Und doch brodelt die Gerüchteküche Die innergeschichtliche Erwartung der Vollendung - Über das politische Denken Joachims von Fiore

Joachim von Fiore (1135? - 1202), kalabrischer Abt und skurriler mittelalterlicher Denker: träumte er nicht von einem "dritten Weltzeitalter", in dem die Welt verwandelt und die Kirche überflüssig werde? Zeigten seine Schriften, seine echten und vermeintlichen Prophetien, nicht Wirkung bis in die jüngste Vergangenheit hinein? Doch Vorsicht! Zwischen dem, was von jemandem gesagt wird, dass dieser gesagt habe, und dem, was dieser Jemand tatsächlich gesagt hat, klaffen oft Welten. Wir wissen es alle; und doch brodelt die Gerüchteküche. Wie auch immer: Joachims Wirkung auf neuzeitliche Geschichtsphilosophien und diverse Fortschrittsideologien kann kaum überschätzt werden. Wer versteht das Mittellatein überhaupt noch? Offensichtlich der Verfasser der an der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg eingereichten Dissertation. Er ist kein Theologe, kein Philosoph, sondern Politologe; und was er zu Tage fördert, lässt sich sehen, mehr noch: es ist überraschend. Doch der Reihe nach und zunächst zurück zu Joachim. Der kalabresische Abt suchte als Zisterzienser eine Spiritualität zu leben, die, an den christlichen Ursprüngen orientiert, neue Wege der Christusnachfolge wies. 1177 wird Joachim in den Urkunden des Klosters von Corazzo Abt genannt. Sechs Jahre später sehen wir ihn in Casamari, einer Zisterze südlich von Rom. Er arbeitete dort an seinen bedeutendsten Schriften: dem "Buch der Übereinstimmung zwischen dem Neuen und dem Alten Testament" (Liber Concordiae Novi ac Veteris Testamenti) und einem "Kommentar über die Geheime Offenbarung des Johannes" (Expositio in Apocalypsim). Diese beiden grundlegenden Werke werden später ergänzt durch eine weitere einflussreiche Schrift: durch das so genannte "Psalterium mit den zehn Saiten". Es stellt eine Reflexion über den dreifaltigen Gott dar. Für Joachim war der Zisterzienserorden selbst inzwischen reformbedürftig. Was ihm fehlte und wonach Joachim sich offensichtlich sehnte, war das einsiedlerische Ideal mönchischer Anfänge. Jedenfalls ließ er sich von seinen Pflichten als Abt entbinden, zog sich in die einsame Sila, eine Hochebene in der Mitte Kalabriens, zurück und gründete dort in San Giovanni in Fiore eine Eremitengemeinschaft. Wollte Joachim mit der ach so "bösen Welt" nichts mehr zu tun haben? War dieser Rückzug eine Flucht, wie das Generalkapitel der Zisterzienser 1192 vermutete? Joachim selbst versteht sein Handeln anders. Er will einsam und ungestört über den dreifaltigen Gott und die Welt, über die Menschheitsgeschichte, das Heil und die Heilsgeschichte nicht nur nachdenken, sondern dabei vor allem die Absichten Gottes mit der Welt ergründen. Was Joachim umtreibt, ist die schlichte Beobachtung, dass nach Christus und trotz der Erlösung ein unzulängliches Weltzeitalter weiterläuft. Er zieht daraus den Schluss, dass eine vollkommenere Welt noch bevorstehe; und zwar nicht irgendwann, sondern in naher Zukunft. Was können wir tun, um die Welt empfänglicher für Gott zu gestalten? Wie muss der Mensch sich selbst und das Zusammenleben der Menschen organisieren, damit die Dynamik des Geistes Gottes am effektivsten in der Welt zum Durchbruch kommen kann? Genau an diesem Punkt setzt Riedls Untersuchung an: Ihn interessiert das politische Denken Joachims; und zwar "erstens vor dem Hintergrund seiner geistigen Grundlagen und biographisch-historischen Bedingtheiten", zweitens im konkreten Blick auf Joachims Schriften und - drittens - hinsichtlich seiner breiten, kaum mehr zu überschauenden Wirkungsgeschichte. Joachims politisches Denken aber war zutiefst apokalyptisch geprägt. Mit Recht und mit deutlichem Rekurs auf die subtilen Studien zur Geschichte des Utopie-Begriffs von Ferdinand Seibt nimmt der Autor daher die Apokalyptik des Joachim zum Ausgangspunkt seiner Reflexionen, untersucht sodann die facettenreichen Transformationen, die Joachims Apokalyptik im werkgeschichtlichen Verlauf und im konzentrierten Blick auf die politischen Realitäten angenommen hat, und kommt - drittens - auf die "Dimensionen der Erfahrung" zu sprechen. Auch hier rekurriert der Autor auf die Quellen selbst und stellt dabei Joachims Selbstdeutung ins Zentrum seiner Reflexion: Am Anfang steht ein Ereignis, vom Autor "das Erlebnis" genannt, das "Offenbarungserlebnis, das an Ostern 1185 Joachims intellektuelle Krise beendete" und, allgemeingeschichtlich gesehen, "einen der entscheidenden Durchbrüche in der Geschichte der politischen Ideen" bedeutete: Joachim selbst sieht sich vom Heiligen Geist erfüllt. Dieser drängt ihn, mit seinen früheren Ansichten über die Heilsgeschichte zu brechen, ja eine völlig neue Geschichtstheologie zu konzipieren, eine Geschichtsdeutung mit weitreichenden Konsequenzen für die persönlich zu lebende Spiritualität wie auch für die politische Neuformation von Kirche und Welt (Gesellschaft). Joachim ist überzeugt: Ein neuer, dritter Zustand der Welt (tertius status mundi) breche an. Dieser korrespondiere mit der dritten innergöttlichen Person, dem Heiligen Geist; und zwar ebenso wie der erste Zustand der Welt, die Zeit vor Christi Geburt, vornehmlich von Gott-Vater, und der zweite Zustand der Welt, die Zeit seit Christi Geburt, vor allem von Gott-Sohn geprägt worden sei. In einem vierten Schritt, sucht der Autor das politische Denken Joachims systematisch zu erfassen und noch einmal - im fünften Kapitel - diese Neukonzeption im Blick auf Joachims Verfassungsentwurf zu konkretisieren. Diese Verfassung, von Joachim für das dritte Zeitalter, für das Zeitalter des Heiligen Geistes, entworfen, wird hier von Riedl sorgfältig übersetzt und sachkundig kommentiert: Liber Figurarum, Tavola VII, dispositio novi ordinis. Das Besondere des Entwurfs liege, "in der kunstvollen Verbindung des Allgemein-Gesellschaftlichen mit dem Lokal-Konkreten". Hier weise "Joachims Konzeption voraus auf die utopischen Entwürfe des 19. Jahrhunderts, die mit paradigmatischen und gleichfalls an Benediktinerklöster orientierten Stadtarchitekturen die "universale Harmonie" der Menschheit darzustellen suchten." Allerdings: Einen bedeutenden Unterschied zu Joachim gibt es: "Dass sich in diesen Plänen nicht mehr die Gestalt der himmlischen Gottheit abbildet, sondern der dieu de la terre, der Mensch als Schöpfer seiner eigenen Weltordnung." Zum Schluss wird unter der Überschrift "Zur Bedeutung Joachims von Fiore" Resümee gezogen: "Joachims langfristige Bedeutung" bestehe "weniger in seinem spezifischen gesellschaftspolitischen Entwurf", als vielmehr "im Fortwirken der Symbole, die er als Ausdruck seiner neuartigen innergeschichtlichen Vollendungserwartung geschaffen" habe. Darüber hinaus aber meint der Autor, Joachims Lehre "als eine Variante des christlichen Mythos" bezeichnen zu müssen, ohne allerdings genügend darüber zu reflektieren, was denn pünktlich und genau mit "Mythos" gemeint sei. Diese Begriffsklärung wäre aber umso wichtiger gewesen, als wenige Seiten zuvor auch vom alten russischen Reichsmythos, ja vom Mythos der NS-Ideologie die Rede ist. Doch das eigentliche Ergebnis der Arbeit liegt darin, "dass die Idee des innergeschichtlichen Fortschritts keineswegs als Antwort auf den Erfolg der Naturwissenschaften zu sehen ist, sondern Erfahrungen zum Ausdruck bringt, die im Zusammenhang mit der Kirchen- und Ordensreform stehen. Die Spiritualisierungsprozesse, die Joachim in der zeitgenössischen Kirche beobachten konnte, veranlassten ihn, die Vollendung der Menschheit in der erneuerten Kirche eines künftigen Geistzeitalters zu erwarten". Die mittelalterliche Historiographie und Geschichtstheologie legt doch zunächst ihr Augenmerk vor allem auf zwei Fragemomente: Erstens auf die Frage nach der Möglichkeit einer Periodisierung der Universalgeschichte und zweitens auf die Beantwortung der Frage, wieso die Hoffnung der Christenheit auf Heil durch die faktischen Leiden in der Geschichte nicht widerlegt werde, sondern vielmehr ihre Bewährungsprobe finde. Während im ersten Fall stärker auf Augustinus rekurriert wird, nicht zuletzt auf sein Verständnis der sieben Schöpfungstage als "typoi" der sieben Weltalter, kommen im zweiten Problemfall vor allem Otto von Freising und Rupert von Deutz zu Wort. Letzterem geht es vor allem um die "Vergeschichtlichung" des Erlösungs- und Heilswegs, eines "Weges"übrigens, den er trinitätstheologisch zu deuten und analog zu den drei göttlichen Personen zu gliedern weiß. Und Rupert hatte seine Nachfolger: Honorius Augustodunensis, der in der vorliegenden Studie mit keinem Wort erwähnt wird, Gerhoch von Reichersberg und nicht zuletzt auch Anselm von Havelberg. Schon hier, nicht erst bei Joachim, avanciert die Trinitätstheologie zum Schlüssel für das Verständnis der Geschichte, wobei der Heilige Geist zunehmende Bedeutung gewinnt: einerseits als jener, der das Ganze der Weltwirklichkeit und Geschichte zusammenhält, andererseits als jene göttliche Größe, die im Mensch wirkt, ihn erleuchtet und zur Selbstbestimmung befähigt. War es nicht gerade dieser Versuch, Notwendigkeit und Freiheit zusammen zu denken, der von Joachim aufgegriffen und ins diesseitig Gesellschaftliche transformiert wurde, ihn zum "Denker der vollendeten Menschheit" machte und schließlich noch im Deutschen Idealismus Nachahmung fand? Doch diese kritischen Fragen wollen und können nicht den Wert vorliegender Arbeit schmälern. Im Gegenteil: Sie weisen darauf hin, wie sehr diese gründliche und gut konzipierte Quellenstudie das interdisziplinäre Gespräch vor allem zwischen Politikwissenschaftlern, Historikern, Philosophen und Theologen anregt, ein Gespräch, dessen Notwendigkeit genau in dem Maße wächst, in dem allenthalben die wissenschaftliche Spezialisierung voranschreitet. Autor: VON MANFRED GERWING