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Per Videospiel zu Gott finden

Gamer schlagen eine Brücke zwischen dem Glauben und der Zockerszene.

Gamer schlagen eine Brücke zwischen dem Glauben und der Zockerszene.
Aus der Computerspielerszene kommt ein neuer Impuls für die Verkündigung: Glauben lernen durch Spielen am Rechner. Foto: Cavan Images via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Zocken und beten – geht das zusammen? Vielleicht nicht gleichzeitig, aber wer meint, Christsein und eine Leidenschaft für Gaming würden sich grundsätzlich ausschließen, irrt sich gleich in mehrfacher Hinsicht. Denn es gibt nicht nur eine ganze Bandbreite an christlichen PC-Spielen, sondern auch eine – wenngleich noch kleine, aber so doch bewusst vernetzte – christliche „Nerdszene“.

Daniel Schmidt ist erster Vorsitzender von MainQuest Ministries, einem ehrenamtlich geführten Verein, der unter anderem das in den USA entstandene Konzept der „Game Church“ in Deutschland umsetzt. MainQuest will eine „Verbindung von christlichem Leben und Nerdkultur fördern“, erklärt der 28-jährige Gaming Referent und Student für Erziehungswissenschaften. Es sei eine Initiative in beide Richtungen: Zum einen gehe es darum, „die Liebe Gottes in die Nerdkultur zu bringen“, zum anderen soll das Projekt auch „Christen helfen, die Nerdkultur zu verstehen und zu lieben“. Schmidt schmunzelt: „Wir wollen nicht nur die Gamer bekehren“, solle einmal jemand gesagt haben.

Die Interessengruppe sollte riesig sein

Die über die Chat-Plattform „Discord“ vernetzte Online-Community von MainQuest hat aktuell etwa 300 Mitglieder. In Kooperation mit dem CVJM organisiert MainQuest seit 2019 außerdem die „Level Up-Konferenz“. „Nerdige Christen zusammenbringen und Raum für Fragen und Inspirationen geben“, darum geht es, erklärt Schmidt. In Deutschland gibt es laut Statistik mehr als 34 Millionen „Gamer“, wobei unter diesen Begriff jeder fällt, der in irgendeiner Art und Weise zumindest gelegentlich Computer- und Videospiele spielt. Bei dieser Größenordnung dürfte auch der Anteil christlicher Gamer wesentlich höher sein als vielleicht vermutet. „In den Gemeinden müsste es eine riesige Interessensgruppe geben“, meint Schmidt. Dabei werde das Zocken im christlichen Kontext allerdings eher wenig thematisiert, zum Teil werde es auch abgewertet. In den Gemeinden fehle eine „vernünftige Auseinandersetzung mit dem Thema“, bedauert Schmidt. Jugendreferenten hätten oft wenig Ahnung von Gaming, auch im Blick auf andere Bereiche der Pop- und Nerdkultur wie etwa Filme und Anime.

Aufholbedarf besteht auch bei der Entwicklung von explizit christlichen PC-Spielen selbst. Da sehe es, auch international, „ziemlich dürftig“ aus, meint Amin Josua, der Geschäftsführer von „Lightword Productions“. Der promovierende evangelische Theologe arbeitet gerade an dem bisher wohl aufwändigsten Game-Projekt im christlichen Kontext. „One of 500“ will „die bedeutendste Geschichte aller Zeiten“ in einem hochqualitativen 3D-Adventure erlebbar machen. Aus der Perspektive eines Fischerjungen kann der Spieler in die Welt des Evangeliums eintauchen und dort Jesus und seiner Botschaft begegnen. Dabei setzt das Spiel bei anthropologisch-existenziellen Themen an, die nicht nur für Christen, sondern für alle Menschen bedeutsam sind. „Du wirst mit den großen Fragen des Lebens konfrontiert, musst deine eigene Positionierung finden und schwierige Entscheidungen treffen. Während du dein eigenes Abenteuer erlebst, verwebt sich deine Geschichte auf spannende Weise mit den Ereignissen der Evangelien.“ Im Kontext dieser allgemeinen Fragestellungen werde die biblische Perspektive als eine mögliche Positionierung angeboten, die man wählen kann, aber auch nicht müsse, erklärt Josua.

Problemanzeige und Lösung zugleich

„One of 500“ richtet sich damit sowohl an Christen als auch an Nicht-Christen, wesentlich ist ein gewisses Interesse am Evangelium. Egal ob stark im Glauben verwurzelt, „latent christlich sozialisiert“ oder eher allgemein religiös interessiert und spirituell suchend: „One of 500“ möchte ein Anknüpfungspunkt für die Begegnung mit der christlichen Botschaft sein. Der ursprüngliche Impuls war von einer Gruppe frisch konfirmierter Jugendlicher ausgegangen, die meinten, die einzige Möglichkeit, dass sie sich intensiver mit der Bibel auseinandersetzen, sei, dass sie „sie zocken können“. Amin Josua sieht in dieser Aussage Problemanzeige und Lösung zugleich. Zum einen werde deutlich, dass das, was Kirchgänger in Corona-Zeiten erfahren haben – das Abgeschiedensein von der kirchlichen Kommunikation –, bei Millionen anderen schon lange so ist. Damit zeigt sich zum anderen auch ein potenziell fruchtbares Handlungsfeld. Man müsse sich mehr dem Digitalen zuwenden und auch in dieser Kommunikationsstruktur präsent sein, wenn man die Menschen, insbesondere auch Jugendliche erreichen will, meint Josua. Spiele seien da eine besonders gute Möglichkeit, denn durch das aktive Eingebundensein erlebe man die Inhalte relevanter.

„Wir haben das Glück, dass wir die einzigen sind,
die auf diesem Level ein biblisches Game machen“

Gleichzeitig ist sich Josua bewusst, dass ein Spiel allein „keine vollwertige Strategie zur Kommunikation des Evangeliums“ sein kann, „keine Grundlage für einen dauerhaft stabilen Glauben“. Da müsse man fragen, was die „Next Steps“ für die Spielenden sein könnten. Für viele Leute sei es allerdings gar nicht mehr im Entscheidungshorizont, sich gegenüber dem christlichen Glauben zu positionieren. Ein PC-Spiel kann diese Option wieder ins Gedächtnis rufen, zum Nachdenken anregen und sogar Begeisterung wecken.

Gut, richtig gut!

„One of 500“ soll dabei vor allem eines sein: gut, richtig gut. Sowohl inhaltlich als auch technisch. Qualitativ eher minderwertige christliche PC-Spiele gibt es zur Genüge. Mit „One of 500“ hat man die Messlatte der eigenen Ansprüche an Game und Theologie nun ganz nach oben gelegt. Darum will man sich das Ganze auch rund sieben bis zehn Millionen Euro und einige Zeit kosten lassen. Auf der Christian Game Developers Conference (CGDC), einer internationalen Konferenz für christliche Spieleentwicklung, war man vor drei Jahren noch mehr als skeptisch und hielt das Projekt eher für eine „dumme Idee“. Im Jahr darauf sei man erstaunt gewesen und im nächsten war Amin Josua mit seinem Projekt einer der Hauptreferenten.

„Wir haben das Glück, dass wir die einzigen sind, die auf diesem Level ein biblisches Game machen“, meint Josua. So habe man nach und nach sehr fähige Leute für das Projekt gewinnen können.  Zum Teil kommen die Anfragen von Menschen, die sich einbringen wollen, ganz von selbst. Insgesamt steht hinter „One of 500“ ein größeres universitäres Team.

Darüberhinaus auch noch historisch korrekt

Denn das Spiel soll nicht nur wirklich Spaß machen, pädagogisch sinnvoll aufgebaut sein und den christlichen Glauben theologisch sauber darstellen, es soll auch „historisch möglichst korrekt“ sein, etwa im Blick auf die Kleidung oder die geografischen Gegebenheiten.

Finanziert wird das Projekt vor allem über Investoren. Seed-Investor ist die Württembergische Landeskirche, zwei weitere Landeskirchen haben bereits Lizenzen erworben. Corona hat allerdings auch hier finanzielle Spuren hinterlassen: Nachdem Investoren abgesprungen sind, kann das Spiel nun nicht wie geplant Ende 2020 erscheinen. Dennoch ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis mit „One of 500“ ein Spiel an den Markt geht, das diese „kulturelle Lücke“ in der Bibelvermittlung – man kann sie bereits lesen, hören und anschauen – zumindest ein wenig schließen könnte. Gute Aussichten, nicht nur für christliche Gamer.

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