Würzburg

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit: Wehret den Anfängen!

Die Freiheit der Wissenschaft und Meinungsfreiheit werden ständig bedroht, sei es durch „political correctness“ oder auch „cancel culture“ und ähnliche zeitgeistige Bewegungen. Bisher mehr als siebzig deutsche Professoren haben sich nun für mehr akademische Meinungsfreiheit eingesetzt. Die Aktion stößt auf Unverständnis. Ein Mitinitiator antwortet den Kritikern.

AfD-Mitgründer Lucke hält erste Uni-Vorlesung
Die Cancel Culture greift um sich, wie hier bei den ersten Vorlesungen Bernd Luckes nach seiner Rückkehr an die Uni Hamburg 2019. Seine Lehrveranstaltungen wurden massiv gestört, da es den Demonstrierenden ein Dorn im Auge war, dass der Ökonom die AfD mit begründete und als Polit... Foto: Markus Scholz (dpa)

Das neu gegründete Netzwerk Wissenschaftsfreiheit ist mit einem Manifest, einer Pressekonferenz und einer Website an die Öffentlichkeit getreten. 70 Professoren (dazu zählen nach den geltenden Regeln des deutschen Rechtschreibrates auch Kolleginnen) gaben der Sorge Ausdruck, dass die „verfassungsrechtlich verbürgte Freiheit von Forschung und Lehre zunehmend unter moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden soll“. Sie müssten „vermehrt Versuche zur Kenntnis nehmen, der Freiheit von Forschung und Lehre wissenschaftsfremde Grenzen schon im Vorfeld der Schranken des geltenden Rechts zu setzen.

Einzelne beanspruchen vor dem Hintergrund ihrer Weltanschauung und ihrer politischen Ziele, festlegen zu können, welche Fragestellungen, Themen und Argumente verwerflich sind. Damit wird der Versuch unternommen, Forschung und Lehre weltanschaulich zu normieren und politisch zu instrumentalisieren. Wer nicht mitspielt, muss damit rechnen, diskreditiert zu werden. Auf diese Weise wird ein Konformitätsdruck erzeugt, der immer häufiger dazu führt, wissenschaftliche Debatten im Keim zu ersticken.“

Rufmord im Netz und Drohungen

Fast jeder der Unterzeichner konnte bei den Vorbereitungstreffen von Erfahrungen mit Pressionen, Drohungen und Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit erzählen, von mehr oder weniger subtilen Signalen über die Erwünschtheit und Unerwünschtheit wissenschaftlicher Positionen über Rufmord im Netz und Drohungen bis hin zu körperlicher Gewalt. Man kam schnell überein, dass man in diesem Rahmen keine weiteren Ziele als die Verteidigung und Aufrechterhaltung der grundgesetzlich geschützten Wissenschaftsfreiheit (Art 5,3 GG) verfolgt. Dazu gehören die Dokumentation und Abwehr von Angriffen auf die wissenschaftliche Forschung, die leistungsorientierte Personalrekrutierung und eine freie Debatte. Insofern war das Teilnehmerfeld auch sehr heterogen, was die Disziplinen, Verortungen und politischen Positionen (soweit überhaupt erkennbar) betrifft.

Der Aufruf hat in kurzer Zeit viel Resonanz gefunden. Neben sehr viel Zuspruch und sachgerechter Berichterstattung wurden in den sozialen Netzwerken und von einigen Journalisten sogleich erwartbare Vorwürfe erhoben: Es meldeten sich mit dem Netzwerk doch privilegierte Männer (Frauen sind allerdings auch dabei), die ständig zu Wort kämen. Dabei wird ganz übersehen, dass es natürlich nicht nur um die arrivierten Gründer des Netzwerkes und deren Eigeninteresse geht. Tatsächlich, dies gibt es auch noch im Zeitalter der Identitätspolitik, geht es um die Scientific Community im Ganzen, die dortigen Diskursregeln und die freie Entfaltung des Nachwuchses. Für diesen ist oftmals nicht mehr eine freie wissenschaftsimmanenten Kriterien folgende Entwicklung möglich, da Cancel Culture und politisch motivierte ad-personam-Kritik abweichende Forschungsansätze und Positionen stigmatisieren.

„Wer also meint, dass es das beschriebene Problem nicht gibt,
hat offenbar noch nie den Pfad des linken Mainstreams verlassen“

Auch der Vorwurf, es handle sich um bei der Drittmittelvergabe leer Ausgegangene, kann man nicht bestätigen. Mir selbst wurde gerade von meinem Universitätspräsidenten eine überdurchschnittliche Drittmitteleinwerbung bescheinigt und die entsprechenden Erfolge und Projekte der Kollegen sind nachprüfbar. Behauptet wird auch nicht, dass die Drittmittelvergabe ausschließlich nach politischen und „woken“ (also rassismus- und privilegienkritischen) Kriterien geregelt wird, aber die Bedeutung dieser wissenschaftsfremden Kriterien nimmt zu. So verlangt neuerdings die größte, staatlich finanzierte Förderorganisation, die DFG, bei jedem Projektantrag eine Auskunft über die „Relevanz von Geschlecht und/oder Vielfältigkeit“. Politische Stiftungen lassen bei der Bewerbung um Promotionsstipendien ankreuzen, ob man einen Migrationshintergrund hat und ob die Eltern einen Hochschulabschluss haben. Bei einer Bewerbung für die Junge Akademie muss man ausdrücklich erklären, inwiefern eine Aufnahme in die Akademie deren Diversität befördern würde. Das bedeutet natürlich eine explizite sachfremde Lenkung und Einengung von Forschungs- und Wissenschaftsfreiheit.

Ich war vier Jahre im Ausschuss des Historikerverbandes tätig und dort war die Privilegierung von Geschlechtergeschichte, die Auswahl von Sektionen für den Historikertag nach biologischen Merkmalen der Referenten und die Abwertung von nicht ganz unwichtigen Ansätzen der Politik-, Militär- und Geschichte der internationalen Beziehungen samt deren Vertretern und Standorten omnipräsent. Ähnliches wurde mir aus den DFG-Gremien berichtet.

Gelebte Wissenschaftsfreiheit wird massiv angegriffen

Ferner wird moniert, dass doch in vielen Fächern die Wissenschaftsfreiheit ungestört praktiziert werde, etwa in den Rechtswissenschaften. Auch dort fällt aber auf, dass etwa die kritische Begleitung der Migrationspolitik der Bundesregierung seit 2015 eher Sache weniger Arrivierter und Emeriti war. Für die Karriere war eine Beschäftigung mit diesem essenziellen Thema offenkundig hinderlich. Sicher haben wir noch nicht die Zustände in Deutschland, die an manchen amerikanischen und britischen Hochschulen und Colleges herrschen, wo Sprachregeln und Tabus verletzende Dozenten umstandslos entlassen, Ausschreibungen nach Hautfarbe vorgenommen und ganze Curricula politisch korrekt umgeschrieben werden.

„Tote weiße Männer“ dürfen in manchen Lehrplänen für Kunstgeschichte, Philosophie oder Politische Theorie keine Rolle mehr spielen. Dieses wissenschaftsfeindliche Klima schwappt derzeit aber nach Deutschland über, zunächst an die Humboldt Universität in Berlin, aber auch schon an viele andere Universitäten. Hier gilt es, den Anfängen zu wehren.

Bayerischer Rundfunk mit merkwürdiger Kritik

Der merkwürdigste, im Bayerischen Rundfunk erhobene Vorwurf lautete: Wenn das beschriebene Problem so groß sei, müssten sich doch mehr Professoren zusammentun. Wer mal eine Zoom-Konferenz mit ein paar Dutzend Kollegen mitgemacht hat, wird die Idee, zunächst Hundertschaften zu sammeln und sich dann auf einen Text zu verständigen, für nicht besonders hilfreich halten. Es war genau umgekehrt, eine kleine Gruppe übernahm die Initiative und wurde durch Mundpropaganda von Angeboten zur Mitarbeit regelrecht überrannt. Und nun wurde ja erst der Auftakt gemacht; in den letzten Tagen haben sich zahlreiche Kollegen gemeldet, die mittun wollen. Schließlich werden, nicht ganz zu Unrecht, handfeste Beweise für die kritisierte Einschränkung des Grundrechts auf Wissenschaftsfreiheit gefordert.

Das Netzwerk arbeitet an einer entsprechenden Dokumentation und besonders gravierende Fälle wie die Kampagnen gegen Jörg Baberowski, Hubertus Knabe, Herfried Münkler, Dieter Schönecker oder der jüngste politisierende Feldzug des Historikers Eckart Conze gegen Kollegen, die eine differenzierte Position in der Beurteilung des Deutschen Kaiserreiches und der Hohenzollern vertreten, sollten bekannt sein. Darüber hinaus ist aber zu bedenken, was die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann über die öffentliche Meinung schrieb: Sie ist nichts positiv Fixiertes, sondern eine Kraft, die jeder spürt, der sich mit ihr anlegt. Wer also meint, dass es das beschriebene Problem nicht gibt, hat offenbar noch nie den Pfad des linken Mainstreams verlassen. Wissenschaft besteht aber in der Herausforderung eingefahrener Meinungen und hergebrachter Erkenntnisse. Nur dann kann sie Neues und Interessantes hervorbringen. Das Netzwerk will die Grundbedingungen der Wissenschaft und der Wissenschaftsfreiheit verteidigen und den Angriffen auf sie sachlich und entschlossen begegnen.


Der Autor ist Professor für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg und unter seinem Namen auch auf Twitter und Facebook aktiv.

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