrer Tage verbindet, kann eine Illusion sein, in der eine Person befangen ist, doch erstreckt sich diese Illusion niemals auf das Leben der Person selbst. Das liegt nämlich weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft, und überhaupt in keiner Erzählung, sondern, jeder Verfälschung entzogen, in den gläsernen Tropfen der Augenblicke.

"Die Größen der Zeit sind zu jeder Metamorphose fähig,
wehrlose Opfer jeder neuen Deutung."

Das Problem der Illusion ist für uns vor allem von praktischer Bedeutung, wenn es darum geht, das Morgen aus dem Gestern möglichst korrekt abzuleiten. Doch für die Wirklichkeit unseres Seins ist es weniger wichtig. Die wird im Augenblick erfahren und die kann, solange es lebt, kein Wesen verlieren, sowenig, wie eine Schildkröte ihren Panzer verlassen kann.

„We are such stuff/ As dreams are made on, and our little life/ Is rounded with a sleep.“ (The Tempest, IV. iv. 148–158). Schatten, Widerschein, dünnes Tuch, das zerflattert: Die Metaphern, die Shakespeare seinem Prospero in den Mund legt, deuten auf die Unsubstanzialität aller Erscheinungen, die am Tag ihres Entstehens schon den Keim ihres Vergehens in sich tragen.

Biografie, Selbstwahrnehmung ist veränderlich

Vielleicht ist es die Zeit selbst, die aus solchem Traumstoff gemacht ist. Die Größen der Zeit sind zu jeder Metamorphose fähig, wehrlose Opfer jeder neuen Deutung. Geschickte Überredung kann die Anekdote einer ganzen Biografie verändern. Nach einem Schock hat jemand plötzlich ein ganz anderes Bild seines Lebens als zuvor.

Sicher besitzt jedes Wesen sein kleines Schicksal, ist eine, oft sehr kurz währende, Episode in der Zeit, deren wahre Bedeutung vielleicht nur Gott kennt. Doch noch mehr ist es eine Erscheinung im Augenblick. In ihm hat es seine unverwechselbare Anwesenheit. Es mag nichts bleiben von so einem Augenblick der An-Wesenheit, er mag spurlos verwehen. Doch was in ihm, einmalig, da war, das wird nie mehr nicht gewesen sein können. Robert Spaemann hat einmal geschrieben, aus der Wahrheit des Seins könne man nie ganz herausfallen. Auch jede Illusion ruht am Ende auf ihrem Fundament. Die Berührung mit dieser unübersteigbaren Mauer des Wirklichen kann die Gestalt des Rausches annehmen, und noch jede verrannte intellektuelle Anstrengung, aus uralten Irrtümern eine bessere Welt zu formen, bestätigt die Ordnung der Schöpfung.

Die Ordnung der Schöpfung muss sichtbar werden

Vielleicht muss sich diese etwas nachsichtige Beurteilung der Illusion bis auf die Verderben bringenden Irrtümer erstrecken, die aus dem Wunsch geboren wurden, einen neuen, freien und gottgleichen Menschen zu erzeugen. Das Geschöpf, das seine Natur stets richtig erkennen müsste, um sie zu behalten, würde dem nicht geradezu eine Aufgabe Gottes aufgebürdet?

Die Tür, die aus dem Gefängnis der Illusion herausführt, liegt nicht immer innerhalb des Weltgebäudes der gedanklichen Erkenntnis. Sie führt aus ihr hinaus ins Freie, auf den Gipfel der Gegenwart. Wenn dort die zarte Kontur der falschen Idee den scharfen Kanten des Anwesenden ausgesetzt wird, vermag vielleicht nur die Bosheit selbst das Licht der Sinne abzudunkeln, in dem die Ordnung der Schöpfung sichtbar werden muss.

Misstrauen in die Wahrnehmung kann in Entschlussunwillen münden

Die Befürchtung, dass Wahrnehmungen und Empfindungen uns mit tausenderlei Illusionen zum Narren halten, entwächst deswegen vielleicht gar nicht daraus, dass die Sinne oder die Gefühle vor der Wirklichkeit versagen, sondern vielmehr die Entschlussfähigkeit.

Wenn keine Option uns in ihren Bann zieht und der quälend leere Raum der Entscheidung sich zwischen uns und den Dingen auftut: Die Illusionen, die Gespenster der losgelösten Möglichkeit, bevölkern diesen Raum nur deshalb, weil die Entscheidung ihn nicht schließt. Eher träge schleichen sich diese durchscheinenden Phantome in ihn ein, zögerlich und vage, als warteten sie selbst nur darauf, von einem vitalen Entschluss hinweggefegt zu werden. Sie sind weniger echte Kinder der Phantasie, als ihrer Abwesenheit: Schablonenansammlungen, mit denen der Geist spielt, wenn kein ernstes Interesse in ihm erwachen will.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.