Würzburg

„Nicht nur irgendeine Aufführung“

Gregorianischer Choral zum Mitbeten: Ein Aufnahmeprojekt schneidet drei Jahre lang den Gesang französischer Nonnen mit.

Bald hörbar: Benediktinerinnen von Jouques beten und singen
Benediktinerinnen von Jouques beten und singen, bald hörbar für die Öffentlichkeit. Foto: Abbaye de Notre-Dame de Fidélité

 Die Abtei Notre Dame de Fidélité in Jouques gehört nicht zu den traditionsreichsten französischen Klöstern. Zwanzig Kilometer von Aix-en-Provence gelegen, wurde die Benediktinerinnenkongregation 1967 gegründet. Dennoch könnten die momentan 42 Nonnen nun in gleich mehrfacher Hinsicht Geschichte schreiben: Kirchen-, Musik- und sogar Technikgeschichte. Seit März letzten Jahres sind kaum sichtbar in ihrer Kirche acht Mikrophone installiert, die alles aufzeichnen, was die Schwestern täglich singen: die Messen und die Stundengebete im gregorianischen Choral, wie er gerade auch bei den Benediktinern gepflegt wird. Was mitgeschnitten wird, landet noch am selben Tag beim Plattenproduzenten John Anderson in Italien, der das Material auf technisch ziemlich komplizierten Wegen für die Wiedergabe im Internet aufbereiten lässt. Über 2 000 Stunden Musik sind auf diese Weise inzwischen zusammengekommen, am Ende, in zwei Jahren, werden es etwa 7 000 sein – womit „Neumz“ das mit höchster Wahrscheinlichkeit größte Aufnahmeprojekt aller Zeiten wäre.  

Auf geistlicher Mission

Reiner Selbstzweck ist es nicht, sondern folgt durchaus einer geistlichen Mission. Ab Pfingsten wird jeder am Rechner die Gesänge der Nonnen nachhören und damit am ewigen Gesang der Kirche teilhaben können, zunächst in Gestalt einer Webanwendung, ab Herbst dann über die Betriebssysteme iOS und Android auch auf mobilen Endgeräten. In einer kostenlosen Version wird man den gregorianischen Choral nach dem Prinzip des Radios zu den Zeiten der Messe und des Stundengebets im Kloster aufrufen können, um selber mitzusingen und mitzubeten. Das Messordinarium und Proprium des jeweiligen Tages, dazu das Officium mit seinen Psalmen und Hymnen werden dafür mit Übersetzungen in mehrere moderne Sprachen koordiniert, außerdem mit dem Notenbild in Quadratnotation, die, als historisch letzte und bis heute gebräuchlichste Stufe der Neumen, dem Projekt auch seinen Namen gibt. Daneben wird es auch eine kostenpflichtige play-on-demand-Version geben, mit der man jederzeit Zugriff auf das gesamte Material hat und deren Erlös zu zwei Dritteln an ein Tochterkloster der Nonnen von Notre Dame de Fidélité im afrikanischen Benin geht. 

Semesterferien bei der Tante im Kloster

Dass die Wahl auf das Kloster in Jouques fiel, hat mit dem Leben des experimentierfreudigen John Anderson zu tun. Mit Odradek Records hat er vor acht Jahren eine der ungewöhnlichsten Plattenfirmen gegründet: ein non-profit-Label, bei dem sich auch unbekannte Künstler mit Demobändern bewerben können, das aber inzwischen auch prominente Musiker für Veröffentlichungen nutzen. Mit seinem neuen Projekt folgt der Amerikaner einer Liebe, die er schon viel früher entdeckt hat, zu Beginn der 2000-er Jahre, als er in Oxford Musikwissenschaften studierte. Die langen Semesterferien verbrachte er immer bei seiner Tante, die Nonne in eben jenem südfranzösischen Kloster ist. Die Einfachheit und Natürlichkeit des gregorianischen Chorals berührte ihn dabei so tief, dass er diese Erfahrung irgendwann mit der Welt teilen wollte. 

Die Tante und ihre Mitschwestern waren erstmal deutlich weniger sicher, ob sie das wollten, wie Anderson im Telefonat berichtet. „Sie hatten Zweifel, ob sie ihren Gesang überhaupt verkaufen dürfen.“ Daneben hätten sie aber auch Sorgen geäußert, dass sie nicht perfekt genug seien für eine weltweite Hörerschaft, wenn sie beim täglichen Singen „mal husten müssten oder falsche Noten sängen“. Schließlich bildet der gregorianische Choral auch unter reinen Musikliebhabern und in diversen Esoterikbereichen ein nicht zu vernachlässigendes Marktsegment, wie etwa der Erfolg der Mönche des österreichischen Stifts Heiligenkreuz schon seit Jahren zeigt. Am Ende entschieden die Schwestern, den Mitschnitt ihres liturgischen Tagesablaufs mit ihrer Sendung in Einklang bringen zu können, weil sie das tägliche Gebet ohnehin für die ganze Welt darbrächten. 

„Es ist das echte Gebet, nicht nur irgendeine Aufführung“

Dass dabei nicht das Streben nach rein musikalischer Perfektion im Vordergrund steht, macht für Anderson gerade die Authentizität der Aufnahmen aus. „Es ist das echte Gebet, nicht nur irgendeine Aufführung“, sagt er. Viele der gängigen Aufnahmen seien ihm zu glatt. Man darf also das Chorgestühl knarzen hören, wenn die Nonnen beim Gebet aufstehen. Dass hier Frauen und nicht wie meistens Männer sich mit diesem „Repertoire“ hören lassen, dürfte das Bild des gregorianischen Chorals auch unter Musikliebhabern bereichern. Bei den vielen wiederholten Gesängen wählt Anderson den besten Take aus, andere dagegen kann er nur einmal innerhalb der Leseordnung mitschneiden. Weil sie auf drei Jahre angelegt ist, wird der Hörer erst ab 2022 vollständig synchron mit den Nonnen von Notre Dame de Fidélité beten können.  
Selbst mitzusingen dürfte ihm dabei auf jeden Fall leichter fallen, sagt John Anderson bei seinen ersten Besuchen in Jouques.

Für den Sohn eines Lateinlehrers war dabei nicht die Sprache das größte Problem, wie er erzählt, vielmehr verwirrte ihn die komplizierte Choreographie, in der die Nonnen die Bücher wechseln. Schließlich ist nach der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils noch kein Choralbuch entstanden, das wie das alte „Liber usualis“ die Gesänge für die Messe und das Stundengebet in sich vereint. Den Notenteil seiner App versteht Anderson deshalb auch als „Liber digitalis“, das diesen Missstand mit den Mitteln des Internetzeitalters beheben helfen will.

Ein "Liber digitalis" für das Internetzeitalter

Dass es dem Projekt auch um eine Bestandsaufnahme geht, dürfte besonders die kostenpflichtige Variante mit dem Zugriff auf das gesamte Material deutlich werden lassen. Das gemeinsame vollstimmige Singen ist inzwischen in vielen Klöstern bedroht, weil sie nicht mehr genug Nachwuchs haben. Auch deshalb sah sich Anderson in der Pflicht, die spezifische Gesangstradition an einem spezifischen Ort festzuhalten, zu der Besonderheiten wie etwa regionale Heiligenfeste gehören.
Da er nun schon die aufwendige Technik dafür entwickelt hat, kann er sich gut vorstellen, das Projekt später andernorts fortzusetzen und beispielsweise Gesangstraditionen auch der Ostkirchen festzuhalten.

„Warum sollte am Ende nicht so etwas wie ein Spotify des geistlichen Gesangs entstehen können?“, fragt Anderson. Sollte „Neumz“ Erfolg haben, sagt er, würde er als unmittelbar nächstes Projekt gern den gregorianischen Choral in einem Kloster mitschneiden, das in Messe und Stundengebet der tridentinischen Liturgie folgt.


www.neumz.com

 

DT/kaj

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