Starnberg

Neues Leben ist ein Segen

Wir opfern keine Jungfrauen, um die Götter zu besänftigen wie die Azteken, wir bringen die Neugeborenen nicht um, wenn sie überzählig sind, oder Mängel aufweisen. Haben es Kinder bei uns gut?

Ein Haus mit Kindern
Ein Haus mit Kindern. Neues Leben bedeutet Zukunft. Foto: Mehmet ozaslan (273078893)

Wie entzückt sind wir, wenn eine Ente ihre Küken ausführt, eine Katze ihr Junges zärtlich leckt, ein Baby-Eisbär sich in die Pfoten der Mutter kuschelt, ein Pinguin-Vater wochenlang das Ei auf seinen platten Füßen schaukelt und unter dem Federkleid wärmt, während die Mutter von weither Futter holt. Das Starke sorgt für das Schwache. So kann das  Leben immer wieder neu beginnen   und wir, die Menschen, sind gerührt. 

Haben sie es gut?

Wir sind auch gerührt, wenn uns ein Baby anlächelt. Ganz ohne Denken und Urteilen schenkt uns das Kind schon wenige Wochen nach der Geburt einen reinen Blick der vollständigen, liebenden Annahme. Der Himmel geht auf! Aber empfinden wir dasselbe Entzücken wie bei der Brutpflege der Tiere auch bei einer stillenden Mutter? Bringt sie nicht große Opfer von der Empfängnis bis zur Geburt? Von der Geburt bis zum Abstillen und immer weiter durchs ganze Leben hindurch? Sie gibt ihren Körper, ihre physische Substanz. Wie könnte sie da nicht ihr Herz schenken! Aber sonderbar: Die Rührung bleibt aus, die Hochachtung, dass das Starke sich des Schwachen annimmt und so das Leben weiterschenkt. 

Was ist los? Sind wir im Westen nicht stolz auf unsere "Humanität"? Wir opfern keine Jungfrauen, um die Götter zu besänftigen wie die Azteken, wir bringen die Neugeborenen nicht um, wenn sie überzählig sind, oder Mängel aufweisen wie die Römer, wir zwingen die Kinder in den reichen Ländern des Westens nicht zur Arbeit wie jene, deren billige Produkte wir kaufen, und wir machen sie nicht zu Soldaten im Krieg. Aber haben Kinder es gut bei uns? 

Kranke Kinder

Nein, sie haben es nicht gut. Ein Viertel bis zu einem Drittel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist krank an Leib und Seele, so krank, dass sie von Ärzten und Therapeuten behandelt werden müssen. Hinter den Zahlen verbirgt sich Leid, großes existenzielles Leiden der Kinder und Jugendlichen mit schlimmen Auswirkungen auf ihr persönliches  

Leben und die Zukunft der ganzen Gesellschaft; aber auch das Leid der Eltern, deren Kinder nicht gedeihen, die ihnen keine Freude machen, die krank, aggressiv oder depressiv sind und ihnen früh entgleiten. Kinder, deren Psyche angeknackst ist, haben mehr Schulschwierigkeiten, brechen die Schule häufiger ab, haben gar keine oder nur niedrige Bildungsabschlüsse, haben schlechte Chancen auf Ausbildungs- und Arbeitsplätze, sind stärker drogengefährdet und werden häufiger straffällig. 

In den Großuntersuchungen, die das massenhafte Leiden der jungen Generation dokumentieren, wird der offensichtliche Zusammenhang mit niedrigem sozio-ökonomischen Bildungsstatus auf  gezeigt, aber nach den tieferen Ursachen wird nicht gefragt. Der Zerfall der Familie taucht als Ursache nicht auf, das Wort Scheidung kommt nicht vor.  Abhilfe wird von Medizin und Therapie erwartet. Diese können bestenfalls lindern, aber das weitere Abrutschen in eine Gesellschaft, die zu großen  Teilen aus kranken Individuen besteht, nicht verhindern.  Diese Zahlen des Leidens nicht hinnehmen zu wollen, hat mit Nostalgie gar nichts zu tun, mit  Lebenswillen und Hoffnung auf Umkehr zu einer lebensfähigen Zukunft alles. 

Das Leben ist eine Last

Das Leben ist so eingerichtet, dass der Mensch im ersten und letzten Lebensabschnitt hilfsbedürftig ist und in der Mitte des Lebens die Kraft hat zu helfen. Das Leben ist eine Last, wie wir es auch drehen und wenden. Eine humane Gesellschaft nimmt diese Last an: Die Starken kümmern sich um die Schwachen und die Jungen um die Alten. Wenn sich Eltern gut um die Kinder kümmern, steigen die Chancen, dass die Kinder sich auch gut um sie kümmern werden, wenn sie alt sind. Eine in- humane Gesellschaft will die Last abwerfen und gerät so auf Kollisionskurs mit dem Leben selbst. 

Das Wort "human" erweckt den Anschein, dass es die Eigenart des Menschen sei, gut zu sein, aber da irrt sich die Sprache, jedenfalls beschreibt sie nicht die Realität, sondern die Potenz, das Ideal des Menschen: So werden wie der Pinguinvater, der wochenlang nichts frisst und sich kaum bewegt, damit das Küken in der zerbrechlichen Eischale auf seinen Füßen heranwachsen und zur rechten Zeit schlüpfen kann, um wieder ein Pinguin zu werden, der sich in die äußerste Reihe stellt und die Herde vor dem heulenden Nordwind schützt. Er hat sich nicht dafür entschieden. Sein Instinkt nötigt ihn zur Selbstlosigkeit. Der Mensch muss sich für das Gute entscheiden. It doesn t come easy, der Weg geht bergauf. Aber wir gehen lieber bergab, grundsätzlich, und heute ganz besonders. Das Bergaufgehen bringt Leben, Freude, Zukunft. Das Bergabgehen bringt Traurigkeit, Depression, Angst, Ausweglosigkeit, Tod. Leiden kommt auf beiden Wegen   bergauf und bergab. Bergauf ist die Hoffnung Weggefährte, bergab die Trübsal. 

Kinder werden in unserer Gesellschaft überwiegend als Last dargestellt. In der Tat ist Kinder kriegen und Kinder haben kein Kinderspiel. Es ist der Ernstfall des Lebens. Größte Freude und große Opfer kommen im Doppelpack. Unter der Bedingung des Massenwohlstandes wurde einer ganzen Generation die Lüge verkauft, der Sinn des Lebens sei Spaß und dieser Spaß sei kostenlos zu haben, ohne Opfer, ohne Leid. Vater und Mutter werden lässt diese Lüge von einem Augenblick zum anderen in sich zusammenfallen. Da liegt ihnen dann nach neun Monaten dieses Bündel Mensch in den Händen, vollständig hilflos, vollständig auf liebevolle Fürsorge angewiesen. 

Wer ist dieses Kind

Das Leben entfaltet sich, von innen her, ganz von allein. Wenige Tage nach der Geburt schaut das Kind in die Augen der Mutter. Da ist ein Selbst, da ist Geist, da schaut eine geistbegabte Seele. Wie unfassbar kostbar ist dieser kleine Mensch! Wer ist dieses Kind? Was wird aus ihm werden? Was sind seine Gaben, seine Eigenschaften, seine Aufgabe? Bei jeder neuen Lebensäußerung tasten die Eltern nach Zeichen, die das Geheimnis ein wenig lüften. Niemand lehrt das Kind, den Kopf zu heben, sich umzudrehen, sich für ein Mobile zu interessieren, sich aufzusetzen, zu krabbeln, sich anzustrengen bis zur Erschöpfung, die Treppe hochzuklettern, schließlich den ersten Schritt zu wagen. Gibt es etwas Beglückenderes als das Lächeln eines Säuglings, etwas Ansteckenderes als das Kinderlachen? Welch ein Jubel ringsum, wenn Hänschen wieder etwas Neues gelernt hat. Fotos und Videos werden verschickt; Großeltern, Onkel, Tanten und Freunde sind hingerissen, wenn Paulinchen begeistert in die Pfütze stampft. Gibt es etwas Schöneres, als wenn einem ein Kind voll Freude in die Arme läuft, sich ausschüttet vor Lachen über Dinge, die wir Großen gar nicht bemerken, sich voll Vertrauen vom Vater in die Luft werfen lässt, sich in den Arm der Großmutter schmiegt und ganz und gar Ohr ist, wenn sie ihm eine Geschichte vorliest? Eine Mutter, die vierundzwanzig Stunden täglich das Kind nährt, wickelt, beschützt und mit ihm spricht, ohne dass Antwort in Worten kommt, die immer alle Antennen offen hat, ja einen siebten Sinn für die Bedürfnisse des Kindes entwickelt   "Ammenrapport" nennt das die Kinderpsychologie   braucht einen langen Atem. 

Ja, es ist anstrengend, ein Kind ins Leben zu begleiten, immer auf das Kind und nicht auf sich zu schauen, manchmal nicht trösten, nur warten zu können, Krankheiten durchzustehen. Aber der Lohn ist groß, unendlich viel größer als die Mühe: Ein neues Menschenkind ist auf der Welt. Die Eltern können neu werden in der bedingungslosen Liebe des Kindes. Sie sind nun mit dem Leben selbst unauflöslich verbunden. Es gibt keinen Rückzug mehr. Das Kind zieht die Eltern mit in die Zukunft. 

Opfer die Segen bringen

Nicht lange und es wird vielleicht schon in der Krippe in andere Hände gelegt, wird in den Kindergarten gehen, in die Schule, wird nach dem Smartphone greifen und seinen Platz in der Gruppe der Gleichaltrigen suchen. Die Gestaltungsmacht der Eltern über die Welt des Kindes wird immer mehr abnehmen. Wohl den Eltern und wohl dem Kind, wenn es in den ers ten drei Jahren, in denen sich das seelische Fundament ausbildet, eine unzerstörbare, sichere Bindung zur Mutter und zum Vater entwickeln konnte, die ihm für das ganze Leben die innere Gewissheit gibt: Ich bin gewollt. Ich bin geliebt. Ich bin geborgen. Die Welt ist gut. Ich kann vertrauen. 

Soweit der Plan für das Lebensdrama Vater,  Mutter, Kind. Aber was passiert in der heutigen Realität? Schauen wir hin, was wir mit Kindern machen. Kinder sind unsere Zukunft. Schauen wir hin, was wir mit unserer Zukunft machen. Es wird weh tun, die Realität zu sehen, wie sie ist. Wir alle sind Teil dieser Realität und erschaffen  sie mit. Aber aus dem Schmerz kann die Entscheidung erwachsen, das Kind in die Mitte zu stellen; dem Schwachen zu dienen, dem Kind. Das kostet Opfer.
Opfer, die Segen bringen. 


Von der Autorin erscheint aktuell das Buch "Die verlassene Generation" (368 Seiten, fe Medienverlag, ISBN/ EAN: 978-3-863572761, 17,80 EUR). Dieser Text ist ein Auszug aus dem Werk. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.